"Costa Concordia"-Katastrophe: Die Rausreederei - DER SPIEGEL
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"Costa Concordia"-Katastrophe Die Rausreederei

Defekte Rettungsboote, unfähiges Personal, Schlamperei: Bei der Suche nach den Ursachen der "Concordia"-Katastrophe gerät nach dem Kapitän nun die Reederei immer mehr unter Druck. Costa Crociere soll Sicherheitsstandards vernachlässigt und schon 2005 ein Unglück vertuscht haben.
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Hamburg - Neues vom Kapitän der "Costa Concordia": Die römische Tageszeitung "La Repubblica" veröffentlicht am Mittwoch das Protokoll eines Telefongesprächs, das die Carabinieri der Provinz Grosseto am 14. Januar, also einen Tag nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffes, abgehört haben. Francesco Schettino befindet sich zu diesem Zeitpunkt in der Staatsanwaltschaft von Orbetello und spricht mit einem Freund namens Fabrizio.

Aus dem Dokument geht hervor, dass der Kapitän offenbar beharrlich von einem Manager der Costa Crociere gebeten wurde, mit seinem Schiff nah an die Küste von Giglio zu fahren. "Die sind mir auf den Sack gegangen, fahr, fahr da vorbei, fahr da vorbei (…) also bin ich da lang gefahren, um auf den Manager zu hören."

Seit dem Untergang der "Costa Concordia" steht vor allem eine Person im Kreuzfeuer der Kritik: Kapitän Francesco Schettino. Er muss sich wegen fahrlässiger Tötung, Schiffbruchs und frühzeitigen Verlassens des Schiffs vor Gericht verantworten. In seiner ersten Anhörung bot er eine wenig überzeugende Vorstellung, wirkte verwirrt und argumentierte wenig schlüssig, wie es das inzwischen in vollem Umfang im Internet einsehbare 150-Seiten-Protokoll dokumentiert. Die Abhörprotokolle widerlegen nun auch noch seine Version, wonach er aus Versehen in ein Rettungsboot fiel und nicht wieder an Bord zurück konnte: "Als ich gesehen habe, dass sich das Schiff neigte, habe ich mich heruntergestürzt", sagte er unumwunden am Telefon.

Warum gab Schettino zu spät Alarm? Warum entfernte er sich vom Schiff, obwohl noch Hunderte Passagiere an Bord waren und in Panik versuchten zu fliehen? Es gibt viele Hypothesen: Bestenfalls stand er unter Schock und war der Situation nicht gewachsen, schlimmstenfalls hat er versucht, Schaden von der Kreuzfahrtgesellschaft abzuwenden und eine Evakuierung aus Kostengründen so lange hinauszuzögern wie möglich.

Am 13. Januar um 21.45 Uhr riss ein Felsen den Rumpf der "Costa Concordia" auf. Erst um 22.58 Uhr wurde Alarm gegeben. Unfassbare 73 Minuten dauerte es also, bis der Kapitän eine Entscheidung traf. Zeugen sagten aus, Schettino habe sich mindestens dreimal ausführlich mit einem Vertreter der Reederei, Roberto Ferrarini, am Telefon beraten, bevor er irgendwelche Schritte zur Rettung unternahm. Jetzt wird vermutet, die Reederei habe erst die finanziellen Konsequenzen einer Evakuierung prüfen wollen, bevor an Bord das entsprechende Signal gegeben wurde. Costa Crociere wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu diesen Vermutungen nicht äußern.

"Wer sucht denn den Kapitän aus?"

Die Liste der Versäumnisse während der Katastrophe ist lang: Rettungsboote sollen nicht funktioniert haben, das Personal soll hilflos und desorientiert gewesen sein. Passagiere berichteten, es habe keine klaren Anweisungen gegeben, die Abläufe seien schlecht organisiert gewesen. Von einer "unvorstellbaren Leichtfertigkeit" in Sachen Sicherheit an Bord spricht Generalstaatsanwalt Beniamino Deidda: "Wer sucht denn den Kapitän aus? Der Arbeitgeber ist der Garant und Verantwortliche, wir sollten den Blick auf die Entscheidungen richten, die die Reederei getroffen hat." Ein eindeutiger Hinweis an die Staatsanwälte in Grosseto, die Ermittlungen auf die Vertreter von Costa Crociere auszudehnen.

