Busfahrt auf der Terrorlinie "Da muss man durch"
Die Buslinie 30 verbindet den reichen Westen mit dem armen Osten Londons. Sie beginnt am Hyde Park, und zwar an einem Ort, wo früher Kriminelle gehängt wurden. "Bringt ihn hinunter zum Marble Arch und befördert ihn ins verheißene Land", heißt es. An die unheimliche Hinrichtungsstätte erinnert heute noch ein schneeweißer Marmor-Bogen.
Am Freitagmorgen wartet niemand am Marmor-Bogen auf den 30er Bus. Ein paar Stationen von hier wurden auf der Linie Nr. 30 gestern 13 Menschen zerfetzt, als eine Bombe explodierte.
London: Die Wucht der Zerstörung
Der menschenleere Bus stoppt im dichten Morgenverkehr an der ersten Haltestelle Portman Street: Niemand steigt ein. Am Straßenrand wachsen Ahornbäume und Kastanien. Zweiter Stopp Montagu Place: Niemand steigt ein. Dritter Stopp Crawford Street: Niemand steigt ein. Links und rechts liegen Bürogebäude, Wohnhäuser, Arztpraxen. Der hagere, etwas mürrische Busfahrer hat das Lenkrad ganz fest im Griff. Keine große Sache, heute den 30er zu steuern: "Es ist ein ganz normaler Tag, und wir werden wegen einem Pack von Idioten nichts ändern. Da muss man durch."
Beim vierten Halt steigt Karol zu. Der 24-jährige Pole aus der Nähe von Danzig lebt seit acht Monaten in London. Er ist auf dem Weg zu einem Restaurant, wo er arbeitet. Ein Taxi kann er sich nicht leisten. "Nur für eine Sekunde als ich in den Bus stieg, hatte ich Angst." Jetzt, da er sitze, sei sie weg, er fühle sich sicher.
Die Gemütslage von Edmond Tahire, 24, ist da ganz anders. Jeden Tag nimmt der gebürtige Albaner den 30er, um zu seinem Lebensmittelgeschäft in der Baker Street zu gelangen, wo er als Gehilfe arbeitet. Heute ist es ihm sehr schwer gefallen, in den Bus zu steigen. Das war "scary", sagt er. "Furchteinflößend".
Terrorangst: Die Furcht im Gesicht
Seit fünf Jahren lebt der Albaner in London. Gestern zur Unglückszeit ist er nur deshalb nicht im Todesbus gewesen, weil er das Haus später als sonst verließ. Er hatte noch mit der Freundin telefonieren müssen. Als er sich dann auf den Weg machte, fuhren bereits keine Busse mehr. Erst hat er sich geärgert darüber, heute weiß er, dass er großes Glück hatte. Edmond Tahire starrt aus dem Fenster die noblen Fassaden an und denkt darüber nach, warum er noch lebt.
Langsam füllt sich das Oberdeck. Rob Johnson, 31, sitzt in der ersten Reihe. Er kaut ständig an den Fingernägeln. Der Bus nähert sich Tavistock Square, dem Ort, wo die Detonation der Bombe vor rund 24 Stunden das Gefährt total auseinander riss. "Für mich gilt: Einfach weitermachen!", sagt Rob Johnson.
"Die eigentliche Gefahr ist der Straßenverkehr"
Plötzlich ein Unfall. Genau vor dem Bus rast ein Radfahrer mit voller Wucht in eine Fußgängerin. Ihre Sonnenbrille fliegt von der Nase, ein Schuh fliegt durch die Luft, beide stürzen auf den Asphalt. "Das ist die tägliche Gefahr in London", sagt Rob, "das ist viel gefährlicher als von Terroranschlägen getroffen zu werden." Irgendwie klingt er erleichtert.
Der Bus ändert heute seine Route, das Gebiet um den Unglücksort in Bloomsbury ist noch immer hermetisch abgeriegelt. Der 30er biegt nach links ab an einem Kriegerdenkmal vorbei - "In Erinnerung an die Toten" - fährt er den Bahnhof Euston an. Dort hat es vor wenigen Minuten eine Bombendrohung gegeben, das Gebäude wurde geräumt. Dann stellte sich heraus, dass es ein Fehlalarm war. An der British Library, einen Stopp nach der Unglücksstelle, ist der 30er endlich so gut besetzt wie jeder andere Bus.
Auf den Gehwegen entlang der 30er-Linie drängeln sich die Menschen. Vom Strom der Fußgänger, die von der Library hinunter nach King's Cross gehen, heben sich zwei Frauen ab, die Blumensträuße vor sich hertragen. "Wir tragen diese Blumen nach King's Cross aus Respekt vor den Toten", sagen sie.
Der Bahnhof, unter dem in etwa 50 Metern Tiefe noch immer einige der 23 Toten vom Vortag liegen, macht einen geschäftigen Eindruck. Kaum Zeichen öffentlicher Trauer, wie es sie in New York nach den Anschlägen vom 11. September 2001 oder in Madrid gegeben hat. Pathos ist den Briten fremd, Gefühle zeigt man nicht öffentlich - oder nur ein bisschen: Ein einzelner Blumenstrauß hängt bisher am Gitter einer Baustelle am Bahnhofsvorplatz, nun hängen die beiden Frauen in ihren schwarzen Röcken zwei weitere Gebinde dazu.