California unplugged Fortsetzung 2
Angesichts der derzeitigen Notlage im gesamten Staat ist der Gerätehersteller Cisco, einst umweltbewusst auf Seiten der Guten reitend, als böser Stromdieb in die Mitte der Kritik gerückt. Ausgerechnet Cisco, ätzen jetzt die Kolumnisten, deren Hardware-Produkte Watts aus der Steckdose zögen wie Stahlhütten. Mit ihrem Widerstand hat sich die Firma außerdem zum Protagonisten der so genannten NIMBY-Mentalität gemacht. Das Akronym steht für "Not in my backyard", nicht in meinem Vorgarten: Schön, wenn genug Strom da ist, sagt der NIMBYist, aber Kraftwerke sind so hässlich und ungesund, sie stinken und drücken die Grundstückspreise, und deswegen baut sie doch bitte woandershin, okay?
"Ein bestimmtes Niveau an NIMBYismus begegnet uns bei den meisten unserer Projekte", sagt Curt Hildebrand vom Energiekonzern Calpine, der das Kraftwerk im Coyote Valley bauen will. "Aber der kalifornische NIMBYismus ist der stärkste, dem wir bisher begegnet sind." So hat der Widerstand der relativ umweltbewussten Kalifornier tatsächlich dazu beigetragen, dass seit zehn Jahren kein neues Kraftwerk gebaut worden ist, obwohl der steigende Bedarf allein schon dadurch offensichtlich wurde, dass die Wirtschaft in dem Zeitraum um mehr als ein Drittel wuchs.
"Wie in einem Dritteweltland" seien die Amerikaner vorgegangen, als sie so viele Dollars zum Beispiel in Online-Läden für Tierfutter investiert haben, schimpft der Energieexperte Phil Verleger. "Sie haben die neuesten Technologie-Spielzeuge gekauft, ohne auch nur zu erwägen, die nötige Infrastruktur dafür zu bauen." Der Fehler der New Economy sei gewesen, in der schönen neuen, aber leider virtuellen Realität physikalische Grenzen wie etwa die Energiezufuhr als so altmodisch abzutun wie das Fließband oder auch Gewerkschaften.
Die Situation im Silicon Valley erscheint tatsächlich absurd: Auf der einen Seite steht die glitzernde Hightech-Economy mit ihren brillanten Erfindern, ihren Multimilliardären in monströsen Villen, wo selbst der Whirlpool übers Internet zu steuern ist - falls Strom fließt. Aber das tut er nicht, weil auf der anderen Seite die Pipelines es manchmal selbst bei genügender Zufuhr nicht schaffen, die Energie vom Süden Kaliforniens in den Norden zu transportieren: Sie verstopfen wie eine Autobahn nach plötzlicher Fahrbahnverengung.
Viele Kraftwerke im Sonnenstaat sind vor mehr als 30 Jahren gebaut worden - 40 Prozent der in Kalifornien erzeugten Energie kommt aus diesen ollen Mühlen. Sie ächzen, um die hohe Nachfrage zu erfüllen, und zwar so sehr, dass Dynegy, einer der Betreiber, ankündigt, er könne in diesem Jahr nur noch halb so viel Energie aus ihnen rausholen wie im vorigen. Schlechte Aussichten für die Kalifornier, die sich ohnehin schon fürchten vor den heißen Sommertagen, in denen die Klimaanlage das schwache Stromnetz endgültig auslaugen könnten.
Selbst für den in der Programmiererszene beliebten Science-Fiction-Autor Bruce Sterling markiert die Energiekrise den Sieg rostiger Röhrennetzwerke über die hypermodernen Glasfaserkabel des World Wide Web. "Kaliforniens Problem ist, dass Energie nicht aus Bita besteht", schreibt er. "Die kann man nämlich nicht verbrennen, um es warm zu haben." Erdgas-Moleküle hielten den Staat am Laufen, erinnert Sterling die, die es auch nach dem fünften Blackout noch nicht gemerkt haben. Und nicht Dotcom-Jungs in Baumwollhosen und Poloshirts, sondern die Herren des Fossilbrennstoff-Business, "die Old Economy in ihrer urzeitlichsten Version".
Eine in Kalifornien ziemlich bedeutende Berufsgruppe jedenfalls kann sich noch freuen über den Realitätsruck, den der Stromnotstand im Silicon Valley ausgelöst hat: die Psychologen. Manche glauben, die Einsicht darein, dass Ressourcen begrenzt sein können, helfe der Seele jener maßlosen Jungunternehmer der überschallgeschwinden Internet-Economy, die so lange selbst harte Dollars wie Monopoly-Geld behandeln durften. Bei einem Kongress in San Jose diskutierten sie die Problematik der "Speed.com"-Existenz. Gemeint ist der Geschwindigkeitsrausch der neuen Internetbürger, die ohne ständigen e-Mail-Kontakt in nervöses Zittern verfallen. Ofer Zur, ein Therapeut in Sonoma nördlich von San Francisco, hegt nun den frommen Wunsch, die Blackouts würden die Bürger von jenem hektischen Lebensstil herunterholen. "Ich hoffe, manche Klienten kommen jetzt mal ohne Handy und Beeper in die Sitzungen."