Chat-Protokoll Die Erfahrungen der Geisel Lorenz
SPIEGEL ONLINE: Hallo Chat-Gemeinde. Stellt Eure ersten Fragen.
SPIEGEL ONLINE: Heute begrüßen wir Andreas Lorenz, SPIEGEL-Korrespondent, der 25 Tage in Jolo in Geiselhaft war und glücklicherweise wieder zurück ist. Hallo Herr Lorenz
Andreas Lorenz: Hallo, liebe Chatter
tarkin: Was war Ihr schlimmstes Erlebnis in der Geiselhaft?
Andreas Lorenz: Erstens natürlich die Geiselhaft selbst. Dann die Drohung meiner Entführer, mir die Hände abzuschlagen
richi: Hallo Andreas!
Andreas Lorenz: hallo
Julia: Stichwort Stockholm-Syndrom - was für eine Beziehung haben Sie zu den Geiselnehmern entwickelt?
Andreas Lorenz: Kein Stockholm-Syndrom. Ich habe kein freundschaftliches Verhältnis zu diesen Leuten entwickelt, auch kein Verständnis für ihre Ziele.
SPIEGEL ONLINE: Dies ist ein moderierter Chat. Wir werden die Fragen nacheinander freischalten.
"Eine Entführung war nicht absehbar"
durruti: Wie groß war das Entführungsrisiko, als Sie das Gespräch mit Abu Sayyaf hatten, war eine Entführung nicht absehbar?
Andreas Lorenz: Ich hatte vor meiner Entführung nicht versucht, in das Geisellager zu gelangen und mit den Abu-Sayyaf-Führern zu sprechen. Eine Entführung war deshalb nicht absehbar.
petersem: Sie waren im Lager und hatten nicht versucht dorthin zugelangen?
Andreas Lorenz: Ich war nicht im Lager, sondern nur in der Stadt Jolo
Arch-Stanton: Hallo Andreas Lorenz, willkommen zu Hause!
Andreas Lorenz: Danke.
Julia: Wie sah so ein typischer Tag im Gefangenenlager aus?
Andreas Lorenz: Der Tag begann sehr früh- nach Sonnenaufgang, mit dem Morgengebet meiner Entführer. Dann gab es Frühstück, ein klitschiger Pfannkuchen. Dann Waschen, mich selbst und die Wäsche. Dann lesen oder schreiben. Mittag. Nachmittags wieder lesen, dann ein wenig Exercise. Abendessen, Schluss
Augstein sagte: Der Mann muss da raus
beuys: Hallo, war Augstein eigentlich sauer wegen der Geschichte und hat Ihnen Vorwürfe gemacht, weil Sie sich zu weit vorgewagt haben?
Andreas Lorenz: Nein, Augstein war nicht sauer, er hat sich klasse verhalten. Er hat gesagt: Der Mann muss da raus, so schnell wie möglich
durruti: Haben Sie öfter über den Tod nachgedacht, bestand akute Todesangst? Wie tief sitzt der Schock?
Andreas Lorenz: Natürlich, besonders nach der Drohung, mir die Hände abzuschlagen. Da denkt man ernsthaft darüber nach, ob man Überlebenschancen hat.
Guido: Sie waren als einzelne Geisel isoliert. Glauben Sie, dass es viel schwieriger ist, mit der Situation umzugehen, als wenn Sie Mitglied einer ganzen Gruppe wären?
Andreas Lorenz: Kommt auf die Gruppe an. Aber es war nicht leicht, allein zu sein
beuys: Haben Sie gebetet?
Andreas Lorenz: Nein, gehofft
Guido: Wie groß war Ihre Hoffnung, dass hier zu Lande alles Mögliche für ihre Befreiung getan würde?
Andreas Lorenz: Sehr groß, ich wusste, dass meine Frau und meine Kollegen Himmel und Hölle in Bewegung setzen würden, um mich da rauszuholen
Alonso: Hast Du Gewalt erlebt oder selbst zu spüren bekommen?
Andreas Lorenz: Nur während der Entführung, als ich mich zur Wehr setzte.
HansMaus: Was wollten die Rebellen eigentlich genau ? Geld oder politische Ziele durchsetzen???