Dies ist bisher nicht geschehen, obwohl Schettino bei der Befragung angab, seine Firma über die Tragweite der Situation informiert zu haben. "Hör mal, mir ist ein Missgeschick passiert. Ich bin an Giglio vorbeigefahren, wir haben etwas gerammt, ich informiere dich über alles, ich sage die Wahrheit, wie es gelaufen ist", rekapitulierte Schettino einen Teil seines Gesprächs mit Ferrarini. Er habe den Reederei-Mann eindringlich darum gebeten, Hubschrauber für die Evakuierung zu entsenden. Jetzt wollen die Staatsanwälte Ferrarini dazu befragen.

Auch Schettinos Anwalt Bruno Leporatti geht immer mehr auf Distanz zur Reederei. Er erklärte, die Angaben seines Mandanten zu den Gesprächen mit Ferrarini könnten zu einer Ausweitung der Ermittlungen führen - offenbar will er nachweisen, dass die Reederei jede Entscheidung Schettinos mitgetragen, wenn nicht beeinflusst hat.

"Ich wurde von Costa Crociere bedroht"

Weitere schwere Vorwürfe gegen den Eigentümer der "Costa Concordia" erhob Roberto Cappello aus Pisa: Dem Fotografen zufolge kam es bereits im Mai 2005 zu einer Kollision eines Costa-Schiffes mit einem Felsen. Damals sei die "Fortuna" vor Sorrent auf einen Felsen aufgelaufen - offenbar ebenfalls in viel zu großer Nähe zur Küste. "Es war am frühen Abend, gegen 19 Uhr. Ich war in meiner Kabine. Wir waren nah, sehr nah am Ufer - etwa 200 Meter - als wir mit etwas zusammenstießen", sagte Cappello dem britischen "Independent". Laut eigener Aussage befand er sich als offizieller Firmenfotograf an Bord. Nach einem lauten Knall sei die "Fortuna" hin- und hergeschwankt und Schlangenlinien gefahren, berichtete Cappello. Er habe später den Riss im Schiff fotografiert, außerdem sei ihm aufgefallen, dass ein Propellerflügel an der Schiffsschraube kaputt war.

Immerhin sei es gelungen, das Schiff sicher und bei verminderter Geschwindigkeit nach Palermo zu bringen. "Später erklärte man uns, wir hätten einen Wal gerammt", so Cappello. "Als ich das Schiff verlassen wollte, hat ein Vertreter von Costa Crociere mich genötigt, ihm die Bilder auf meiner Digitalkamera auszuhändigen. Ich wurde bedroht", zitiert der "Independent" den Fotografen. Man habe ihm zu verstehen gegeben, dass er als Angestellter der Gesellschaft dazu verpflichtet sei. Andernfalls gebe es Probleme. In einer schriftlichen Stellungnahme erklärte ein Sprecher der "Costa Crociere" am Mittwoch, es habe im Mai 2005 keine Kollision mit einem Felsen gegeben. "Wir dementieren diese Fehlinformation." Zu der mutmaßlichen Drohung hieß es, man habe keine Kenntnis von solchen Vorgängen.

Rückversicherer zahlt auch bei Fahrlässigkeit

Schettino hatte behauptet, die Reederei habe ihn überredet, zu Werbezwecken ganz nah an die Küste der Insel zu fahren. Costa Crociere hatte das energisch bestritten. Versicherungstechnisch macht es keinen Unterschied, wer sich letztlich als Unglücksverursacher entpuppt. "Fahrlässigkeit als Unglücksursache ist gedeckt, es spielt keine Rolle, ob sie dem Kapitän oder der Reederei nachgewiesen wird", sagte eine Sprecherin der Hannover Rück SPIEGEL ONLINE. Der Rückversicherer rechnet mit hohen Kosten aus der Havarie vor Giglio. Das eigene Großschadensbudget werde voraussichtlich mit 30 Millionen Euro belastet, so die Sprecherin. Ansprüche aus der Haftpflichtversicherung eingeschlossen könne die Gesamtbelastung im mittleren zweistelligen Millionenbereich liegen.

