China - DER SPIEGEL
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Kritik an "Aberglauben" Peking erklärt die richtige Sicht auf die Welt

Offiziell ist China atheistisch, doch mindestens hundert Millionen Menschen im Land sind religiös. Der Chef der Religionsbehörde erklärt in einem seltenen Interview, warum sich seine Landsleute dem Glauben zuwenden - und wie er sie vor Aberglauben bewahren will.
Katholische Kirche in China am Heiligabend: "Religion gibt es schon sehr lange"
Katholische Kirche in China am Heiligabend: "Religion gibt es schon sehr lange"

Katholische Kirche in China am Heiligabend: "Religion gibt es schon sehr lange"

Foto: JASON LEE/ REUTERS
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Peking - Laut offizieller Schätzung sind hundert Millionen Chinesen religiös, wahrscheinlich ist die Zahl deutlich höher. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung hätten sich die Menschen vermehrt der Religion zugewandt, sagte der Chef der Staatsbehörde für religiöse Angelegenheiten, Wang Zuoan. Die Menschen suchten in einer immer komplizierter werdenden Welt Halt - das nannte Zuoan als Grund im Gespräch mit der "Study Times", einer Zeitung für angehende Funktionäre.

Religion könne im offiziell atheistischen China eine Kraft des Guten sein. Aber man müsse verhindern, dass Menschen dadurch in die Irre geleitet werden. "Als regierende Partei, die dem Marxismus folgt, müssen wir den Menschen helfen, die richtige Sicht auf die Welt zu entwickeln", sagte er. Die Menschen sollten eine wissenschaftliche Herangehensweise an Geburt, Altern, Krankheit und Tod haben - ebenso an Glück und Unglück. Dafür müsste man Wissenschaft stärker vermitteln und populärer machen.

Wissenschaftlichkeit statt Glaube oder Aberglaube: Der Weg dorthin ist auch aus Sicht des Behördenchefs lang. "Uns muss klar sein, dass wir Geduld haben müssen", so Wang. "Religion gibt es schon sehr lange. Wenn wir versuchen, schnelle Ergebnisse zu erzielen und die Menschen sofort vom Einfluss der Religion 'befreien' wollen, wird das den gegenteiligen Effekt haben", sagte er.

"Böse Kulte"

Die Hälfte der gläubigen Chinesen sind seinen Angaben zufolge Christen oder Muslime, die andere Hälfte Buddhisten oder Daoisten.

Menschenrechtsorganisationen beklagen, dass die Regierung einige religiöse Gruppierungen stark kontrolliert und einschränkt, obwohl in der chinesischen Verfassung Glaubensfreiheit garantiert wird. So würden etwa Christen, Buddhisten in Tibet und uigurische Muslime besonders überwacht.

Die Regierung in Peking ist außerdem unnachgiebig gegenüber Vereinigungen, die sie als "böse Kulte" bezeichnet, wie die verbotene Falun-Gong-Bewegung.

Wang Zuoan äußerte sich in der "Study Times" nicht zu konkreten religiösen Fragen - etwa, was passiert, wenn der Dalai Lama, das religiöse Oberhaupt der Tibeter, stirbt.

wbr/Reuters