Cool in Moosach - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 55 / 123

Jugend Cool in Moosach

• aus DER SPIEGEL 45/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war Sonntag, der 3. September 1995, und auf einen Tag wie diesen hatte sich das Mädchen die ganze Woche lang gefreut.

Um drei Uhr nachmittags bezahlte Petra Seifert zehn Mark Eintritt in einer Wartehalle auf dem alten Flughafen München-Riem. Dann ging sie durch einen dunklen, langen Gang. Dort tastete eine Ordnerin die Zwölfjährige nach Waffen und Getränken ab. Petra kannte das schon. So und nicht anders beginnt jede Rave-Party, die den Namen Rave verdient.

Drinnen rasten das Licht und die Musik um die Wette, und wenn die Musik für eine halbe Sekunde stoppte, sah es aus, als würden die Scheinwerfer das Vergnügungsgelände einfrieren. Dann konnte Petra ein Mädchen in einem Eisenkäfig sehen. Und Jungs in den Trikots von Juventus Turin. Und andere Jungs, die mit Wasserpistolen in die tanzende Menge feuerten.

Petra mochte das. Noch lieber mochte sie die Dunkelheit. Petra mußte dann an eine Menge Dinge nicht mehr denken. Nicht mehr an die Schule. Nicht mehr an die Eltern. Nicht mehr an ihre Freundinnen. Nicht mehr an ihren Körper, der in die Pubertät geraten war und alle paar Tage mit einer neuen Überraschung aufwartete.

Eigentlich war Petra groß und blond und hübsch. Aber oft war sie sich da nicht so sicher. Vor allem nicht, wenn ihr ein paar Gleichaltrige »Pferdefresse« hinterherriefen: oder »Fischgesicht«.

Als Petra gegen halb acht den langen, schwarzen Gang nach draußen spazierte, war sie tropfnaß; die langen, blonden Haare hingen ihr ins Gesicht. Sie hatte Durst. Fünf Mark hätte eine Cola drinnen gekostet, das konnte sie sich nicht leisten. Aber sie hatte das Trinken dort drinnen sowieso vergessen.

Klar und rot war der Himmel über München an diesem Abend, und zwischen herumliegenden Steinen und einer _(* Vor dem Hochhaus, von dem sich ) _(Petra und Agnes stürzten. )

verbeulten Leitplanke stand ihr Vater herum. Er war gekommen, um sie nach Hause zu holen. »Da«, sagte er und streckte ihr eine Flasche Coca-Cola entgegen. Petra sagte nichts und setzte die Flasche an. Sie trug eine Bomberjacke. Ihrem Vater erzählte sie später, die habe ihr ein Junge geliehen, weil sie tropfnaß auf einmal angefangen hatte zu frieren. Nächsten Sonntag wollte sie ihm die Jacke zurückgeben.

Die Jacke hängt immer noch in der Wohnung von Petras Eltern. Im zweiten Stock eines Hochhauses in München Moosach sitzen die beiden mit ihren Bauernmöbeln und der Katze, die das einzige Kind vor Jahren einmal eingeschmuggelt hat. Gemütlich ist hier nichts mehr. Die Behausung wirkt wie eine Schutzhütte im Nichts.

In Petras Zimmer ist es kalt. Auf ihrem Fernseher liegen ein Labello, ein Kamm und ein Kajalstift. Die Mutter hat nach Petras Tod frische Bettwäsche aufgezogen. So, daß alles frisch gelüftet ist und sauber, wenn das Kind nach Hause kommt.

Die Eltern wissen, daß Petra nicht nach Hause kommt, aber glauben wollen sie es trotzdem nicht. Noch weniger wollen sie glauben, daß ihr Kind ist, wofür es hier im Viertel viele halten und was für die Polizei längst feststeht: eine Selbstmörderin.

Wäre das wahr, dann kämen zur Trauer auch noch die Selbstvorwürfe. Es ist warm am Küchentisch. Vater Seifert trägt eine dicke wollene Trachtenjacke. Mutter Seifert hat versucht, wenigstens ihre Frisur aufzurichten. Den Rest sollen der Kaffee erledigen und Marlboro Lights.

»Es ist wie auf einem Schlitten, der in die Tiefe fährt«, sagt Frau Seifert. »Es geht immer noch weiter runter.« Hinter ihr auf der Anrichte stehen drei Holzfiguren. Eine sieht nichts. Eine sagt nichts. Eine hört nichts.

