"Costa Concordia"-Havarie: Hoffnung auf Überlebende schwindet - DER SPIEGEL
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"Costa Concordia"-Havarie Hoffnung auf Überlebende schwindet

Den Helfern vor der italienischen Insel Giglio läuft die Zeit davon: Das havarierte Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" droht in die Tiefe zu rutschen, zudem gefährdet starker Wind die Rettung. Wie viele Deutsche sind wirklich unter den Opfern?
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Giglio - "Alle sind todtraurig und fast verrückt vor Sorge": So beschreibt Stefano Milano die Lage der etwa 20 Angehörigen, die im Hotel "Il Sole" im toskanischen Orbetello zusammengekommen sind, um vor Ort die Rettungsmaßnahmen nach der Havarie der "Costa Concordia" zu verfolgen. Der Experte leitet ein Team von Psychologen, das seit dem Schiffsunglück vor der Isola del Giglio rund um die Uhr im Einsatz ist.

Mehr als 20 Menschen sind nach der Havarie der "Costa Concordia" noch vermisst - davon offiziell 12 Deutsche. Das Auswärtige Amt in Berlin teilte an diesem Mittwoch mit, dass dem Krisenstab zwölf polizeiliche Vermisstenmeldungen vorlägen:

  • fünf aus Hessen,
  • zwei aus Berlin,
  • zwei aus Baden-Württemberg,
  • zwei aus Nordrhein-Westfalen
  • eine aus Bayern.

Darüber hinaus gebe es Hinweise, dass das Schicksal "weiterer Deutscher" ungeklärt sei. Dabei handele es sich aber um eine kleine Zahl, so die Formulierung. Meldungen aus Italien, wonach ein Deutscher unter den elf bisher geborgenen Toten sei, wollte das Auswärtige Amt nicht bestätigen.

"Wir werden nicht gehen, bis Erika gefunden ist"

Die Hoffnung, in dem eiskalten Wasser noch Überlebende zu finden, wird mit jeder Minute geringer. Immer wieder mussten in den vergangenen 36 Stunden Taucher aus Sicherheitsgründen ihre Arbeit vorübergehend unterbrechen, nachdem das auf einen Felsen aufgelaufene Schiff sich um einige Zentimeter bewegt hatte. Für die kommenden Tage sagten Meteorologen zudem stärkeren Wind voraus, was dazu führen könnte, dass das auf einem Felsvorsprung aufsitzende Wrack weiter in die Tiefe gerissen wird.

Unter den Angehörigen, die am Mittwoch auf der Insel Giglio eintrafen, ist Sartonino Soria aus Peru, der seine Tochter Erika sucht. Sie war Teil der Besatzung. Soria appellierte an die Rettungskräfte, die Suche nicht einzustellen. "Deshalb sind wir hier und wir werden nicht gehen, bis Erika gefunden ist."

Die Suche nach den Vermissten gestaltete sich schwieriger als gedacht. "Die Sicht ist miserabel", sagte der Höhlentaucher Giuseppe Minciotti, einer der vor Ort eingesetzten Spezialisten. "Gestern konnte ich meine Hand vor meinem Gesicht nicht sehen." Er habe nach einem vorbeiziehenden Gegenstand gegriffen und erst nach dem Auftauchen erkannt, dass es der Schuh einer Frau gewesen sei.

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Havarie der "Costa Concordia": Kreuzfahrtschiff droht zu sinken

Foto: MAX ROSSI/ REUTERS

Viele Bereiche des Schiffs können die Taucher zudem gar nicht erreichen. Deswegen sollen weitere Öffnungen in den Meeresriesen geschlagen werden. Die Bergungskräfte planten, ihre Suche auf das zum Teil unter Wasser liegende vierte Deck zu konzentrieren, sagte der Sprecher der Küstenwache, Cosimo Nicastro. Im Bereich des dortigen Versammlungspunkts seien Passagiere und Besatzungsmitglieder von Bord gegangen. Und genau dort seien sieben der bislang insgesamt elf geborgenen Leichen gefunden worden.

Im Krankenhaus von Orbetello bei Grosseto sollen jetzt forensische Experten vom Poliklinikum Le Scotte aus Siena die elf Leichen obduzieren. Ein Opfer konnte inzwischen identifiziert werden: Wie das ungarische Außenministerium bestätigte, handelt es sich um einen ungarischen Violinisten, der Teil der Crew der "Costa Concordia" war.

Ein Pianist, der mit dem Violinisten zusammen an Bord musiziert hatte, erklärte gegenüber der Zeitung "Blikk", der Geiger habe kurz vor der Evakuierung Kindern geholfen, Schwimmwesten anzulegen. Plötzlich habe er sich entschlossen, noch einmal in seine Kabine zu gehen, um seine Geige zu holen. Dabei habe er eine Schwimmweste getragen. Die Leiche des 38-jährigen Musikers war im Schiffsinnern gefunden worden.

Die Identität der am Dienstag im Wrack entdeckten fünf Toten ist noch nicht festgestellt. Ersten Meldungen zufolge trugen sie Abendgarderobe und Rettungswesten.

Schiffskoch vermutlich gelähmt

Etwa 80 Menschen sollen bei dem Unglück verletzt worden sein. Zehn von ihnen befinden sich noch in Krankenhäusern. Der aus Bangladesch stammende Schiffskoch wurde nach einer Rückenmarksverletzung in Siena operiert. Sein Zustand ist stabil, es wird jedoch befürchtet, dass er gelähmt bleiben wird.

