"Bremer Taliban": Lebenszeichen aus Guantanamo - DER SPIEGEL
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"Bremer Taliban" Lebenszeichen aus Guantanamo

Erstmals seit seiner Verhaftung in Pakistan durften die Anwälte des so genannten "Bremer Taliban" ihren Mandanten besuchen und sich auch die Vorwürfe der US-Justiz anhören. Demnach sitzt Murat Kurnaz als Terror-Verdächtiger in Guantanamo, obwohl gegen ihn kaum etwas vorliegt.
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Berlin - Zumindest die Schlussfolgerung aus einem seiner schwersten Fälle ist für den Bremer Anwalt Bernhard Docke nach drei Jahren Arbeit klar. "Es ist so wenig, was gegen meinen Mandanten vorliegt", sagte Docke am Freitag, "dass er eigentlich sofort freigelassen werden müsste." Das wird jedoch nicht so schnell geschehen - schließlich sitzt sein Klient Murat Kurnaz seit drei Jahren als "feindlicher Kämpfer" im unzugänglichsten Gefängnis der Welt in Guantanamo auf Kuba ein.

Gleichwohl ist Docke ein kleines Stück vorangekommen. Erstmals bekam der Anwalt in den vergangenen Tagen eine Idee, was die US-Armee seinem Mandanten mit dem Spitznamen "Bremer Taliban" eigentlich vorwirft. Nach drei Jahren des Rätselratens, dem Aufsetzen von unzähligen Anträgen und dem vergeblichen Warten auf irgendeine Reaktion aus den USA sei das ja schon mal etwas, so der Anwalt. Bisher jedoch hat er seinen Klienten noch nicht ein einziges Mal sehen dürfen.

Ziemlich genau drei Jahre ist es her, dass Murat Kurnaz im Herbst 2001 in Pakistan festgenommen wurde. Der Krieg gegen die Taliban in Afghanistan hatte gerade begonnen, da zogen ihn Polizisten aus einem Bus nahe der Stadt Peschwar. Zuerst machten sie dem verwirrten Türken mit deutschem Pass noch Hoffnung. Er werde zum Flughafen gebracht und müsse zurück nach Deutschland. Wenig später aber veränderte sich das Ziel der Reise: Statt mit den Pakistanern zum Flughafen wurde Kurnaz an US-Beamte übergeben und über Afghanistan nach Guantanamo ausgeflogen.

Ein Selbstmordattentäter, der noch lebt

Auf Kuba sitzt Kurnaz seitdem als enemy combatant ein. Was die USA dem jungen Bremer vorwerfen, wurde jedoch für Anwalt Docke erst jetzt bekannt. Demnach halten die US-Behörden Kurnaz für einen Kämpfer der Taliban und Unterstützer der Terror-Gruppe al-Qaida. Konkret wird dem jungen Türken die Bekanntschaft mit einem angeblichen Selbstmordattentäter vorgeworfen, der mit Kurnaz nach Pakistan reisen wollte. Zudem habe er sich schon in Deutschland einer Gruppe angeschlossen, die mit al-Qaida in Kontakt stehe.

Doch schon an diesen zentralen Anklagepunkten beginnen für den Anwalt von Kurnaz die vielen offenen Fragen. Denn der angebliche Terrorist - ein Bremer Freund von Kurnaz - reiste gar nicht mit ihm nach Pakistan. Deutsche Polizisten hielten ihn an der Grenze auf dem Frankfurter Flughafen wegen nicht bezahlter Strafen auf. Der junge Mann lebte seitdem wohlauf in Bremen und niemand kenne die Vorwürfe gegen ihn, so Docke. Auch die Zugehörigkeit von Kurnaz zu der angeblich der al-Qaida nahe stehenden Gruppe ist für den Anwalt mehr als schleierhaft.

Warum Kurnaz überhaupt nach Pakistan reiste, ist bis heute nicht ganz klar. Docke sagte, sein Mandant sei ein "religiöser Tourist", aber kein Terrorist gewesen. Auch die deutschen Behörden gehen mittlerweile davon aus, dass Kurnaz lediglich wie viele andere Muslime eine Koran-Schule besuchen wollte, mit dem Terror im Namen Allahs aber nichts zu tun hatte. Ein dementsprechendes Ermittlungsverfahren gegen Kurnaz brachte ebenfalls keine Erkenntnisse, die einen Terror-Verdacht erhärten könnten.

Hoffen auf den Regierungswechsel

Die US-Regierung sieht den Fall jedoch nach wie vor anders. So wurde Kurnaz Ende September von einem US-Militärtribunal als "feindlicher Kombattant" eingestuft, was eine weitere Inhaftierung in Guantanamo rechtfertigt. Docke berichtete nach einer ersten Akteneinsicht, in der von der US-Regierung vorgelegten Dokumenten sei unter anderem eine zehnseitige Erklärung von Kurnaz sowie die Entscheidung des Tribunals enthalten. Nähere Einzelheiten nannte er aber nicht.

Wie das Verfahren nun weitergeht, weiß auch der Anwalt nicht genau. Er kündigte an, die Freilassung von Kurnaz zu beantragen.

Dockes neue Erkenntnisse waren überhaupt erst möglich geworden, weil der Supreme Court die willkürliche Inhaftierung von Terror-Verdächtigen als unzulässig gerügt hatte. Das Urteil scheint die US-Armee jedoch nicht daran zu hindern, Verdächtige wie Kurnaz trotz reichlich dünner Beweislage festzuhalten. Der Anwalt rechnet nicht mit Fortschritten vor dem Jahr 2005 und hofft, dass ein Regierungswechsel in den USA seinem Mandanten helfen könnte.

Wichtig sei jedoch gewesen, dass einer seiner US-Kollegen Kurnaz wenigstens einmal sehen durfte. Über die Haftbedingungen konnte Docke nicht viel sagen, da das Gespräch mit Kurnaz noch als geheim eingestuft sei. Zuvor war zumindest bekannt geworden, dass Kurnaz von der Außenwelt komplett abgeschnitten ist. Weder den Irak-Krieg noch irgendein anderes Welt-Ereignis hatte er in der Haft mitbekommen. Unklar blieb, ob Kurnaz in der Haft gefoltert wurde. Sein Anwalt Bernhard Docke sagte lediglich, er sei "für die furchtbaren Haftbedingungen in erstaunlich guter Verfassung".

Matthias Gebauer