Busunglück bei Lyon Zu schnell und zu müde
Lyon/Hannover - Insgesamt befanden sich 75 Menschen in dem Reisebus aus Wunstorf bei Hannover, darunter vermutlich zwölf aus Schleswig-Holstein und eine Hamburgerin. Bei dem Unfall am Sonnabendmorgen wurden nach französischen Behördenangaben 28 Menschen getötet und 45 verletzt. Von den Verletzten befanden sich 13 noch am Abend in einem "kritischen Zustand". Die transportfähigen Verletzten könnten noch am Sonnabend nach Deutschland zurückgebracht werden, hieß es. Die anderen Verletzten wurden nach Angaben des Generalkonsulats auf 5 Krankenhäuser verteilt. 12 Stunden nach der Tragödie waren am späten Nachmittag erst 8 Tote identifiziert.
Der Doppeldeckerbus hatte kurz vor 5.00 Uhr morgens die Leitplanke Der Autobahn 6 nördlich von Lyon durchbrochen. Er stürzte eine Böschung hinab und blieb auf dem Dach liegen. Die meisten der Fahrgäste schliefen, als es zur Tragödie kam. Insgesamt befanden sich 73 Urlauber und 2 Fahrer in dem Doppeldeckerbus. Einer der beiden Fahrer kam ums Leben, der andere wurde in ein Krankenhaus gebracht.
Wie es zu dem Unglück kam, ist noch nicht klar. Sowohl die französische Staatsanwaltschaft als auch das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) schickte Ermittler zum Unfallort. Tagsüber kursierten mehrere Hypothesen über den Unfallgrund. Autofahrer berichteten, dass der Bus viel zu schnell über die vom Regen nasse Autobahn gerast sei. Außerdem wollte ein anderer Fahrer gesehen haben, dass der Fahrer offenbar eingeschlafen war. Die französischen Staatsanwälte vor Ort vermuteten ebenfalls, der Bus sei zu schnell gewesen. Offenbar war er mit 117 statt der erlaubten 80 Stundenkilometer unterwegs.
Beim Fernsehsender n-tv meldete sich wiederum ein anonymer Busfahrer. Er wollte wissen, dass der Bus der Firma nicht richtig gewartet worden sei und die Fahrer grundsätzlich übermüdet fahren würden. Keine der Thesen jedoch ließ sich am Samstag beweisen oder wiederlegen.
Am Unglücksort in der Nähe des Autobahnkreuzes Dardilly spielten sich dramatische Szenen ab. Eine Ärztin berichtete, Verletzte hätten verzweifelt nach Überlebenden gesucht. "Sie irrten ziellos umher und suchten ihre Angehörigen", sagte ein Retter später. Die Bergung gestaltete sich als äußerst schwierig. Die letzten Opfer wurden nach französischen Angaben gegen 10.00 Uhr aus dem Wrack geborgen. Nach dem Unfall wurden die Toten in einer provisorischen Leichenhalle aufgebahrt. Etwa 250 Helfer, Feuerwehrmänner und Polizisten waren im Einsatz.
Der Unglücks-Bus gehörte der Firma "Tiger-Reisen" aus Wunstorf bei Hannover. Mindestens 20 Reisende sollen aus Niedersachsen stammen, sagte Innenminister Uwe Schünemann (CDU). Die Urlauber waren auf dem Weg nach Spanien und hatten die Reise vermutlich in einem Preisausschreiben gewonnen. Der Bus war in Flensburg gestartet und Gäste in Kiel, Neumünster, Hamburg, Bremen, Oldenburg, Vechta, Osnabrück, Essen, Köln/Bonn und Wittlich aufgesammelt.
Innenminister Schünemann erläuterte, es sei problematisch, eine genaue Teilnehmerliste vorzulegen. Viele Fahrgäste seien nicht namentlich erfasst gewesen, sondern nur als Mitreisende einer registrierten Person. Darüber hinaus seien vermutlich fünf Veranstalter an der Reise beteiligt gewesen. Eines der Unternehmen komme aus Hannover, eines aus München. Auch die Firma "Bus-Tours International" in Kummerfeld bei Pinneberg hatte drei Reisende auf dem Bus eingebucht.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sprach den Angehörigen der Opfer sein "tief empfundenes Beileid" aus. Auch der französische Präsident Jacques Chirac übermittelte seine Anteilnahme. Mit Entsetzen nahm auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) die Nachricht von dem Unglück auf: "Ich bin fassungslos über dieses tragische Ereignis, das um so schlimmer auf uns wirkt, da es der zweite schwere Schicksalsschlag für uns Schleswig-Holsteiner innerhalb weniger Tage ist." Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) war am späten Samstagnachmittag in Lyon eingetroffen und fuhr von dort an den Ort des verheerenden Busunglücks. Er gab ebenfalls seiner Bestürzung und Trauer Ausdruck.
Das Auswärtige Amt in Berlin richtete eine Hotline ein. Unter der Telefonnummer 030 - 5000 1000 können besorgte Angehörige Informationen und Unterstützung erhalten. Ein Mitarbeiter des deutschen Generalkonsulats in Lyon sei am Unfallort. Im Generalkonsulat nahm ein Krisenzentrum die Arbeit auf. Auch das Innenministerium Schleswig-Holsteins schaltete eine Telefon-Hotline für Angehörige (0431-1606666).