Brückenunglück "Dann sah ich einen riesigen Abgrund"
Lissabon - "Ich hörte Schreie, einen dumpfen Schlag, 100 Meter weiter und ich wäre jetzt auch dort unten im Douro", sagt Feuerwehrinspektor António Salazar an der Unglücksstelle. "Ich wollte die Brücke passieren, mein Sohn war vor mir. Ich stieg aus und lief die Brücke entlang, dann sah ich einen riesigen Abgrund."
Eine andere Augenzeugin, Maria Fernandes, erinnert sich noch an die Lichter der beiden Fahrzeuge: "Als wir den Knall hörten, stiegen mein Mann und ich sofort aus, und da sahen wir noch die Lichter der beiden sinkenden Autos." Den Doppeldeckerbus habe sie nicht mehr erblickt.
Das Unglück ereignete sich gestern um 21.10 Uhr portugiesischer Zeit, als der Reisebus mit vermutlich 67 Menschen an Bord sowie zwei Pkw die Brücke passierten. Ein tragender Pfeiler gab nach und riss ein 60 Meter langes Teilstück aus der 200 Meter langen und nur drei Meter breiten Brücke, die die Orte Castelo de Paiva und Entre-os-Rios verbindet.
Ganze Familien sollen 50 Meter hinab in die reißenden Fluten des an dieser Stelle zehn bis 20 Meter tiefen Douro gestürzt sein und den Tod gefunden haben. Wie das Busunternehmen berichtete, hätten sich für die Ausflugsfahrt nach Trás-os-Montes große Familien von sechs und mehr Personen angemeldet. Auch zwei Babys sollen darunter gewesen sein.
Eine Frau mittleren Alters weint an der Unglücksstelle, während die Bergungsarbeiten vorbereitet werden: "Ich habe neun Familienmitglieder verloren. Meine Mutter, meinen Vater, meinen Bruder, meine Schwägerin, Nichten und Neffen. Sie hatten sich, wie jedes Jahr, so auf den Ausflug gefreut."
Ganze Familen wurden ausgelöscht
Sechs bis sieben Exkursionen führte das Reiseunternehmen im Jahr durch. Für viele Familien hatte die Teilnahme schon Tradition. Man sei zum Beispiel nach Fátima gefahren, erzählt ein weiterer Angehöriger, namens António Luís, oder wie gestern zur Mandelblüte nach Trás-os-Montes. Aus seinem Dorf, Oliveira do Ardo, stammen etwa 40 Opfer. "Zahlreiche Häuser werden nun verschlossen bleiben", sagt er traurig, "Denn ganze Familien, Eltern, Kinder, Großeltern wurden ausgelöscht."
Die Bergungsarbeiten an den Unglücksstelle, etwa 30 Kilometer landeinwärts von Porto, wurden heute früh gegen neun Uhr aufgenommen. Stundenlang verbringen die Rettungskräfte damit, ein kräftiges Stahlseil von einem Ufer zum anderen zu spannen. Es soll den 60 wartenden Tauchern Sicherheit bieten. Kaum gespannt, birst das Seil, und die Retter fangen von vorne an.
Derweil wird über die Ursachen gerätselt. Der extrem verregnete Winter und der zehn Meter höhere Wasserstand werden ebenso in Betracht gezogen wie der Abbau von Sand am Fuße der Brücke sowie die Überlastung des alten Bauwerks mit 1700 Autos täglich.
Protestrufe gegen Regierungschef Guterres
Gegen Mittag trifft der portugiesische Ministerpräsident António Guterres an der Unglücksstelle ein. Die verzweifelten Angehörigen protestieren wütend. Er versichert den Angehörigen eine würdige Bergung und Beerdigung der Opfer. Zu Anschuldigungen, die Bezirksregierung habe seit drei Jahren die Renovierung der Brücke gefordert, will er keine Stellung nehmen, gibt aber zu, dass "diese nicht die einzige alte Brücke in Portugal ist. Wir sind ein Land mit vielen Problemen."
Für die zweite Jahreshälfte war die Eröffnung eines Bauwettbewerbs für eine neue Brücke geplant, die die 116 Jahre alte, gestern zusammengebrochene Brücke ersetzen sollte. Zu spät. Der zuständige Bauminister und fünf Staatssekretäre erklärten heute früh bereits ihren Rücktritt.