Bonner Gewächs - DER SPIEGEL
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Wein Bonner Gewächs

Die deutschen Winzer haben sich über das neue Weingesetz zerstritten: Es droht die Qualität heimischer Tropfen zu mindern.
• aus DER SPIEGEL 35/1994
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Wenn deutsche Weinfreunde demnächst, angeregt von den Vorabmeldungen über einen großen 94er Jahrgang, ihre Vorräte aufstocken wollen, werden sie sich wundern. Neben Land-, Tafel- und ausgewiesenen Prädikatsweinen wird in den Regalen eine bislang unbekannte Kategorie Flaschen stehen: der Qualitätswein garantierten Ursprungs, Kürzel: QgU.

Der QgU ist ein Bonner Gewächs, gezogen in den Paragraphen des neuen Weingesetzes, das am Donnerstag dieser Woche in Kraft tritt. Doch was dem Absatz heimischer Tropfen dienen und die 2600 deutschen Lagen vor allem gegen südländische Konkurrenz wappnen soll, trifft bei vielen Winzern auf Kritik: Das Gesetz fördere die Industrialisierung des Weinbaus, benachteilige Kleinbetriebe und mindere die Qualität deutscher Rebensäfte.

»Unsere Talfahrt wird weitergehen«, kommentierte Michael Prinz zu Salm-Salm, Präsident des Verbandes Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter (VDP), die Lage seines Berufsstandes und die Perspektiven des Gesetzes - und zog die Konsequenzen: Weil er »nunmehr die Förderung des wirklichen Qualitätsweinbaus schicksalhaft in die eigene Hand nehmen« will, trat der Adelsmann mit seinen Getreuen aus dem Deutschen Weinbauverband (DWV) aus, der Dachorganisation aller 16 deutschen Regionalverbände.

Salm-Salm und seine Mitstreiter stört, was künftig alles noch »Prädikatswein« genannt werden darf: Selbst »Auslese« und »Eiswein« kann nach dem neuen Gesetz maschinell geerntet werden. Anpflanzungsrechte für feine, aber schwer zu bewirtschaftende Steillagen dürfen auf minderwertige, aber rationeller zu bearbeitende Flachlagen übertragen werden.

Zudem würden, prophezeit der Prinz, Winzer im mittleren Marktsegment benachteiligt, die sich keinen entsprechenden Maschinenpark leisten können. Auch ist es der Qualität abträglich, daß die Vermarktungszeit für Prädikatsweine entscheidend verkürzt wird: Edeltropfen müssen künftig nicht mehr bis zum März des auf eine Lese folgenden Jahres auf dem Weingut reifen, sondern dürfen schon am 1. Dezember nach der Ernte verkauft werden.

Am schlimmsten aber sei das QgU-Signet: Anders als beim französischen Gütesiegel »Appellation d'origine controlee« (A.O.C.), das über Gebiet, Einzellage und Geschmackskomponenten informiert, täusche das neue Kürzel Qualität lediglich vor. QgU, sagt Armin Diel, VDP-Sprecher der Region Nahe, erwecke »fälschlicherweise den Eindruck einer auf einen Ort begrenzten Parzelle«.

Tatsächlich muß etwa ein 94er Riesling der Großlage »Niersteiner Gutes Domtal« weder ausschließlich aus Reben dieses Jahrgangs noch aus Rieslingtrauben stammen. Er braucht keinen Tropfen aus der Gemarkung Nierstein zu enthalten und »darf trocken, halbtrocken oder süß ausgebaut werden«, wie Diel sagt.

Dem elitären VDP bleibe es ja »unbenommen«, höhere Qualitätsstandards einzuhalten als vom Gesetzgeber vorgeschrieben, kontert der Dachverband DWV kühl. Für die Mehrzahl seiner Mitglieder sei das Weingesetz »in der vorliegenden Form akzeptabel« und außerdem geeignet, so DWV-Präsident Reinhard Muth, einen »mediterranen Angriff« innerhalb der EU abzuwehren.

Denn Bonn peilt mit den QgU-Weinen eine mittlere Qualität an, die durch Einsatz hochtechnisierter »Vollernter« auch rentabel zu produzieren ist - allerdings fast ausschließlich von größeren Weinbaubetrieben, denen sich der DWV besonders verpflichtet fühlt.

Um das Q wenigstens halbwegs zu rechtfertigen, enthält die Reform eine enger als bisher gefaßte Höchstertragsvorschrift: Ein kräftiger Rebschnitt soll für geringere Ernten und höhere Öchsle-Grade sorgen, eine Voraussetzung für bessere Weine.

In den meisten deutschen Anbaugebieten bleiben für einfache Tafelweine auch künftig 150 Hektoliter pro Hektar erlaubt. VDP-Mitglieder erlegen sich deshalb eine freiwillige Beschränkung von 75 Hektoliter für Qualitätsweine auf. Deutlich unter 50 Hektoliter liegen die Erträge klassifizierter Bordeaux-Chateaux und erster Adressen in Burgund.

Wahre Weinschmecker werden wohl auch künftig zu teuren Spitzenmarken greifen, die von Stöcken und Böden mit sehr geringem Ertrag stammen. Als »Aufsteiger des Jahres 1993« kürte der Gault-Millau-Weinführer gerade den Rheingau-Winzer Wilhelm Weil. Der beschränkt sich bei Rieslingen weise auf 35 Hektoliter pro Hektar. Y

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