Sekten Codename Schneewittchen
Das bunte Heftchen mit dem Monster auf dem Titel tauchte ganz plötzlich im Bonner Regierungsviertel auf. Am Parlamentsgebäude, vor Ministerien und an Bushaltestellen entlang der Bannmeile hatten Helfer des Psycho-Konzerns »Scientology Church« die Postille gleich stapelweise ausgelegt. Die Botschaft des Pamphlets: Deutschland stehe vor dem Abgrund.
Eine Phalanx von Politikern, Kirchenführern, Alt- und Neonazis, so die wirre Nachricht, habe sich mit Deutschlands Psychiatern verbündet, um Scientology den Garaus zu machen. Die Sekte, die »die gut getarnten dunklen Flecken auf der weißen Weste der deutschen Psychiatrie wieder zum Vorschein« bringe, werde den Seelenklempnern und ihren Handlangern in der Politik lästig. Scientologen seien die Juden der Neunziger, würden verfolgt und vernichtet.
Mit dem Stuß, gesammelt auf 52 Seiten, wurden nicht nur Bonner bedacht. Bundesweit verteilte die Sekte nach eigenen Angaben eine Million der Gratis-Heftchen mit dem Titel Freiheit.
Der bislang größte Werbefeldzug von Scientology in Deutschland gilt Experten als Beleg dafür, daß der Sekte in der Bundesrepublik allmählich die Luft ausgeht. »Die stehen mächtig unter Druck«, sagt Ursula Caberta, Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats.
Blanke Nerven zeigt die Sekte besonders gegenüber Aussteigern und kritischen Journalisten. So erhielt die Ehefrau eines Scientology-kritischen Redakteurs der Hamburger Morgenpost Besuch von einem Detektiv. Er habe, so die Auskunft, Informationen über das Liebesleben ihres Gatten. Als seinen Auftraggeber nannte der Mann ein Anwaltsbüro von Scientology. Die Sekte bestreitet dies, behauptet aber trotzdem, der Journalist betrüge seine Frau, um an Infos über Scientology zu gelangen.
Auch der SPIEGEL wird von Scientology attackiert, seit er Kontakt zu dem amerikanischen Journalisten Robert Vaughn Young, 56, aufgenommen hat. Young hat der Sekte mehr als 20 Jahre lang auf wichtigen Posten gedient. Rund 15 Jahre lang gehörte er dem sekteneigenen Geheimdienst an, der Mitglieder und Gegner der Organisation überwacht und jegliche Außenkontakte der Sekte kontrolliert. 1989 stieg Young aus.
»Young lügt« - mit dieser Mitteilung bombardierten Sektenanwälte im Dutzend die SPIEGEL-Redaktion. Egal, ob Youngs Darstellungen »wahr oder unwahr« seien, so die Scientology-Juristen, der Mann verstoße gegen Schweige-Gelübde, die er einst als Mitglied unterschrieben habe.
Der SPIEGEL, so die Drohung, werde für jede Veröffentlichung von Youngs Insider-Wissen büßen müssen. Der Vizechef des Scientology-Geheimdienstes, Kurt Weiland, ein alter Bekannter Youngs, bemühte sich persönlich von Los Angeles nach Hamburg, um in der Redaktion Stimmung gegen seinen Ex-Kollegen zu machen. Auch vor Youngs Wohnhaus in Seattle demonstrierten Sektenanhänger gegen die Enthüllungen des Aussteigers.
Die Furcht der Sekten-Anhänger ist begründet: Was der Aussteiger über die Kampagne gegen Deutschland erzählt, könnte Scientology in der Bundesrepublik endgültig die Anerkennung als religiöser Verein kosten.
Die Führung von Scientology, so Young, versuche seit Jahren, die Bundesrepublik mit Hilfe von Firmen und Tarnorganisationen zu unterwandern und Deutschland international in Mißkredit zu bringen - mit einer Geheimaktion unter dem Codenamen »Schneewittchen«.
Die antideutsche Kampagne habe der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard selbst inszeniert. Hubbard habe unter dem Wahn gelitten, daß Psychiater und Psychologen ihn umbringen wollten. Als Zentrum der Verschwörung machte er deutsche Wissenschaftler aus, die auch Hitler an die Macht gebracht hätten und noch immer aktiv seien.
Deutschen Politikern ist Scientology seit längerem nicht geheuer. Im Mai haben die Innenminister der Länder beschlossen, Erkenntnisse über die Sekte durch Verfassungsschutz und Polizei auszuwerten und ein Verbot der Organisation zu prüfen.
Auch die Wirtschaft geht auf Distanz. Immer mehr Banken weigern sich, Geschäfte mit Scientologen zu machen. Seit Monaten kämpfen zudem Maklerverbände und Mietervereine gegen Scientology-nahe Immobilienhändler und deren dubiose Geschäftspraktiken. »Die werden ihre Wohnungen kaum noch los«, berichtet eine Insiderin.
Um den Niedergang des deutschen Zweiges vor der Sektenführung in den USA zu kaschieren, habe die inzwischen abberufene Leiterin der Hamburger Scientology-Filiale, Wiebke Hansen, 50, sogar die Bilanzen über Einnahmen und Beitritte geschönt, berichten Insider der Organisation. Als der Betrug aufgeflogen sei, habe die amerikanische Scientology-Zentrale Hansen umgehend in ein Straflager abkommandiert.
Scientology dementiert heftig: Frau Hansen widme sich in Amerika lediglich ihrem »spirituellen Weiterkommen«.