Brasiliens Rache am Antiterrorgesetz Daumen um Daumen
Ankommen in Rio ist wie eintreten in ein tropisches Gewächshaus: Feuchtwarme Luft füllt die Lungen schon beim ersten Atemzug; so muss es sich anfühlen, wenn man einen voll gesogenen Schwamm in der Brust hat. Im Rüssel, der an das Flugzeug gefahren wird und über den man das Flughafenterminal erreicht, bekommen die Passagiere die ersten Hitzewallungen. Draußen herrschen schon in den Morgenstunden, wenn die Langstreckenflüge aus dem winterlichen Europa oder den USA landen, mindestens 25 Grad und mehr als 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Manchmal kühlt es in den Sommermonaten während der Nacht aber auch nur auf 32 Grad ab.
Angekommen im Terminal, heißt es erst mal Geduld üben. Nur wenige der Schalter, an denen Beamten die Reisepässe stempeln, sind zu dieser frühen Stunde besetzt. Während die brasilianischen Reisenden in einer gesonderten Schlange nur kurz ihre Papiere zeigen müssen, stehen sich die übermüdeten Touristen aus der so genannten Ersten Welt gern mal die Beine in den Bauch. Mitunter dauert es mehr als eine Stunde, bis ein Polizist der Policia Federal, der Bundespolizei, mit einem geraunzten "Bom Dia" endlich den benötigten Einreisestempel in den Pass haut.
US-amerikanische Touristen, die in den vergangenen Tagen in das südamerikanische Land einreisten, hätten bei einer einstündigen Prozedur wohl laut "Jippieh" oder "Yeah" geschrien. Denn zum Teil wurden die Amerikaner acht Stunden an den Flughäfen aufgehalten. Klar, dass sämtliche gebuchten Anschlussflüge längst über alle Berge waren.
Hintergrund ist eine richterliche Anweisung, wonach alle US-Bürger künftig bei der Einreise fotografiert werden, zudem werden ihre Fingerabdrücke genommen - so als seien sie Verbrecher oder illegale Einwanderer. Kein Wunder, dass die Touristen verärgert auf das neue Verfahren reagieren, das durch die Entscheidung des Richters Julier Sebastião da Silva aus dem Bundesstaat Mato Grosso seit Anfang Januar gilt. Da Silva hatte die Maßnahme als Antwort auf die neuen, verstärkten Einreisekontrollen in den USA verfügt - und dabei auf das Recht der gegenseitigen Gleichbehandlung hingewiesen. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Daumen um Daumen.
In den USA stießen die seltsamen Methoden auf wenig Verständnis: Der Sprecher von Außenminister Collin Powell bat die brasilianische Regierung gestern um eine Änderung der Maßnahmen, die für die Reisenden "schreckliche Unannehmlichkeiten" darstellten. Zudem versteht man in Washington nicht, was dahinter stecke, sagte Richard Boucher. "Wir wünschen, dass sie ihre Motive erklären. Ist es Rache oder eine Retourkutsche?" Das Verfahren sei wohl unter großem Zeitdruck eingeführt worden, ohne große Planungen, das zeige sich ja an den enormen Verspätungen. Weder die USA noch die US-Bürger hätten daran Interesse - Brasilien werde sich damit ins eigene Fleisch schneiden.
In der Zwischenzeit weicht die klammheimliche Schadenfreude über den vermeintlichen Coup gegen den großen Bruder in Nordarmerika der Angst um den eigenen Geldbeutel. Schon schlagen die Tourismusminister der brasilianischen Bundesstaaten Alarm: Allein in Rio de Janeiro, so befürchtet der Tourismusminister der Stadt, Rubem Medina, könnte die Zahl der US-Touristen um die Hälfte einbrechen - eine wirtschaftliche Katastrophe für die Stadt am Zuckerhut, Brasiliens Reiseziel Nummer Eins. "Wir versuchen hier alles, um die Übernachtungszahlen zu erhöhen. Aber eine Entscheidung wie diese kann alles zerstören." Daher werde die Stadt die Anordnung anfechten. Und Eile tut Not, schließlich feiert man in Rio schon in wenigen Wochen Karneval.
Jährlich fliegen mehr als 350.000 Touristen allein nach Rio, jeder Fünfte davon stammt aus den USA.