Die Seiferts gehören nicht zu den Menschen, die jammern. »Geht ned gibt''s ned«, hieß einer der Sprüche, mit denen sie versucht haben, sich ihren Weg durchs Leben zu bauen. Ein vertrackter Satz, der seinen optimistischen Inhalt in eine doppelte Verneinung packt: Etwas geht immer. Das Kind sollte keins von denen werden, die mit dem Schlüssel um den Hals und der Fünf-Minuten-Terrine in der Hand darauf warten, daß ihre Eltern irgendwann einmal nach Hause kommen und sich mit vor den Fernseher setzen.

Als sie vor neun Jahren nach Moosach zogen, dachten sie, sie würden der Großstadt entkommen, rausziehen an den Rand von München - dorthin, wo die Wohnungen billiger sind und die Badeseen im Sommer zehn Minuten weit weg mit dem Fahrrad.

Die Seiferts müssen dabei übersehen haben, daß Moosach einer der Orte ist, an dem der Moderne die Luft ausging. Eingezwängt zwischen vielspurigen Stadtautobahnen, stehen hier Autohalden und Möbellager und Beton in jeder Form: als Blumenkübel, als Einkaufszentrum, als ehemaliges Olympiawohnheim. Außerdem gibt es immer Parkplätze. In den vielen Tiefgaragen aus Beton.

Die Seiferts haben versucht, das Beste aus dem Beton zu machen; sie haben ihn sich schöngesehen. »Unser Haus ist gar kein richtiges Hochhaus. Es ist nämlich auch sehr breit«, sagt Frau Seifert. »Im Sommer, wenn die Sonnenschirme draußen auf dem Balkon standen, dann sah unser Haus aus wie ein Hotel«, sagt ihr Mann.

Die Seiferts kommen beide aus Elternhäusern, in denen es streng zuging, und ihre Tochter sollte es einmal besser haben. Sie sollte die Freundinnen nicht nur am Geburtstag ins Haus bringen dürfen. Der Besuch sollte immer mitessen können. Das Kind sollte das Telefon benutzen dürfen. Und, das wichtigste: Wenn das Kind eine Zimmertür zumachte, dann klopften die Seiferts an.

»Wir wollten alles - nur keinen Jasager«, beharrt Frau Seifert, und damit aus der Kleinen auch sonst nichts Verbogenes werden sollte, richteten die Seiferts ihr Leben so ein, daß immer jemand da war, wenn sie aus der Schule kam. Vater Seifert arbeitete als Bäcker und kochte mittags, nach Feierabend, »gefüllte Paprika ohne Paprika« oder andere Dinge, die Petra gern mochte. Abends, wenn er allmählich abbaute, trat die Mutter, die bei Siemens verwaltete, in Aktion.

Petra bedankte sich auf ihre Weise. Sie rief an, wenn sie sich verspätete. Sie ging mit der Mutter zum Bowlingspielen. Und im Sommer, wenn die anderen Kinder verreist waren, in die Türkei oder nach Gran Canaria, radelte sie mit ihren Eltern tapfer von Biergarten zu Biergarten rund um den Olympiapark. »Erst hatten wir kein Geld«, sagt die Mutter, »und dann keine Lust, weil es in Deutschland doch am schönsten ist.« Im nächsten Jahr wollten sie endlich die erste Flugreise wagen.

Aber Petra hatte schon lange abgehoben. Sie hatte ein Leben begonnen, das kilometerweit weg war von der Bauernstuben-Biergarten-Gemütlichkeit der Eltern. Mit der S-Bahn und ein paar Freundinnen sauste sie nach Pasing in den Rollschuhpalast oder nach Riem zur Rave-Party oder, wie diesen Sommer, ins Jugendzentrum nach Eching - immer getrieben vom Hunger nach Anerkennung.

Mit der richtigen Ausstattung für Heranwachsende hatte das Kind nie Schwierigkeiten; die Eltern kauften ihr fast alles: die Levi''s 501, den Fernseher, die Worker-Boots, das City-Bike, den Walkman und das Adidas-Hemd, das auch Madonna seit ein paar Jahren wieder trägt. Aber irgendwann reichte das nicht mehr, und die richtigen Orte mußten her. Und die richtigen Mädchen und Jungs, mit denen sie sich dort sehen lassen konnte.

