Chile nach dem Beben Trauer, Tod und Trümmer
Erdbeben in Chile: Wenig Retter, viele Plünderer
Santiago de Chile - Präsidentin Michelle Bachelet ist sichtlich erschüttert. Gerade hat sie neusten Opferzahlen bekannt gegeben: Mindestens 708 Tote seien zu beklagen, es könnten noch mehr werden. Das südamerikanische Land sehe sich mit "einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes" konfrontiert, sagte sie in der Pressekonferenz.
In der besonders betroffenen Stadt Concepción, in der mehr als 200.000 Menschen leben, waren die Sicherheitskräfte zunächst völlig überfordert. Hunderte Menschen plünderten einen Supermarkt. "Wir haben keine Milch, nichts für die Kinder", jammerte eine weinende Frau, während sie vor der aufgebrochenen Laderampe eines Supermarktes ein Zehnerpaket H-Milch umklammerte.
Die erst spät eintreffenden Sicherheitskräfte bekamen die Lage nicht in den Griff, setzten Wasserwerfer und Tränengas ein, um die Plünderer zu vertreiben. "Die Situation war von Anfang an völlig chaotisch. Wir tun, was wir können", sagte der Polizist Jorge Córdova der Nachrichtenagentur dpa.
In einem Hochhaus in Concepción lieferten sich die Rettungsmannschaften einen Wettlauf mit der Zeit. Dort war bei dem Beben ein Wohnhaus mit 14 Stockwerken in zwei Teile zerbrochen. Nach einem Bericht der Zeitung "La Tercera" wurden bis zum späten Abend etwa 30 Menschen lebend aus den Trümmern befreit, 60 Menschen seien noch in dem Komplex gefangen, der jederzeit einstürzen könnte.
Das Epizentrum des Bebens lag nach Angaben der US-Erdbebenwarte etwa 92 Kilometer nordwestlich von Concepción. Die mächtigen Erdstöße hatten die Menschen am Samstag im Schlaf überrascht. Die Universität ging in Flammen auf, weil das Beben Gas- und Stromleitungen beschädigte.
1,5 Millionen Chilenen sind von der Katastrophe betroffen
Auch aus anderen Ortschaften in den von dem Beben und der folgenden Flutwelle schwer zerstörten Regionen Bío Bío und Maule klagten die Menschen über ausbleibende Hilfen. Fast alle Geschäfte in der Katastrophenregion etwa 500 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago waren geschlossen. Andere boten ihre Produkte zu stark überhöhten Preisen an.
Insgesamt sind nach Regierungsangaben zwei Millionen Chilenen von der Katastrophe betroffen, fast jeder zehnte Einwohner. Vor allem in Maule und Bío Bío gelten zahlreiche Menschen noch als verschollen. Angesichts erster Plünderungen verhängte Präsidentin Michelle Bachelet den Ausnahmezustand über die beiden am stärksten betroffenen Regionen und kündigte Lebensmittelhilfen an. Er gelte zunächst für 30 Tage und solle die öffentliche Ordnung garantieren sowie schnellere Hilfslieferungen ermöglichen. Die Armee werde dabei mit den örtlichen Behörden zusammenarbeiten, sagte Verteidigungsminister Fancisco Vidal. Die chilenische Luftwaffe habe 10.000 Mann entsandt.
Vielerorts gab es weder Wasser noch Gas oder Strom. Die Telefonverbindungen über das Festnetz und über Handy-Netze waren entweder unterbrochen oder stark überlastet. Die stark beschädigte Infrastruktur erschwert die Hilfsbemühungen. Über deutsche Opfer lagen dem Auswärtigen Amt in Berlin keine Informationen vor.
Zerstörungen auf der Insel Robinson Crusoe
Auf dem internationalen Flughafen der chilenischen Hauptstadt Santiago ist am Sonntag erstmals seit dem Erdbeben wieder eine Passagiermaschine gelandet. Das Flugzeug der Fluglinie LAN kam aus der peruanischen Hauptstadt Lima, berichtete das chilenische Fernsehen. Es würden noch vier weitere Maschinen erwartet, unter anderem aus Miami.
Der Flughafen war bei dem Beben der Stärke 8,8 am Samstag erheblich beschädigt worden. Wann der normale Flugbetrieb wieder aufgenommen werden kann, war unklar.