Andreas Lorenz: Meine Entführer wollten beides: Geld, um dann irgendwann besser einen islamischen Staat durchsetzen zu können, zumindest haben sie das behauptet
Totty: Finden Sie es richtig, dass Lösegeld bezahlt worden ist ?
Andreas Lorenz: Was wäre die Alternative?
Für die Entführer empfindet Lorenz Verachtung
RobertS: Was empfinden Sie im Nachhinein für Ihre Entführer?
Andreas Lorenz: Verachtung, Zorn.
slicky: Wie gehen Sie mit dem Problem um, dass Sie den Preis für die anderen Geiseln in die Höhe getrieben haben?
Andreas Lorenz: Das ist doch gar nicht sicher, ob da irgendein Preis in die Höhe getrieben wurde
Andreas Lorenz: Es war außerdem eine andere Entführer-Gruppe.
diskussion: Was glauben Sie: In welchem Maß begünstigt die umfangreiche Berichterstattung Entführungen erst. Wäre nicht eine Nachrichtensperre bis zum Ende der Geiselnahme viel günstiger? Werden Reporter nicht einfach nur benützt, quasi als Helfershelfer?
Andreas Lorenz: Ja, ich stimme zu. Das ist ein schwieriger Konflikt. In diesem Fall denke ich aber: Öffentlichkeit hilft, die Sicherheit und das Überleben der Geiseln zu garantieren. Die dürfen da nicht in Vergessenheit geraten.
Wolf42: Denken Sie nicht, dass es immer ein medienethisches Problem ist, mit Geiselnehmern in welcher Form immer zusammenzuarbeiten, so wie es mit Ihrem ersten Besuch im Camp geschehen ist und jetzt unfreiwillig mit dem Lösegeld geschieht? Es gibt die Lehren aus Gladbeck und zum Beispiel dem, was in der Kölner Innenstadt geschah.
Andreas Lorenz: Es ist ein Problem, ganz sicher. Was aber ist das kleinere Übel? Außerdem: Ich würde das Geschehen auf Jolo nicht mit Gladbeck vergleichen.
Auf solche Situationen kann man sich nicht vorbereiten
berit: Ich habe Ihr bewegendes Protokoll im Spiegel gelesen. Als Manager bin ich oft selbst in solchen Regionen. Kann man sich mental auf solche Situationen vorbereiten?
Andreas Lorenz: Nur schwer. Es hilft vielleicht, wenn man die Hintergründe einschätzen kann. Ich meine damit: Mir hat geholfen, dass ich die Gedankenwelt, die politischen Hintergründe der Region etc. kannte. Viel schwerer ist dies für die Sipadan-Geiseln, die nur Urlaub machen wollten.
JJ: Sind Sie in psychologischer Betreuung?
Andreas Lorenz: Derzeit nicht, aber die Unterstützung der Kollegen und Freunde ist enorm
Guido: Befinden sich noch weitere SPIEGEL-Reporter in dem Gebiet?
Andreas Lorenz: Ja, derzeit ist der Singapur-Korrespondent Jürgen Kremb in der Region, ich weiß aber nicht genau, ob in Manila oder in Zamboanga
Gordon: Denken Sie, dass durch die Zahlung von Geldern ein Startschuss zu weiteren Entführungen gefallen ist?
Entführungen sind in der Region ein altes Problem
Andreas Lorenz: Das Phänomen von Entführungen in dieser Region ist ohnehin nicht neu - ein altes Problem. Insofern denke ich, dass dies kein Startschuss war.
Guido: Würden Sie Reportern und anderen generell abraten, in die Region zu reisen? Halten Sie die Gefahr einer Entführung für generell präsent?
Andreas Lorenz: Anderen auf jeden Fall, das ist keine Urlaubsregion. Reportern würde ich nicht abraten, wenn sie klug und vorsichtig vorgehen. Sie sollten auf keinen Fall Jolo verlassen, niemals in die Nähe der Abu Sayyaf geraten
Jabberwocky: Denken Sie, dass die Entführer das Ausmaß der Situation überhaupt noch überblicken?
Andreas Lorenz: Manchmal hat man den Eindruck: nein. Sie scheinen sich über ihre Taktik in die Haare geraten zu sein.