BSE-Angst: Boom für Pferdemetzger - DER SPIEGEL
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BSE-Angst Boom für Pferdemetzger

Seit die deutschen Verbraucher aus Furcht vor BSE den Appetit auf Rindfleisch verloren haben, boomt das Geschäft mit Pferdefleisch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Waiblingen - "Landauf, landab berichten die Kollegen von über 60 Prozent neuer Kunden seit dem Ausbruch der Rinderseuche", sagt Jens Beerwart, der Vorsitzende des Deutschen Verbandes der Pferdemetzger. Genau wie seine Kollegen andernorts komme auch er in seinem Betrieb im baden-württembergischen Waiblingen mit der Produktion nicht mehr nach, berichtet Beerwart. In Deutschland gibt es über hundert Pferdemetzger, die hauptsächlich Pferde aus dem Turniersport verarbeiten, bisher 4000 Tonnen oder 15.000 Pferde im Jahr.

Der Betrieb von Jens und Rolf Beerwart in Waiblingen gilt als einer der Führenden der Branche. Er wurde als erste Pferdemetzgerei Europas mit dem Tierschutzpreis "Blaues Pferd" ausgezeichnet. Nun kann sich die Firma sich vor Kunden kaum retten. "Die Leute rennen uns die Theke ein, wir kommen mit der Produktion nicht mehr nach", berichtet Jens Beerwart.

Obwohl er inzwischen "15 bis 20 Gäule" und damit doppelt so viel wie vor dem Ausbruch der Rinderseuche wöchentlich schlachtet, kann der größte der drei Pferdemetzger in Baden- Württemberg die Nachfrage nicht decken. "Wir verarbeiteten anderthalb Tonnen Fleisch in einer Woche, trotzdem waren wir an den letzten Samstagen bereits um 11.30 Uhr bis auf den letzten Wurstzipfel ausverkauft", sagt Beerwart. Für das Weihnachtsgeschäft muss die Firma "wahrscheinlich neue Leute einstellen".

Anders als in Italien und Frankreich, wo Pferde- und Fohlenfleisch schon lange auf den Speisezetteln steht, haben den deutschen Pferdemetzgern erst die Skandale um Hormonfütterung, Schweinepest und BSE den großen Boom beschert. "Das Fleisch ist BSE-frei, die Pferde stammen nicht aus Mastzucht, sondern sind artgerecht und liebevoll aufgezogen worden, sie kommen nicht aus dem Ausland und es gibt keine Skandale", meint die Kundin Erika Borchers zu Pferdefleisch. Auch Beerwart schwört darauf, dass seine Tiere "absolut sauber" seien: "Wir schlachten kein Pferd, das mit Tiermehl gefüttert wurde. Das würde nämlich an einem Eiweißschock sterben. Unsere Pferde sind im Schnitt fünf bis 13 Jahre alt; sie standen nicht im Stall, sondern waren täglich im Sport aktiv. Wir kaufen aber auch keine Tiere von der Rennbahn, denn man weiß nicht, wie und mit was die behandelt werden."

Die Pferdemetzger loben ihre Produkte: Das zu Steaks, Rouladen, Gulasch, Wurst und Schinken verarbeitete Fleisch soll bis 50 Prozent weniger Fett enthalten als anderes Fleisch und sei cholesterinarm; geschmacklich erinnert es an kräftiges argentinisches Rindfleisch mit einem leichten Wildgeschmack, farblich gleicht es Rehfleisch.

Derweil steigen die Preise für Pferdefleisch - auf nun 4,20 bis 4,50 Mark je Kilo plus Mehrwertsteuer. "In Frankreich werden locker fünf Mark bezahlt", sagt Beerwart. Auf dem Markt sind aber nicht nur Metzger aktiv. "Nur zehn Prozent der Pferde bleiben in Deutschland, der große Rest geht ins Ausland und muss teilweise geschlachtet wieder zurückgekauft werden", sagt der Waiblinger.