Das Wichtigste war, daß sie sich überhaupt nach Pasing, Riem und Eching traute und daß sie ein wenig davon hinüberrettete in ihren Moosacher Alltag. Den verbrachte sie wie viele Moosacher unter 20: im Einkaufszentrum oder im McDonald''s. Darauf wartend, daß etwas passierte. Oder der Tag zu Ende ging.

Petras Freundinnen waren älter als sie. Die beste heißt Nina, und sie lebt zwei Straßen weiter in einem grün gestrichenen Wohnblock. Ninas Mutter putzt bei BMW, der Vater fährt Fernseher für Philips aus, und am Wochenende arbeitet er manchmal als Schlagersänger in jugoslawischen Kneipen. Wenn ein Abend gut läuft, hat Nina was davon. Sie bekommt dann 20 Mark.

Um den Hals trägt Nina ein Lederband mit Blechbuchstaben, die sich zu dem Schriftzug »BAD GIRL« fügen; die Jeans hat sie unten aufgetrennt, damit sie mehr Schlag haben. Die Finger sind mit riesigen Ringen bestückt. »Das sieht cool aus«, sagt Nina. »Außerdem kann man damit gut schlägern.«

Nina wird von vielen Moosacher Mädchen als Chefin verehrt, und so tritt sie auch auf: Sie hat ihre Gesichtszüge unter Kontrolle genauso wie ihre Gefühle, und wenn sie am Nachmittag zwischen den Hochhäusern umherstreunt, dann sind ihre Anweisungen knapp und hart. »Hol die anderen«, herrscht sie ein Mädchen an. »Wie sieht es am Brunnen aus?« fragt sie ein anderes. Auf Antwort muß sie nie lange warten.

Nina bekommt diese Art von Respekt, weil sie, wenn es darauf ankommt, kämpft. Petra konnte das nicht. »Petra«, erzählt Nina, »ist immer weggelaufen oder hat angefangen zu weinen.«

Vor ein paar Jahren noch brauchte Nina niemanden, am wenigsten Petra, höchstens, um sie zu verprügeln oder sonstwie zu schikanieren. »Irgendwann hab'' ich es nicht mehr ausgehalten«, erzählt Petras Mutter, »und hab'' ihr den Umgang verboten.« Irgendwann hatte Nina überhaupt niemanden mehr, der sie noch näher an sich heranlassen wollte. Da stand sie wieder vor Petras Haustür.

»Sie war eine Mitläuferin«, sagt Nina über Petra. »Wenn ich ihr gesagt hätte: ,Bind mir die Schuhe zu'', dann hätte sie mir die Schuhe zugebunden.« Aber Petra sei eben auch total lieb gewesen. Die Zeichen dieser Liebe waren, außer bedingungsloser Loyalität, die Geschenke, die jetzt in Ninas Regal stehen. Ein Hund aus Plastik auf einem roten Kissen aus Satin mit der Aufschrift »Love me«. Ein leuchtendes rotes Herz. Und eine Spardose in Form eines großen Pumuckls. Eine Münze liegt darin. »Ich gebe mein Geld aus«, sagt Nina.

Wenn sie mit der Bande losgezogen seien, ins Einkaufszentrum, zu McDonald''s oder in die Kinderdisco, dann habe sich die Petra gern nach vorne gedrängelt, »weil sie bei uns gut ankommen wollte«, erzählt Nina. Dann hat sie sich gegen Erwachsene schubsen lassen, die dumm genug waren, in die Nähe dieser Mädchenclique zu kommen. »Können Sie nicht aufpassen«, habe Petra die erstaunten Leute dann angeschrien. Und: »Schauen Sie doch nicht so.«

Manchmal fiel ihnen nicht einmal mehr so etwas ein. Dann zogen sie in die Freizeitstätte »Boomerang«, einen Ort, der ordentlich und ein wenig langweilig wirkt, weil eben helles Fichtenholz und ein paar Dartpfeile nicht die Überraschungen der Straße ersetzen können. In die Freizeitstätte kommen die, die kein Zuhause haben. Die Ninas und Petras von Moosach haben eins. Und von dem wollen sie manchmal weg. Nur wohin, das wissen sie nicht.

Christine Michalczyk, eine Betreuerin, erinnert sich an die beiden. »Nina gab den Ton an«, sagt Michalczyk. »Petra schaute zu. Sie war sehr still und sehr brav und hat immer erst geschaut, was die anderen machen. Sie war kein Kind, das mit einer Zeitung rumwerfen würde oder so was.« Aber passiv seien sie alle, die Lückenkinder - keine Kinder mehr und noch keine Jugendlichen; zu cool fürs Versteckspielen, aber von den 16jährigen verachtet. Neulich erst hat sie ihnen wieder eine Menge Schlagringe und Butterflymesser abgenommen.

