Katastrophe in China: Beben im Morgengrauen
China nach dem Beben "Wir hoffen auf ein Wunder"
Nach dem heftigen Erdbeben am vorigen Mittwoch versuchen Helfer noch immer verzweifelt, Überlebende aus den Trümmern zu bergen. Insgesamt wurden in der Präfektur Yushu bis zum Freitagabend Ortszeit mehr als 1140 Tote gezählt, mehr als 410 Anwohner wurden noch vermisst. "Die Überlebenschancen werden immer geringer - aber wir hoffen weiter auf ein Wunder", sagte Fu Yong, der Leiter einer Bergungseinheit der Nachrichtenagentur Xinhua.
Die Situation in der Region ist dramatisch: In den vergangenen Stunden soll es laut Berichten von Anwohnern Plünderungen gegeben haben. Helfer mussten zeitweise die Verteilung von Lebensmitteln unterbrechen, weil es zu gewaltsamen Streitigkeiten kam. Viele Verletzte blieben unversorgt, weil Ärzte und Medikamente fehlten.
Die Regierung hat schnell auf die Katastrophe reagiert: Staats- und Parteichef Hu Jintao brach eine Lateinamerikareise vorzeitig ab. Premier Wen Jiabao flog am Donnerstagabend ins Katastrophengebiet, nachdem er eine Auslandsreise abgesagt hatte. Zuvor war bereits ein Vizepremier in die Präfektur Yushu auf dem Qinghai-Tibet-Plateau gereist, wo rund 100.000 Menschen durch das Beben obdachlos geworden sind.
Regierungschef Wen hatte sich bereits vor zwei Jahren beim großen Beben von Sichuan dadurch hervorgetan, dass er sofort persönlich zu den Opfern geflogen war. Nun kletterte er - in einer Höhe von über 4000 Metern und eisigem Wind - wieder über Trümmer und ermahnte die Helfer, niemals aufzugeben: "Das Leben der Menschen zu retten steht an oberster Stelle." Wen versprach, ein "neues Yushu" zu errichten.
Häuser, so weich "wie Sojabohnenquark"
Katastrophen wie diese sind für die Führung der Kommunistischen Partei (KP) heikel, weil sie auch Schwächen des Systems offenbaren. In Sichuan stellte sich vor zwei Jahren heraus, dass vielerorts beim Bau von Schulen gepfuscht worden war. Tausende Kinder wurden in ihren Klassenzimmern und Wohnheimen verschüttet, während andere Gebäude direkt nebenan stehen blieben.
Auch in der Provinz Qinghai gab es viele solcher "Sojabohnenquark-Bauten", wie die Bürger diese mit schlechten Baumaterialien gezimmerten Häuser nennen. Die "große Mehrheit" von Schulen und Wohnheimen dieser Region, so ergab eine Untersuchung des Erziehungsministeriums im vergangenen Jahr, war nicht nach den Vorschriften für den Bau von erdbebensicheren Häusern errichtet worden.
Wie viele Schulen in Yushu so schlecht gebaut waren, ist noch nicht klar. Die Hälfte sei zusammengebrochen, berichteten Anwohner auf Twitter. 200 Kinder seien allein unter einer Grundschule verschüttet worden, meldeten chinesische Medien - was die Behörden eilig dementierten.
Doch nicht nur Armut und Korruption können in dieser abgelegenen Region Unmut gegen die Regierung hervorrufen. Hier leben überwiegend Tibeter, die den von Peking als "Verräter" und "Spalter" geschmähten Dalai Lama verehren.
Zwangsansiedlung von Nomaden
Doch auch in Yushu gab es Unzufriedenheit, da die Regierung seit ein paar Jahren versucht, die tibetischen Nomaden in feste Behausungen anzusiedeln. Begründet wird diese Politik in der Regel damit, dass die empfindlichen Berggebiete vor der Überweidung durch die Herden der Nomaden geschützt werden sollten, außerdem könnten die Kinder zur Schule gehen.
Die westlichen Außenbezirke von Tado, einer Ortschaft in Yushu, seien noch vor drei Jahren Wildnis gewesen, meldete jüngst die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Heute sei dort eine neue Siedlung für Nomaden mit feinen Häusern entstanden, etwa 10.000 Hirtenfamilien hätten sich in der Region auf Dauer niedergelassen.
Jede erhalte im Jahr umgerechnet 8000 Yuan (umgerechnet 865 Euro) Unterstützung. Nun könnten 95 Prozent der Nomadenkinder eine Schule besuchen. Inwieweit die Hirten ihren Lebensstil freiwillig aufgaben und eine neue Arbeit fanden, ist allerdings nicht klar.
Das politische Klima in Yushu sei in den vergangen Monaten entspannter als in anderen tibetisch besiedelten Regionen gewesen, berichten Experten. Die örtlichen Behörden hätten ein besseres Verhältnis zu den Mönchen von Yushu gehabt, es sei hier daher auch nicht zu Demonstrationen gegen die Regierung gekommen, anders als in angrenzenden Gebieten. Die Stadt Jiegu habe ihren tibetischen Charakter bewahren dürfen.