Offiziell galten bis Dienstagabend 28 Menschen als vermisst, darunter nach Angaben des italienischen Innenministeriums 13 Deutsche, vier Franzosen, fünf Italiener, zwei US-Bürger und drei Besatzungsmitglieder aus Italien, Indien und Peru. Allerdings sind nach Einschätzung von Behörden vermutlich die fünf am Dienstag entdeckten und noch nicht identifizierten Verstorbenen darunter. Überlebende wurden zuletzt am Sonntag entdeckt.

Die 114.500 Tonnen schwere "Costa Concordia" war Freitagabend mit mehr als 4200 Menschen an Bord vor der toskanischen Insel Giglio auf einen Felsen gelaufen und zur Seite gekippt. Unter Wasser wird sie derzeit von einem Gesteinsvorsprung in etwa 20 Meter Tiefe gestützt. Unweit davon fällt der Meeresgrund aber rasch bis auf 130 Meter ab.

Allein das Abpumpen von Öl aus den Tanks des havarierten Kreuzfahrtschiffes wird voraussichtlich mehrere Wochen dauern. Laut italienischen Quellen sind noch 2380 Tonnen Dieselölgemisch an Bord. Die Unglücksstelle liegt mitten im Pelagos-Meeresschutzgebiet. Das ist das wichtigste Walschutzgebiet im Mittelmeer. Umweltschützer befürchten eine Katastrophe, wenn das Öl ins Meer fließen sollte.

Held und Antiheld

Die Behörden werfen Kapitän Francesco Schettino, fahrlässige Tötung in mehreren Fällen vor. Er soll das Schiff zu nah an die Küste gesteuert und dann verlassen haben, bevor alle Passagiere und Besatzungsmitglieder von Bord waren. Schettino bestreitet die Vorwürfe. Laut seinem Anwalt ist er der Meinung, Hunderte, wenn nicht gar Tausende gerettet zu haben, weil er das Schiff nah an die Küste gelenkt habe, nachdem es gegen einen Felsen gelaufen sei.

Schettino befindet sich seit der Nacht zum Mittwoch in Meta di Sorrento in Hausarrest. Ihm ist jeder Kontakt außer zu seinen Mitbewohnern verboten. Die Ermittler befürchten, er könne versuchen, Einfluss auf die Zeugenaussagen von Besatzungsmitgliedern zu nehmen.

Der Staatsanwalt von Grosseto, Francesco Verusio hat angekündigt, Beschwerde gegen die Entscheidung des Gerichts einzulegen. "Wir möchten vermeiden, dass er sich seiner Verantwortung entzieht. Die Persönlichkeit von Schettino und die ihm vorgeworfenen Straftaten lassen das vermuten." Richterin Valeria Montesarchio sah keine Fluchtgefahr bei Schettino. Wohl aber bestehe die Gefahr der Manipulation von Beweisen, sagte sie.

Man habe es mit einer "Katastrophe von globaler Dimension" zu tun, heißt es in der richterlichen Verfügung, die italienische Medien am Mittwoch verbreiteten. Das Verhalten des Kapitäns sei fahrlässig und verantwortungslos gewesen: "Er stand auf den Klippen der Insel Giglio und sah zu, wie die "Concordia" unterging", ist dort unter Berufung auf Zeugenaussagen zu lesen.

Der Mitschnitt eines dramatischen Dialogs zwischen dem Fregattenkapitän Gregorio De Falco und Schettino dokumentiert, wie hartnäckig sich Schettino weigert, an Bord seines Schiffes zurückzukehren und Rettungsmaßnahmen einzuleiten. Der 46-Jährige hatte im Hafenamt in Livorno Dienst, als die "Costa Concordia" vor der toskanischen Insel Giglio kenterte. Entrüstet brüllte er den Kapitän an: "Gehen sie verdammt noch mal an Bord."

"Hören Sie, Schettino..."
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Für seinen strengen Ton feierte die italienische Presse De Falco am Mittwoch. Der "Corriere della Sera" dankte ihm auf der Titelseite. Seine energischen und entschiedenen Worte seien auch ein Appell an das persönliche Verantwortungsgefühl der Italiener insgesamt.

Gegen mindestens drei weitere Personen könnte ermittelt werden. Im Visier der Statsanwaltschaft stehen der Zweite Offizier Dimitri Ckristidis sowie der dritte Offizier Silvia Coronica, die sich beide in dem Rettungsboot befanden, in dem auch Schettino war.

Offiziell ermittelt wird gegen den Ersten Offizier auf der Brücke, Ciro Ambrosio, der sich auf freiem Fuß befindet. Auch Roberto Ferrarini steht in der Kritik: Der Koordinator der Rettungsarbeiten soll in drei Telefonaten mit Schettino massiv Einfluss auf das Verhalten des Kapitäns genommen haben.

Nach Schätzungen von Experten könnte das Schiffsunglück der größte Versicherungsschaden in der Geschichte der Seefahrt werden. Die Angaben der Versicherer deuten auf einen Schaden zwischen 500 Millionen Euro und einer Milliarde Euro hin. Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re schätzt die auf ihn zukommende Belastung auf rund 50 Millionen Euro, die Hannover Rück geht für sich von mehr als zehn Millionen Euro aus. Auch die Allianz ist betroffen.

ala/dpa/dapd/AFP