Die Haftpflichtversicherung deckt die Kosten der Bergung des Schiffes und Schadensersatzansprüche der Passagiere ab. Für alle Versicherer zusammen genommen könnte ein Haftpflichtschaden im dreistelligen Millionenbereich entstehen, hieß es. Der Versicherungswert des Kreuzfahrtschiffes selbst soll rund 405 Millionen Euro betragen.

Das Rätsel um den Reisedatenschreiber

Bei der Vielzahl der unterschiedlichen Aussagen kommt der Analyse der Blackbox besondere Bedeutung zu. Schettino zufolge war der Reisedatenschreiber (VDR) bereits seit längerem nicht voll funktionstüchtig, einem Antrag auf Inspektion wurde angeblich nicht Folge geleistet. Ein VDR überschreibt in der Regel alle zwölf Stunden die vorhandenen Daten. Deshalb muss nach einer Havarie der Überschreibungsprozess manuell gestoppt werden. Nach der Kollision habe er dem Zweiten Offizier aufgetragen, dies zu tun, sagte Schettino in der Anhörung. "Commandante, ich habe es versucht, aber der VDR war ausgeschaltet", sei die Antwort gewesen, so Schettino.

Laut der Bundesstelle für Seefahrtuntersuchung kommt bei Sinken eines Schiffs in der Regel ein weiterer Schreiber zur Anwendung, das sogenannte Final Recording Medium, das Daten bis zu zwei Jahre speichert. Mit einer Replay-Software können Daten auf einen Laptop heruntergeladen und wieder dargestellt werden. Ob dies geschehen ist oder die Blackbox tatsächlich defekt war, ist noch unklar.

Italienische Zeitungen hatten am Montag berichtet, Schettino sei vor seiner Festnahme von einer Frau kontaktiert worden, angeblich einer Anwältin der "Costa Crociere". Er habe eine Tasche mit einem "harten, rechteckigen Gegenstand" bei sich getragen - angeblich ein Computer, der sensible Schiffdaten aus eben jener Blackbox enthalten könnte.

Für die Costa Crociere steht viel auf dem Spiel. Zu dem ramponierten Image kommen nicht absehbare Kosten: Schon kursieren Gerüchte, jedem Passagier würden pauschal 10.000 Euro zugesprochen. Die Verbraucherschutzorganisation Codacons fordert bereits 125.000 Euro Schadensersatz pro Person und betreibt aktiv die internationale Vernetzung der Geschädigten. "Sie alle haben ein Recht auf Entschädigung, nicht nur für die materiellen Schäden, sondern auch für die moralischen", sagt der Vorsitzende von Codacons, Carlo Rienzi.

Für Empörung sorgte ein Angebot der Reederei, den Überlebenden des Unglücks einen Preisnachlass von 30 Prozent für zukünftige Reisen mit der Gesellschaft zu gewähren. Ein Schlag ins Gesicht für die Hinterbliebenen der mindestens 16 Toten und all jene, die noch um Vermisste bangen.

Dem "Telegraph" zufolge wollen britische Passagiere die US-amerikanische Carnival Group verklagen, der Costa Crociere gehört, außerdem die Costa Crociere selbst. Es ginge um Forderungen bis zu einer Million Pfund, hieß es. Bereits kurz nach dem Unglück hatten etwa 70 Passagiere erklärt, Sammelklage gegen die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere einreichen zu wollen. Sie forderten mindestens 10.000 Euro Schadensersatz pro Kopf - "für den entstandenen materiellen Schaden, die ausgestandene Angst, die ruinierten Ferien".

Micky Arison ist Vorstandsvorsitzender der Carnival Corporation, des größten Kreuzfahrtunternehmens der Welt. Mit einem Vermögen von geschätzten 5,9 Milliarden Dollar liegt er auf Rang 169 der Liste der reichsten Menschen des Planeten. Vor einer Woche twitterte er: "Ich werde die nächste Zeit nicht mehr so aktiv bei Twitter sein. Meine Priorität ist es, unserem Costa-Cruises-Team zu helfen, die Krise zu meistern."