Bulgarien Bericht über gefährlichen AKW-Störfall
Berlin/Wien - Nach Angaben des bulgarischen Kernphysiker Gueorgui Kastchiev hat nach dem Ausfall einer Hauptkühlmittelpumpe das Schnellabschaltsystem im Block Fünf der Anlage weitgehend versagt. Von den 60 Kontrollstäben, die zum Stopp der Kernspaltung benötigt werden, seien 22 in ihrer Aufhängung stecken geblieben, sagte er dem "Tagesspiegel am Sonntag". Darum habe es schließlich sechs Stunden gedauert, bis der Reaktor durch Beimengung eines chemischen Neutronenfängers im Kühlwasser heruntergefahren werden konnte.
Kastchiev müsste wissen, wovon er spricht. Er war früher Leiter der bulgarischen Aufsichtsbehörde für das Kernkraftwerk und selbst insgesamt 17 Jahre lang in der Anlage tätig, in der 150 Kilometer nördlich der Hauptstadt Sofia an der Donau insgesamt vier Reaktoren sowjetischer Bauart betrieben werden. Heute arbeitet der Physiker im Institut für Risikoforschung der Wiener Universität.
"Das zentrale Sicherheitssystem hat nicht funktioniert", erklärte Kastchiev. Das entspreche einer Autofahrt mit Vollgas ohne Bremse. Dass die automatische Kontrollstabeinfuhr versagt, sei bei einem Reaktor dieses Typs (WWER 1000) besonders gefährlich, weil bei großen Leckagen die Kettenreaktion in der Uranladung binnen zwei Minuten gestoppt werden müsse, um ein Durchbrennen der Brennstäbe zu verhindern. Ohne die Schnellabschaltung, so Kastchiev, "hätte in diesem Fall niemand die Katastrophe aufhalten können"
Die bulgarische Aufsichtsbehörde informierte die Internationale Atomenergie-Organisation laut "Tagesspiegel" verspätet über den Störfall und stufte ihn auf Level Null der achtstelligen internationalen Meldeskala ein, entsprechend einem "Ereignis mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung". Der Störfall habe die Strahlung in der Region "nicht verändert", so die Werksleitung nach dem Vorfall. Die Anlage würde getestet und "einzelne Elemente des Steuerungssystems" repariert.
Damit werde "die wahre Bedeutung des Störfalls völlig unterschätzt", kritisierte Kastchiev. "Wenn so etwas passieren kann, stimmen alle Sicherheitsanalysen nicht mehr," warnte er.
Die Behörde in Sofia gab trotz mehrerer Anfragen des "Tagesspiegel" keine weitere Stellungnahme zu dem Vorfall ab.
Im Januar hatte Bulgariens Regierung die Schließung zweier veralteter Reaktoren im Kernkraftwerk Kosloduj bis Jahresende bestätigt. Die Stilllegung der Atomkraftwerke war von der Europäischen Union als Voraussetzung für den Beitritt Bulgariens gefordert worden.
rüd