Der langsame Abschied von der Schlagring-Kindheit hätte sich noch ein paar Jahre hingezogen, hätte Petra nicht in den Sommerferien ein Mädchen namens Agnes kennengelernt. Sie mochte das hübsche Wesen mit den dunklen Augen anfangs nicht besonders, sie beteuerte vor ihren Moosacher Freundinnen, daß sie die Agnes nur ausnutze. Zum Beweis zeigte sie ihr oft den ausgestreckten Mittelfinger - solange Agnes ihr den Rücken zudrehte.

Bevor Agnes das Leben von Petra durcheinanderbrachte, waren die Ferien eine ziemliche Pleite gewesen. Nina und ihre Freundin Edina hatten Petra mit auf einen Reiterhof in Oberfranken genommen. Petra knickte gleich nach der Ankunft um, danach war mit Reiten Schluß. Blieben noch die zwei Freundinnen. Die hatten bald einen Mopedunfall mit ein paar Dorfburschen. Als Petras Eltern die drei nach einer Woche abholten, betraten sie ein Krankenlager, und als alle wieder in München waren, stritten sich Nina und Petra. »Das Verhältnis war zu eng geworden. Wir mußten uns für eine Zeitlang trennen«, erklärt Nina.

Wie zur Strafe spielte Petra danach morgens mit der Mutter Kniffel. Es folgten die übliche Radtour, die ebenso üblichen Biergärten, das Baden im zehn Minuten entfernten See. Wie meistens hatten die Seiferts das Gefühl, eine rundum zufriedene, fröhliche Tochter mit sich herumzuführen. Und wie meistens dachte das Petra auch selbst: solange sie bei ihren Eltern war.

Nur wenn sie sich in sicherer Entfernung von ihnen wußte, wuchsen alltägliche Rangeleien ums Nachhausekommen, Abwaschen und Aufräumen zu Riesenproblemen, und weil es den meisten Mädchen in ihrem Alter so ging, hatten sie manchmal das Gefühl, in eine Art Weltverschwörung geraten zu sein. Uncool war, wer Spaß mit seinen Eltern hatte. Cool war, wer sich von seinen Eltern in Depressionen und schlechte Laune gedrängt sah.

In diesem Chaos tauchte plötzlich Agnes auf, die anders war als alle, die Petra zuvor in Moosach gekannt hatte. Agnes'' Eltern waren aus Polen eingewandert, und das Mädchen hatte sich zusammen mit seiner Schwester Justina eine eigene Welt in der Münchner Fremde aufgebaut. Zu Hause hatten sie Märchen und Geschichten mit ihren Barbie-Puppen nachgespielt, sie hatten Gedichte geschrieben und sie zur Musik gesungen, und als sich Agnes dann hinaustastete in das neue Land, hatte sie eine Menge anzubieten: im Kirchenchor und im Gitarrenunterricht wurde sie bewundert; als an der Schule das Peter-Maffay-Musical »Tabaluga« aufgeführt wurde, drängte man ihr die Hauptrolle auf. »Sie mußte den Text nicht lange auswendig lernen«, erzählt ihre Schwester. »Sie konnte ja immer alles gleich.«

Vor ein paar Jahren trennten sich ihre Eltern, und als dann die Pubertät dazukam, wurden die Dinge nicht besser. Die Freundinnen erwischten Agnes immer öfter beim Schwindeln, aber die Rolle des chaotischen, lustigen, selbstbewußten Fabelwesens wollte sie nicht aufgeben. Sie versteckte die Traurigkeit hinter ihrem Fotomodell-Lächeln, sie verbrachte ganze Nächte allein mit einer Päckchensuppe bei ihrem Pferd im Reitstall, und sie versuchte immer wieder, sich umzubringen. »Sie warf einen Fön in die Wanne, und er ging aus. Ein anderes Mal nahm sie Schlaftabletten«, sagt ihre Freundin Kathi. »Aber außer ein paar Psychologen glaubte niemand, daß sie es ernst meinte.«

Drei Wochen bevor sie sich vom Balkon stürzten, freundeten Agnes und Petra sich an, und in diesen drei Wochen verbrachten sie fast jede freie Minute zusammen. Sie stellten das Programm von Viva laut und tanzten vor dem Fernseher, sie schlugen Purzelbäume über die Münchner Sommerwiesen, sie lagen auf dem Bett und redeten über die Jungs, in die sie gerade verliebt waren, sie rätselten, was sie auf dem Flughafen-Rave anziehen sollten, und sie fuhren mit ihrer gemeinsamen Freundin Kathi nach Eching ins Jugendzentrum.

