China: Prominenter Arzt spurlos verschwunden - DER SPIEGEL
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China Prominenter Arzt spurlos verschwunden

Einer der prominentesten Mediziner Chinas ist verschwunden. Im Feburar hatte der Arzt das Verhalten der Regierung zum Tiananmen-Massaker kritisiert, im vorigen Jahr das wahre Ausmaß der Sars-Epidemie an die Öffentlichkeit gebracht. Die Pekinger fürchten nun, dass die Polizei ihn festgesetzt hat.
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Peking - Der Militärarzt Jiang Yanyong, 72, und seine Frau Hua Zhongwei sind seit dem 1. Juni verschwunden. Sie waren auf dem Weg zum US-Konsulat, wo sie ein Visum zum Besuch ihrer Tochter in Kalifornien beantragen wollten.

Zunächst hatten Verwandte und Freunde vermutet, dass die beiden - wie viele andere Oppositionelle - wegen des 15. Jahrestages des Tiananmen-Massakers am 4. Juni zeitweise aus dem Verkehr gezogen wurden. Bestätigt sich der Verdacht, dass Jiang längerer Arrest oder ein Gerichtsverfahren droht, wäre dies eine deutliche Warnung der Behörden an Kritiker, sich zu weit vorzuwagen. Zudem würde die Führung unter Staats- und Parteichef Hu Jintao deutlich machen, dass sie nicht an eine politische Öffnung denkt und sogar nicht davor zurückschreckt, treue Genossen abzustrafen.

Denn Dr. Jiang ist kein Dissident, sondern ein viel gepriesenes Mitglied der Kommunistischen Partei. Am 24. Februar hatte er allerdings in einem Brief die KP-Führung aufgefordert, die blutige Niederschlagung der Proteste vor 15 Jahren als Fehler einzugestehen. Dabei beschrieb er seine Erinnerungen an bewegende Szenen aus seinem Krankenhaus im Westen Pekings, in das in der Nacht des 3. Juni Dutzende unschuldiger Zivilsten tot oder verletzt eingeliefert worden waren. Der Brief war auf chinesischen Webseiten und in ausländischen Medien veröffentlicht worden.

Im vorigen Jahr hatte Jiang schon einmal international Furore gemacht: Als die Regierung die Sars-Krise herunterspielte und falsche Zahlen veröffentlichte, brachte der Mediziner das wahre Ausmaß der Epidemie in Peking ans Tageslicht. Der mutige Schritt zwang die Regierung zu größerer Offenheit über den Stand der Infektion in China. Der damalige Gesundheitsminister und der Pekinger Bürgermeister mussten den Hut nehmen. Die Behörden begannen, mit der Weltgesundheitsorganisation WHO zusammenzuarbeiten. Jiang wurde zum Volkshelden, Magazine veröffentlichten trotz Warnungen der Propagandabehörden Titelgeschichten über ihn.

Seither hegen Funktionäre offenbar tiefen Groll gegen ihn. Der Chirurg war in den letzten Wochen von Genossen intensiv befragt worden, wie der Brief vor dem Tiananmen-Jahrestag an die Öffentlichkeit gelangen konnte. Bis heute verteidigt die KP-Spitze das Blutbad, bei dem Hunderte ums Leben kamen. Die Einheit und die Stabilität des Landes seien von "überwältigender Wichtigkeit", erklärte jüngst Premierminister Wen Jiabao.

Nach ihrem Verschwinden durften Jiang und seine Frau ihren Kindern kurz mitteilen, dass ihnen die chinesischen Behörden die USA-Reise verwehrt hätten und sich das Paar an einem "sicheren Ort" befinde. Später holten Polizisten Kleidung und Toilettenartikel aus der Wohnung.