Chinas Erdbebengebiet: Experten warnen vor Seuchenkatastrophe - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Chinas Erdbebengebiet Experten warnen vor Seuchenkatastrophe

Kein sauberes Wasser, keine sanitären Einrichtungen: In Chinas Erdbebengebiet droht eine Seuchenkatastrophe, warnen Experten der Weltgesundheitsorganisation. Es sei deshalb falsch, sich nun hauptsächlich auf die schnelle Bestattung von Zehntausenden Toten zu konzentrieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Peking/Chengdu - 139 Stunden lang war Tang Xiong unter dem turmhohen Geröllhaufen, der einmal das Krankenhaus von Beichuan war, verschüttet. Jetzt wurde er gerettet - mit "leichten Kratzern" habe man den Mann aus dem Schutt gezogen, er sei ansprechbar gewesen, berichtet die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua über dieses Wunder im Epizentrum des katastrophalen Erdbebens. Doch viele solcher spektakulären Rettungen sind nicht mehr zu erwarten.

Die offizielle Zahl der Todesopfern beläuft sich zur Zeit auf 32.477 - die Arbeit der Retter verlagert sich zunehmend von der Bergung Überlebender auf die schnelle Bestattung der Toten. In Städten wie Beichuan werden die Leichen in blaue Säcke gesteckt, dann mit Kalk bestreut und mit Desinfektionsmitteln besprüht.

"Von den Toten geht keine gesundheitliche Gefahr aus"

In fieberhafter Eile werden Massengräber für die zumeist nicht identifizierten Toten ausgehoben - entgegen der chinesischen Tradition der Feuerbestattung: Angesichts der überwältigenden Anzahl von Leichen können die Einsatzkräfte darauf keine Rücksicht nehmen.

Die Körper seien schon im Verwesungszustand, sagt Wu Hai, Einsatzleiter eines Teams in Beichuan. "Sie haben teilweise keine Gliedmaßen mehr", sagt Hai. "Es gibt noch viel mehr Leichen hier. Anwohner sagen, dass hier Tausende begraben liegen."

Experten mahnen jedoch an, dass eine Konzentration auf eine schnelle Bestattung der Toten jetzt die falsche Priorität sei - auch wenn der Anblick der zahlreichen Toten in den Straßen für die Überlebenden "belastend" sei. "Von den toten Körpern geht keine gesundheitliche Gefahr aus", sagte Arturo Pesigan von der Weltgesundheitsorganisation WHO. "Dieses Missverständnis führt dazu, dass Arbeitskräfte und Ressourcen für viel dringlichere Aufgaben nicht zur Verfügung stehen", so der Experte.

Sauberes Wasser ist "wichtigste Priorität"

Der WHO-Beauftragte für China, Hans Troedsson, sagte, "die wichtigste Priorität" sei die Beschaffung von sauberem Wasser, von Nahrung - und die Bereitstellung sanitärer Anlagen. Die Aufnahme von kontaminiertem Trinkwasser sei die Hauptursache für die Ausbreitung von Seuchen.

Nach Schätzungen des chinesischen Landwirtschaftsministeriums sind bei dem Erdbeben rund 12,5 Millionen Tiere getötet worden - Landwirtschaftsminister Wie Chao'an betonte, die Tierkadaver kontaminierten die natürlichen Trinkwasserbestände, es sei nunmehr die "größte Aufgabe", eine Übertragung von Seuchen vom Tier auf den Menschen zu verhindern.

Die Arbeit der Einsatzkräfte im Katastrophengebiet Sichuan wurde in der Nacht auf Sonntag zusätzlich durch ein weiteres starkes Nachbeben der Stärke 6,1 erschüttert. Die Erde bebte 45 Sekunden lang, wie das Geologische Institut der USA (USGS) mitteilte.

In der Provinzhauptstadt Chengdu flüchteten viele Menschen in Panik auf die Straßen.

Zudem erschweren starke Regenfälle die Situation der Menschen, es drohen Dammbrüche. Am Samstag waren Beichuan und andere Gebiete im Epizentrum aus Furcht vor einer Flutwelle evakuiert worden. Alle Rettungsmannschaften und Tausende Menschen mussten die schwer zerstörte Stadt verlassen und sich in höher gelegenen Gebieten in Sicherheit bringen.

Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldet, die Verantwortlichen hätten von Erdrutschen aufgestaute Flüsse inzwischen überlaufen lassen und das Wasser umgeleitet - die Gefahr einer Flutwelle habe sich damit vermindert. Die Gefahr herabstürzender Geröllmassen bleibt jedoch bestehen.

Olympia-Fackellauf für drei Tage unterbrochen

Chinas Regierung hat von Montag an drei Tage Staatstrauer für die Opfer des Erdbebens angeordnet - wie die Nachrichtenagentur China News Service berichtete, wird auch der olympische Fackellauf wird für drei Tage unterbrochen.

Die Menschen sollen am Montag um 14.28 Uhr Ortszeit, dem Zeitpunkt des Erdbebens vor einer Woche, drei Schweigeminuten für die voraussichtlich mehr als 50 000 Erdbebentoten einlegen.

Sechs Tage nach den heftigen Erdstößen hat zudem die chinesische Erdbebenwarte die Stärke von 7,9 auf 8,0 nach oben korrigiert.

pad/AP/Reuters

Mehr lesen über

Verwandte Artikel