Als Kathi von den letzten Stunden der Mädchen erzählt, ist das Jugendzentrum geschlossen. Der Leiter hat Grippe. Die Besucher hängen vor dem S-Bahn-Kiosk herum, trinken Cola und Bier, rauchen und machen kleine Geschäfte. Ein Junge will Alufelgen für ein Mountainbike verkaufen. Ein anderer möchte ein paar Leuchtpatronen loswerden. Den Revolver dazu führt er im Bund seiner Trainingshose spazieren.

Kathi trägt karierte Hosen, ein blaues Sweatshirt von »Blue System« und auf dem Rücken einen schwarzen Lederrucksack. Wenn sie ihre roten Haare von der Stirn wischt, dann tut sie das so langsam, als wäre sie bekifft, was sie nicht ist. Sie hat sich diese Teenagergeste von denen abgeschaut, die dauernd bekifft sind.

Kathi war am Todestag auch auf dem Balkon. Zusammen mit einem Jungen namens Benny lehnte sie weiter hinten an der Mauer. Die Mädchen saßen vorne auf dem Betongeländer und überlegten eine Stunde lang, ob sie leben wollten oder sterben.

Daß Tote weniger Sorgen haben, stand für beide fest. Immer wieder hatten sie darüber geredet. Petra sagte ihrer Mutter, sie finde Selbstmord eigentlich blöd.

Das war am Montag abend. Kathi hatte angerufen, und sie klang, wenn Kathi so klingen kann, panisch. Vor Kathis Fenster stand Agnes mit geöffneten Pulsadern. Ihr Freund Stefan wolle sie nicht mehr zur Freundin. Agnes hatte eine Spezi-Flasche von der Straße aufgehoben, sie zerschlagen und geschnitten, bis Blut kam.

Kathi wartete, bis ihre Mutter schlief. Dann öffnete sie ein Fenster. Agnes stieg herein. Sie nahmen einen Verband von Agnes'' Bein und wickelten ihn um die Pulsadern. Kathi zog eine Matratze hervor, warf einen Schlafsack darüber, und bevor Agnes darauf einschlief, redete sie über ihren Vater. »Er streßt mich. Er versteht nichts. Ich halt'' das nicht mehr aus.«

Petra lag zu dieser Zeit längst im Bett. Neben ihr stand der frisch gepackte Schulranzen, sie hatte die alten Hefte aussortiert. Bevor sie sich hinlegte, hatte sie noch mit der Mutter und der Katze auf der Couch gekuschelt und wenig gesagt. Sie hatte ihre Tage, und morgen mußte sie wieder zur Schule. »Hoffentlich bekommen wir einen Lehrer«, sagte Petra. Dann bettelte sie: ob sie morgen noch einmal nach Eching dürfe, das letzte Mal. Denn dann gehe das mit der Schule ja wieder richtig los.

Petra bekam eine Lehrerin. Aber als sich die drei Mädchen gegen zwei Uhr in der S-Bahn Richtung Eching trafen, waren sie bester Stimmung und hielten sich fest an den Händen. Die Sonne wärmte die Gleise, und der Himmel schien so weit, als wolle er erst in Italien enden. Und mitten in diesen Tag hinein sagte Agnes: »Petra, in Oberschleißheim steigen wir aus und schmeißen uns vor den Schnellzug.« Petra antwortete, so erinnert sich Kathi: »Nicht jetzt, aber später.«

In Eching knutschte Petra mit ihrem neuen Freund Benny stundenlang im Fernsehraum herum. Aber dann war Petra weg, und als Benny sie im Park des Jugendzentrums wiederfand, kam er sich vor, als störe er eine Verschwörung. »Machen wir''s jetzt am Tag oder in der Nacht«, fragte Agnes. Petra antwortete: »Später, aber wir springen nicht vor einen Zug, wir springen vom Hochhaus. Ich kenne eins. Da hab'' ich schon mal ein Ei vom 20. Stock geworfen.«

Vom 20. Stock des ehemaligen Olympia-Pressezentrums hat man einen guten Blick auf Moosach, und dann kann man sich sogar vorstellen, dort oben das Gefühl zu kriegen, daß man wichtig und mächtig sei. Selbst wenn man es nie war.

