Brühl: Nachtexpress raste ins Unglück - DER SPIEGEL
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Brühl Nachtexpress raste ins Unglück

Bei einem Zugunglück in der Nähe von Köln sind mindestens neun Menschen ums Leben gekommen. Über fünfzig Menschen wurden verletzt. In den Trümmern der Waggons befinden sich wahrscheinlich weitere Opfer. Eine Unfallursache steht bereits fest: Der D-Zug ist im Bahnhof von Brühl wegen stark überhöhter Geschwindigkeit entgleist.
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Brühl - Unter den Trümmern der Waggons lägen möglicherweise noch weitere Tote, berichtete Polizei-Einsatzleiter Winrich Granitzka am Nachmittag in Köln. Der D-Zug D 203 aus Amsterdam mit Ziel Basel war am Sonntag um 0.13 Uhr bei der Einfahrt in den Bahnhof Brühl an einer Weiche entgleist, eine Böschung hinuntergerast und in einem Haus zum stehen gekommen. Drei Waggons wurden dabei schwer beschädigt. Die Polizei gab als Unglücksursache überhöhte Geschwindigkeit des Zuges an.

Den ganzen Sonntag über waren Polizisten und Helfer mit schwerem Gerät an der Unglückstelle im Einsatz. Insgesamt beteiligten sich rund 300 Rettungskräfte an der Bergung der Verletzten und Toten. Mit schweren Kränen wurde versucht, die Waggons zu bergen. Die Bergungsarbeiten sollten noch bis in die Nacht dauern. Auch mehr als 16 Stunden nach dem Zugunglück konnten noch nicht alle Leichen geborgen werden. Die Verletzten wurden zunächst vor Ort versorgt und dann in umliegende Krankenhäuser gebracht. Viele Menschen hatten von sich aus den Unfallort im Schock verlassen.

Zum Unfallhergang berichtete Granitzka, der Zug habe nach Auswertung der Fahrtenschreiber an einer Baustelle im Bereich des Güterbahnhofes Brühl sein Tempo wie vorgeschrieben zunächst auf 40 Stundenkilometer gedrosselt. Auf der rund zwei Kilometer langen Strecke zwischen Güter und Personenbahnhof Brühl habe der Lokführer den Zug dann aber aus noch ungeklärten Gründen auf 122 Stundenkilometer beschleunigt, obwohl weiter die Tempobegrenzung gegolten habe. Der mit 300 Menschen besetzte Nachtexpress sei dann mit hoher Geschwindigkeit auf eine nach links gestellte Weiche gefahren. Wegen des Tempos habe die Weichenstellung nicht funktioniert, so dass der Zug aus dem Gleisbett gehoben worden und eine Böschung hinabgerast sei. Der Zug habe eine Baumreihe "touchiert" und sei erst in einem Wohnhaus zum stehen gekommen.

Andere Waggons verkeilten sich unter anderem in einen Stahlträger des Bahnhofdaches, fielen um oder landeten in Vorgärten. Die Trieblok kam erst im Wohnzimmer des Wohnhauses zum stehen, der Balkon des Hauses sei in das Führerhaus gestürzt. Die Hausbewohner, ein älteres Ehepaar, blieben unverletzt. Der Lokführer überlebte das Unglück, musste aber mit einem schweren Schock in einem Krankenhaus behandelt werden. Nach Angaben der Ärzte wurden insgesamt mehr als 100 Menschen verletzt, darunter zehn lebensgefährlich. Der Zug war international besetzt.

Die Polizei kann bislang nicht ausschließen, dass neben der überhöhten Geschwindigkeit auch weitere Ursachen, etwa eine falsche Weichenstellung, zu dem Unglück geführt haben könnten. Die Staatsanwaltschaft und das Eisenbahnbundesamt untersuchen die Unfallursache.

Etwa zwei Kilometer vor dem Bahnhof war der Nachtzug zuvor in Hürth-Kalscheuren wegen einer Baustelle von Gleis 1 auf das Nachbargleis umgeleitet worden. Bevor er den Brühler Bahnhof passieren konnte, wurde der Zug weiter auf Gleis 3 geleitet. Die Baustelle war am Samstagabend in Kalscheuren eingerichtet worden, weil dort eine Weiche erneuert werden sollte. Vor dem Unglückszug waren andere Züge problemlos um die Baustelle gelenkt worden. Der Zug war kurz nach 20 Uhr am Samstagabend in Amsterdam abgefahren. Um 6.40 Uhr sollte er in Basel ankommen.

"Ich habe mich gewundert, dass da nicht noch mehr passiert ist", sagte Polizeichef Granitzka. Bevor die Lok an der Fassade des Hauses an der Straße Am Inselweiher 25 zum Stehen kam, hatte der Zug eine Baumreihe nur gestreift und war nicht gegen sie geprallt.

"Das ist eine entsetzliche Katastrophe", sagte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) bei einem Besuch der Unfallstelle zusammen mit dem neuen Bahnchef Hartmut Mehdorn. Mehdorn kündigte an, nach Ermittlung der Unfallursache die notwendigen Konsequenzen ziehen zu wollen. So etwas schreckliches habe er noch nicht erlebt, sagte Mehdorn, der aus Heidelberg angereist war.