Auf der chilenischen Insel Robinson Crusoe, rund 670 Kilometer westlich von Südamerika, wurden fast alle Gebäude zerstört. Dort starben mindestens fünf Menschen in den Wassermassen, elf wurden noch vermisst. In Talcahuano nahe Concepción setzten Flutwellen Teile der Hafenstadt unter Wasser. Der wichtigste Seehafen, Valparaiso, wurde vorerst geschlossen, er sollte auf Schäden untersucht werden.
Rekordbeben in Chile
Chile war am frühen Samstagmorgen von einem Erdstoß der Stärke 8,8 erschüttert worden. Es handelte sich um eines der zehn stärksten Beben, die weltweit je gemessen wurden. Der Erdstoß um 3.34 Uhr Ortszeit (8.34 Uhr MEZ) am Samstag war bis in die 2900 Kilometer entfernte Stadt Sao Paulo in Brasilien zu spüren.
Am Sonntag wurde die Region erneut von einem Erdstoß der Stärke 6,1 erschüttert. Insgesamt wurden in den 24 Stunden nach der Katastrophe 90 Nachbeben der Stärke 5 und mehr registriert.
Ein Erdbeben der Stärke 8,8 gilt als Großbeben. Damit war das Beben nach Einschätzung von Experten bis zu hundertmal heftiger als die Erdstöße der Stärke 7,0, die am 12. Januar Haiti erschüttert hatten. Das heftigste je auf der Erde gemessene Beben hatte eine Stärke von 9,5 und ereignete sich 1960 ebenfalls in Chile. Es kostete 1655 Menschen das Leben und löste einen Tsunami mit weiteren Toten in Hawaii, Japan und auf den Philippinen aus.
Wassermassen treffen chilenische Küste
Während die befürchteten Riesenwellen über den Pazifik ausblieben, verschlimmerten die Wassermassen in Chile das Elend noch weiter. "Es bebte und dann kam das Meer in unser Haus, es reichte uns bis zum Hals", sagte eine Einwohnerin von Iloca im Süden des Landes. In der Stadt Talcahuano wurden selbst größere Schiffe bis ins Stadtzentrum geschwemmt, im Hafen lagen riesige Seecontainer wie Streichhölzer durcheinander.
"Das Wasser hat alles, aber auch alles fortgerissen", sagte ein Überlebender aus dem kleinen Küstenort Boyecura. Mit 541 seien die meisten Toten aus der Küstenregion um Maule mehr als 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile gemeldet worden, die von dem Tsunami getroffen wurde.
Der Verteidigungsminister räumte ein, die Regierung habe einen Fehler begangen, in dem sie nach dem schweren Beben nicht die Gefahr eines Tsunamis in Betracht gezogen habe.
Aufatmen in Hawaii und Japan
Entwarnung gab es dagegen für Hawaii, Japan und zahlreiche weitere Pazifik-Anrainer: Der von dem Beben ausgelöste Tsunami verlief glimpflich. Zwar erreichten Hawaii 16 Stunden nach dem Beben mehrere bis zu zwei Meter hohe Flutwellen, über Schäden oder Verletzte wurde aber nichts bekannt. Auch in Neuseeland, Japan und Russland wurden meterhohe Flutwellen registriert. Am Sonntag hob das Tsunami-Warnzentrum in Hawaii seinen Alarm für 53 Staaten und Regionen im gesamten Pazifikraum wieder auf.
Papst Benedikt XVI. sprach den Chilenen sein Beileid aus. "Ich bete für die Opfer, und ich bin in Gedanken bei denen, die durch eine so schwere Katastrophe geprüft werden", sagte er in einer Ansprache an die Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom.
Soforthilfe von der EU, den USA und der Uno
Erstmals bat Bachelet auch das Ausland um Hilfe. Chile benötige Unterstützung für Krankenhäuser, Behelfsbrücken, Kommunikationseinrichtungen, Rettungsexperten, Statiker und Wasserentsalzungsanlagen, sagte die Präsidentin.
Die USA, die EU sowie mehrere andere Länder und internationale Organisationen wie die Weltbank und der Internationale Währungsfonds sagten Unterstützung zu und bereiteten sich auf einen umfangreichen Hilfseinsatz vor.
Die EU-Kommission gibt drei Millionen Euro als Soforthilfe. Erste Hilfsmannschaften aus Deutschland machten sich auf den Weg ins Katastrophengebiet. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach den Opfern sein Mitgefühl aus.
Der gewählte Präsident Sebastián Piñera, der sein Amt am 11. März übernimmt, sagte, das Ausmaß der Katastrophe werde frühestens in drei Tagen feststehen und kündigte einen nationalen Plan "Wiederaufbau Chile" an.