EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Bruderliebe
Freitags um elf rief ein Herr Lelleck bei ihnen an, Irene Sommerfeld notierte: »L-E-L-L-E-C-K«, Ordnungsamt Essen, Sachgebietsleiter. Herr Lelleck klang frostig und forsch, er klang, als hätte er schließlich nicht den ganzen Tag Zeit für so eine Sache.
Herr Lelleck eröffnete Frau Sommerfeld also, dass man ihren Schwager in seiner Wohnung gefunden hatte, tot, vermutlich seit fast sieben Jahren. Die Angelegenheit laufe jetzt so: Als nächster Angehöriger habe ihr Mann die Kosten für die Bestattung zu tragen, 2100 Euro. Herr Lelleck ließ wissen, dass er das Problem schnell gelöst haben wolle, am besten noch am gleichen Tag. Auf Wiederhören.
So sprach Herr Lelleck von der Stadt Essen, ohne Mitleid, ohne Beileid, und sowenig ihn Irene Sommerfeld verstehen kann, so gut kann das wahrscheinlich jeder andere: Hätten Verwandte nach Heinz-Günter Sommerfeld geschaut, dann müsste die Stadt Essen jetzt nicht all diese Fragen beantworten, auf die sie keine Antworten hat: Wie es sein kann, dass ihr ein Sozialhilfeempfänger im Dezember 2000 im Alter von 59 Jahren wegstirbt, an seiner Meldeadresse Kleiststraße 2, ohne dass es das Sozialamt merkt, das Einwohneramt, das Ordnungsamt. Wie es sein kann, dass die Stadt ihm noch 2005 schreibt, er solle sich binnen zwei Wochen beim Amt melden. Wie es sein kann, dass er trotzdem erst jetzt gefunden wird, als das Haus zwangsversteigert werden soll, tot im Bett, neben einer TV-Zeitung, aufgeschlagen die Seite vom 17. Dezember 2000, auf Sat.1 lief »Die Chance deines Lebens« mit Kai Pflaume.
Irene Sommerfeld, 64, und ihr Mann Egon, 72, sitzen in der Durchschnittlichkeit einer deutschen Dreizimmerwohnung im hessischen Raunheim: penibel geputzte Möbel, in der Schrankwand Zinnsoldaten, auf der Sofalehne Teddybären. Irene erzählt von Heinz-Günter, ihrem Schwager, erst energisch, dann weint sie, dann gewinnt sie die Fassung zurück, dann weint sie wieder. Und immer regt sie sich über Egon auf, der es so durchstehen will, wie es nun mal seine Art ist: gleichmütig und gutmütig.
»Ich hoffe, wenn ich mal umfalle, kümmerst du dich um mich besser«, sagt sie, die Gefühle aufgerührt, die Gedanken aufgewühlt, im letzten Abschnitt eines Lebens, in dem doch alles an einem sicheren Platz zu sein schien - dank der guten Pension, die Egon sich als Schichtführer bei den Farbwerken Hoechst verdient hatte, dank der Freunde im Angelsportclub. Stattdessen diese Frage, die sie in den Gesichtern anderer lesen: Was sind das eigentlich für Menschen?
Heinz-Günter kam sieben Jahre nach Egon auf die Welt. Der Vater war Steiger auf der Zeche Zweckel in Gladbeck, eine Respektsperson also, aber noch viel mehr: über tausend Spiele für die erste Mannschaft von Schwarz-Gelb Gladbeck, ein Idol. Der Bürgermeister duzte ihn und besorgte Heinz-Günter eine Lehrstelle als Autoschlosser im städtischen Fuhrpark.
Dann aber kam die Bundeswehrzeit, und als der junge Sommerfeld zurückkehrte, hatte er jenes Gift in sich, das ihn den Rest des Lebens antreiben und zerfressen sollte. Er hatte zu zocken begonnen. »Ich mache mir die Hände nicht mehr schmutzig«, sagte er. Mal fuhr er nun Mercedes, mal stand er ohne eine Mark hungrig vor der Tür seines Bruders, er gewann, er verlor, aber er verlor nie die Illusion, am Ende doch noch zu gewinnen.
Der Vater bekniete ihn, Egon beschwor ihn, einmal ließ sich die Familie die Rente der Stiefmutter ausbezahlen, und Egon beglich alle Schulden seines Bruders. Damals hatten sie sich schon nichts mehr zu sagen - »ich konnte Faulenzer nie leiden« -, und irgendwann sahen sie sich auch nicht mehr.
Bis 1968. Egon und Irene waren nach Hessen gezogen, als der Bruder vor der Tür stand. Er trug einen blauen Wollmantel, beste Qualität, war parfümiert, und er hatte so feine Finger. Als er ihnen Kartentricks zeigte, sah es so aus, als wären die Karten dressiert. Abends nahm er sie mit ins Spielcasino, er verlor 600 Mark in zehn Minuten, am nächsten Tag fuhr er wieder, ohne ein Wort über sich erzählt zu haben. Beim Abschied sagte Heinz-Günter: »Wir hören voneinander.« Es war das Letzte, was Egon und Irene von ihm hörten.
Es ist nicht so, dass sie ihn nicht gesucht hätten, in all den Jahren. Egon stellte über das Einwohnermeldeamt Essen die Adresse fest, zweimal stand er mit Irene vor der Wohnung in der Kleiststraße, aber dann klingelte er doch nicht. »Mein Bruder hatte meine Nummer, wenn er sich nicht meldete, wollte er eben nicht.«
Vor 18 Monaten dann, Egon war zu einem Klassentreffen im Ruhrgebiet, wollte er endlich klingeln, aber diesmal stand er in der falschen Straße, hatte sich in der Adresse vertan. Er schrieb der Stadt Essen, die schrieb zurück: »im lfd. Melderegister nicht zu ermitteln«. Das Sozialamt stellte die Zahlungen ein, weder die Stadtwerke noch der Vermieter ließen die Tür aufbrechen, um Zähler abzulesen oder Schulden einzutreiben. »Vielleicht ist er ja in Thailand«, dachte Egon Sommerfeld.
Er tut sich schwer mit dem Trauern. Sein Bruder ist jetzt tot, aber verloren hat er ihn schon vor 40 Jahren. Die Urne wurde in Essen beigesetzt, vielleicht werden Egon und Irene sie aber noch nach Raunheim holen, für ein ordentliches Begräbnis mit Gebinde. Was auf der Schleife stehen soll? Egon überlegt. Überlegt. Überlegt. Dann sagt er: »Vielleicht ,Dein Bruder'.«
JÜRGEN DAHLKAMP