Huch! Selbst "Chrismon" ist nicht immer jugendfrei.
Foto: Michael MeißnerKinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.
Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.
Die meisten Kinder werden früher oder später mit Pornografie konfrontiert. Im Internet, auf dem Schulhof - und manchmal durch ein evangelisches Monatsheft.
Es war einer dieser wirklich netten Familienausflüge: Vier Menschen an einem Waldsee, Spätsommer, wenige Mücken, viel Sonne, der Geruch von warmer Erde und Kiefernnadeln. Ich las ein Buch, die Kinder schwammen sich müde, dann kreuzte auch noch eine Ringelnatter mit leuchtend orange-gelben Flecken am Kopf unseren Weg. Meine Tochter kreischte Edgar-Wallace-mäßig "Iiiiiiiiih". Mein Sohn brüllte: "Halt sie fest!"
Die Schlange verschwand elegant im Unterholz, und als sich alle beruhigt hatten, plumpsten wir ins Auto und machten uns auf den Heimweg. Wir hätten zufrieden wegdämmern können, doch kaum waren Mann und Sohn bei einem Zwischenstopp ausgestiegen, merkte ich, wie meine Tochter auf dem Sitz hin- und her rutschte. "Mama", sagte sie. "Mir ist so komisch." Oha, dachte ich, "so komisch" geht in der Regel ans Eingemachte.
Es stellte sich heraus, dass die elfjährige Vic im Auto eine Zeitschrift mit einem Interview gefunden hatte, in dem es um "Spermaschlucken" (genau, mit Anführungszeichen) geht. Darin plaudern eine bekannte Sexologin und ein Theologe über "Kirche, Sex und Pornos".
"Es ist ja das Weiße!"
Er: Ich habe auf Ihrer Homepage ein paar Ihrer Videoblogs angeguckt. In einem ging es um "Spermaschlucken", Sie redeten mit Ihrem Kameramann und sagten, "na ja, für viele Frauen ist es ja nicht das Gelbe vom Ei", da musste ich so lachen...
Sie: ...ja, ich hinterher auch - es ist ja das Weiße! Das war der Blog, in dem ich immer wieder fragte: Aber wer mag das denn wirklich? In meine Praxis kommen so viele Leute, die denken, das mit dem Schlucken müsste so sein.
"Das ist voll eklig", sagte Vic erschüttert. "Das ist ziemlich zotig", dachte ich. Gefunden hatte sie den Artikel "Viel geiler als in echt" in "Chrismon" - einem Monatsmagazin, das die Evangelische Kirche in Deutschland (kurz EKD) jährlich mit vier Millionen Euro subventioniert.
"Jetzt kann man noch nicht mal mehr eine Protestanten-Gazette auf dem Rücksitz liegen lassen, ohne beim Nachwuchs ein Porno-Trauma heraufzubeschwören", dachte ich. Dann glättete ich die Wogen, erklärte der Tochter, worum es ging - und ärgerte mich trotzdem nachhaltig.
Dazu muss man sagen: Unsere Kinder sind sehr neugierig und wurden natürlich in der Schule aufgeklärt. Zu Hause hält sich mein Mann aus der Sache mit den Sexfragen heraus, während ich seit jeher eine Verfechterin der sachlichen Aufklärung bin. Also Sex und Schwangerschaft statt Storch. Und eben Sperma statt Bienen und Blumen.
Ich habe auch überhaupt nichts gegen "Chrismon". Die Artikel sind gut geschrieben und profitieren in der Regel davon, dass sie nicht moralinsauer sind. Aber dieser Text war erst mal unappetitlich. Die krassen Eingangszitate waren auch nicht witzig, sondern wirkten wie der sehr bemühte Versuch, modern und zeitgemäß rüberzukommen.
Sex, der nur meinem Kind selbst gehört
Ich habe wohl den naiven Glauben, dass es Sex geben könnte, der nicht durch Porno-Sites, soziale Netzwerke und fiese Filme prädeterminiert ist. Sex also, der frei ist von Bildern, Topoi und Stereotypen anderer Leute. Sex, der nur einem selbst gehört, der eigenen Phantasie entspringt und der Begegnung mit einem anderen Menschen.
Mein naiver Traum ist natürlich Quatsch, weil sich heute niemand der Bild- und Informationsflut entziehen kann. Aber ich versuche, meinen Kindern beizubringen, dass es schlimme Bilder gibt, die sie nie wieder aus ihrem Kopf bekommen. Und weil ich sie davor nicht überall schützen kann, müssen sie lernen, selbst einzuschätzen, was sie vertragen. Und im Notfall lieber einmal zu früh weggucken und die Angst überwinden etwas zu verpassen oder uncool zu wirken. Erstaunlicherweise ist ihnen das bisher ganz gut gelungen. Bis "Chrismon" kam.
Warum aber müssen die Protestanten so auf die Zwölf hauen? Anruf bei "Chrismon": "Pornos sind normal, das berichten Lehrer, das sagen Forscher, die längst nicht mehr darüber streiten, ob das so ist", sagt die Chefredakteurin Ursula Ott. Klar entstünden bestimmte Vorstellungen von Sex, wenn auf jedem Schulhof YouPorn und unzählige andere Pornoangebote kursierten. Aber es sei unwahrscheinlich, dass ausgerechnet "ein Interview im guten alten Holzmedium Zeitschrift die Synapsen blöd verknotet", so Ott.
Ist also das geschriebene Wort weniger explizit als das Bild? Muss ich damit leben, dass meine Kinder irgendwann Filme konsumieren, die unter miesen Bedingungen für die Darsteller entstanden sind? Die eine Industrie reich machen, die ich nicht mitfinanzieren will?
Selbstverständlich gehe es um Menschenwürde, ein sehr evangelisches Thema, betont Ott. Aber in dem Interview eben auch "um fröhlichen Sex, den man haben kann, ohne komische Sachen aus den Pornos nachzuturnen".
Fröhlich find ich gut. Aber vor der Flut der Bilder zu kapitulieren, halte ich für falsch. Und so lange, bis die Kinder den ersten Porno hinter sich haben, versteck ich einfach die "Chrismon".
Juno Vai,
Mutter von Vic (15) und Vito (12)
Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn
Nervigstes Kinderspielzeug: alles mit komplizierten Anleitungen
Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt