NEW YORKER TAGEBUCH Code Omega
Die Hauptstadt der Welt, das Rom der Moderne, war bis zu jenem Morgen im September ein Ort, wo die Leute glaubten, ihr Schicksal fest im Griff zu haben, für ihr Leben selbst verantwortlich zu sein. Dazu gehörte auch der Glaube, gegen fast alle Übel des Universums ein Mittel zu besitzen.
Gegen Gesichtsfalten half Collagen, trübe Stimmung wurde mit Prozac bekämpft, Impotenz mit Viagra; und wem das alles zu blöd war, für den gab es immer noch einen schnellen Scherz im Vorbeigehen oder ein Bier in einer Bar, in der die Musik von Duke Ellington erklang und der Fernseher über dem Whiskyregal thronte.
Krankheit, Tod, Bakterien - in Manhattan hatte all das nichts verloren. Angst vor Katastrophen? Nur »Gloom and Doom«. Pessimismus machte schlechte Laune, Pessimismus war nicht mehr als das Eingeständnis des eigenen Versagens, Pessimismus war etwas für Leute, die man hier Eurotrash nannte, für Leute, die aus Europa stammen und zu viel Kafka gelesen haben. Keine besonders gute Vorbereitung für die Gegenwart, jener Zeit nach dem Anschlag, der vielleicht, sagen Sicherheitsexperten und Terroristen, nur der Anfang war.
New Yorker spüren zum ersten Mal etwas, was sie bisher nicht kannten: Ohnmacht. Das miese Gefühl, nichts tun zu können gegen einen Feind, der unsichtbar ist und der gedroht hat, mit dem zu töten, was nur mit einem Mikroskop zu erkennen ist: Bakterien, Viren.
Aber bevor sich einer nachts mit zwei Valium ausschalten muss und tagsüber auf die Warteliste für Gasmasken schreiben lässt, sollte er mit einem Arzt sprechen. Zum Beispiel mit Dr. Kai Stürmann, einem der Leiter der Notfallstation im Krankenhaus Beth Israel, 16. Straße, Ecke First Avenue, einem großen Kasten mit grauem Betonfußboden. Stürmann, der früher, als Alphabet City noch ein Drogenviertel war, nach Schießereien die Verletzten behandeln musste, kann nur lachen beim Wort Gasmaske. »Muss man«, sagt er, »wenn's was nutzen soll, immer tragen.« Bei Tag, bei Nacht, beim Duschen, beim Essen. Freut Bin Laden in seiner Felsenhöhle sicher, wenn er sich vorstellt, dass einer, der 12 000 Dollar Miete für sein Loft zahlt, mit Gasmaske fernsieht.
Gasmasken, das Stück zu 500 Dollar, sind in der gesamten Stadt ausverkauft. Wartezeit: sechs Monate. Milzbrand-Antibiotika wie Ciprobay sind nicht mehr vorrätig. Besonders clevere Überlebensweltmeister haben sich von ihren Ärzten Rezepte besorgt, um das Zeug zu Hause zu horten.
Ciprobay, sagt Stürmann, hilft nur, wenn es in den ersten Tagen nach einer Anthraxattacke eingenommen wird. Bevor die Krankheit ausbricht. Nun aber wundert er sich, wie die Leute mit Ciprobay umgehen: Schlucken es vorbeugend wie Vitamintabletten; kommen vorbei, sagen, sie hätten vor zwei Wochen auf der Straße etwas Komisches gerochen, sicher Anthrax, es gehe um Leben und Tod, und wollen Ciprobay. Vorhin habe er einer Frau wegen eines Nierenleidens Ciprobay verschreiben wollen, bis ihm wieder einfiel, dass es in den Apotheken nicht mehr vorrätig ist. »Wäre im Fall eines Anschlags aber was anderes«, sagt Stürmann. »Da gäbe es in der Stadt innerhalb von zwölf Stunden Ciprobay für zwei Millionen Menschen.«
Pocken, von einem selbst infizierten Attentäter eingeschleppt, der Millionen andere Menschen anstecken könnte? Dagegen kann bestenfalls eine Impfung helfen, und die Impfstoffe hat derzeit nur das Militär auf Lager. Zur Beruhigung trägt nicht unbedingt bei, dass die »New York Times« in ihrem Wissenschaftsteil schreibt: »Pocken breiten sich so rasend schnell aus wie ein Feuer in einem trockenen Wald.«
»Schwierige Geschichte«, sagt Stürmann, »ansteckend ist einer erst, wenn er die Pusteln im Gesicht und an den Händen hat. Schwer zu verbergen. Im Ernstfall wären 15 Millionen Impfeinheiten verfügbar. Um ganz Manhattan zu immunisieren, braucht man drei Tage.«
Schon deshalb wollen manche New Yorker bei der Planung ihres Fluchtwegs nichts dem Zufall überlassen. Eine Dame aus der Upper East Side hat ihren Tiefgaragenwächter angewiesen, ihre Limousine bei biochemischen Attacken unverzüglich vorzufahren. Der aber wäre am Tag X längst über alle Brücken, und die Dame müsste sich um einen Platz im Fahrstuhl prügeln - mit all den anderen Bewohnern, die ebenfalls jeden Monat 600 Dollar für den Platz in der Tiefgarage zahlen. »Der Witz ist«, sagt sie, »dass nur jenen armen Teufeln die Flucht gelingen dürfte, die ihr Auto draußen auf der Straße parken.« Vor ihrem Haus, sagt sie, parkten ein paar davon, schon voll gepackt mit Lebensmitteln und Wasser. Man weiß nie, wie lange eine Flucht dauert. Jetzt, da es Winter wird, kommen zusätzliche Decken an Bord.
Das Schicksal also wieder im Griff? Geht so, sagt Stürmann, der Arzt. Seit Tagen herrsche die höchste Alarmstufe in der Geschichte New Yorks: Code Omega. Zum Abschied sagt der Bursche, der früher die Kriminellen, die Gestrandeten und die Normalen aus der Lower East Side zusammengeflickt hat und dem nichts so schnell einen Schreck einjagen konnte: »Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Angst, richtige Angst.«
Auch dies gehört zum teuflischen Plan der Terroristen. Zu wissen, dass es gegen Angst keinen Impfstoff gibt.
THOMAS HÜETLIN