Es ist der Blick, sonst nichts. Im Treppenhaus liegen die Reste von Joints herum, an den Wänden Graffiti der Trostlosigkeit: »Weltuntergang 2000« steht da. Und die Markennamen »Chevignon«, »501«. Auf den angrenzenden Balkonen leere Bierkästen. Zur Rechten hat einer seine Parzelle mit Eisenstacheln geschützt. Von dort sollte keiner in den Tod springen. Bisher haben sich zehn von diesem Hochhaus gestürzt.

Gegen 19 Uhr treffen Petra und Agnes hier oben ein. Vorher haben sie Bratwurst, Sauerkraut und Kartoffelbrei gegessen, bei Petras Eltern. Agnes allerdings keine Bratwurst. Sie ist Vegetarierin, seitdem ihr Pferd starb. Aber eine Mahlzeit sollte schon sein. Weil Petra pünktlich zu Hause vorbeischauen mußte. Und weil Agnes zu Kathi im Zug gesagt hatte: »Wir springen mit vollem Magen.«

Kathi, Benny und die beiden Freundinnen sind cool. Sie leben cool, sie reden cool, sie kleiden sich cool, und, wenn zwei sterben wollen und zwei andere stehen daneben, dann bleiben alle vier cool.

Petra und Agnes sitzen auf dem Geländer und lassen die Beine nach außen baumeln. Kathi und Benny beobachten sie betont gelangweilt, schwer besorgt - es ist irgendwie zuviel, daß sich die beiden hier umbringen wollen. »Hey, macht es halt nicht«, sagt Benny. Und dann, das weiß er noch ganz genau, hat er hinzugefügt: »Na gut, Agnes, du kannst es ja machen, aber Petra, du bitte nicht.«

Kathi beobachtet, wie Petra, die im Dantebad vom Zehnmeterturm springt, ohne daß die anderen merken, wie sie zu zittern beginnt, offenbar schwindelig wird. Sie will zurück auf den Boden.

»Okay«, sagt Agnes, »dann setzen wir uns andersrum hin.«

Agnes beginnt ihre Ringe an Kathi zu verschenken. Petra steigt vom Geländer. »Du hast es mir versprochen«, sagt Agnes. »Wenn du nicht mitkommst, erscheine ich dir später als böser Geist.«

Petra steigt zurück auf das Geländer. Klar, versprochen. Dann sprechen sie über das, was sie nicht mehr plagt, wenn sie da unten liegen. Nie mehr Schule. Nie mehr Eltern. Endlich frei.

Petra möchte ihre Worker-Boots ausziehen. »Die sind so neu«, sagt sie. »Meine Eltern haben sie mir erst am Samstag gekauft. Das wäre doch schade um die Schuhe.«

Dann färbt die Dämmerung den Himmel dunkel, und die Neonbuchstaben vom Obi-Heimwerker-Markt springen an. Ganz hinten kann Petra das Wohnhaus ihrer Eltern sehen. Dann ist das Geländer leer.

Benny braucht ein Schlafmittel in dieser Nacht, Kathi nicht. Sie spart jetzt auf einen neuen Pulli von Homeboy. Nina erfährt das Drama erst am nächsten Morgen. Seitdem hat sie jede Nacht denselben Traum.

Petra und sie stehen auf diesem Balkon und wollen sich umbringen. Sie lassen es bleiben, fahren mit dem Fahrstuhl nach unten, gehen über die Straße zum Einkaufszentrum. Nina schubst ihre beste Freundin gegen die Erwachsenen, die wie immer nicht schnell genug zur Seite springen können. Die Erwachsenen fallen fast um. Dann rufen sie etwas, aber Nina kann kein Wort verstehen. »Es ist ja auch nicht so wichtig«, denken die beiden Mädchen. Und umarmen sich. Y

»Sie warf einen Fön in die Wanne, und er ging aus«

Sie stellten das Programm von Viva laut und tanzten

Im 20. Stock das Gefühl bekommen, daß man wichtig ist

* Vor dem Hochhaus, von dem sich Petra und Agnes stürzten.

Zur Ausgabe
Artikel 55 / 123

Mehr lesen über