Dalai Lama Mal rotes Tuch, mal goldenes Buch
Hamburg - Und wieder ist es so, wie fast immer im Vorfeld eines Dalai-Lama-Besuchs in der westlichen Welt: hinter den Kulissen Streit und Ärger, Druck und Gegendruck, Tränen und Enttäuschung. Es ist ein gänzlich unbuddhistisches Gezerre, für das am wenigsten die Hauptfigur etwas kann, um die es geht, die Wiedergeburt des "Mitleidigen Buddha", das "Wunscherfüllende Juwel", der "Ozean der Weisheit", wie seine tibetischen Titel heißen. Der 14. Dalai Lama ist nicht nur ein spiritueller Superstar, sondern auch eine umstrittene politische Größe - das ist die Crux.
Dieser Franzose beispielsweise, erzählt er, der mal Bürgermeister von Paris war und sich beim Dalai Lama immer anbiederte, der habe ihn peinlich gemieden, als er dann Präsident Frankreichs wurde - ein klassischer Fall von Peking-Paranoia, einer in der internationalen Politik weit verbreiteten Krankheit. Das Außenministerium von Belgien lud den Dalai Lama vor einigen Wochen regelrecht aus, man wollte ihn nicht zu einer China-kritischen Konferenz im Land haben - der Kronprinz plante mit einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation gerade eine Reise in die Volksrepublik und fürchtete offensichtlich um lukrative Aufträge. Gleiche Situation in Kenia.
Und in Australien fand Ministerpräsident Howard jetzt im Juni bei seinem "übervollen Terminkalender" keine Zeit für den Gast, bis er unter dem Druck der Öffentlichkeit dann dem Dalai Lama doch die Hand schüttelte, immer ängstlich auf Reaktionen aus der mächtigen Volksrepublik schielend.
Ach ja, die Frauen und Männer an der Macht: Seine Heiligkeit weiß, wie schwer sie es haben. Kein Staat der Erde erkennt die - demokratisch gewählte - tibetische Exilregierung und ihr Staatsoberhaupt an. Der Dalai Lama, nun schon seit 48 Jahren im indischen Himalaja-Ort Dharamsala zu Hause, ist ein Gottkönig-ohne-Land. Längst hat er schon den Kampf um einen unabhängigen Staat Tibet aufgegeben, streitet mit seiner Politik der Gewaltlosigkeit "nur" um eine echte Autonomie für die knapp sechs Millionen Tibeter - und wird dennoch von den KP-Herrschern als "Staatsfeind" scharf angegriffen. Peking bringt besonders zur Weißglut, dass der Gottkönig ein Groß-Tibet in alten Grenzen anstrebt, doppelt so groß wie die von der KP eingerichtete "Autonome Region".
China droht Hamburg
"Ich habe Angela Merkel getroffen, und sie war sehr nett zu mir - allerdings bevor sie Kanzlerin wurde. Ob sie mich jetzt noch mal treffen würde?", fragt der Dalai Lama beim Interview. Generell fühlt er sich aber auch deshalb in Deutschland so heimisch, weil neben dem großen spirituellen Interesse politische Solidarität geübt wird - allerdings in unterschiedlichen Graden von Mut (oder Feigheit).
Außenminister Kinkel blamierte sich und das Land, als er sich 1995 weigerte, den traditionellen tibetischen Schal, die "Khata", vom Dalai Lama anzunehmen. Sein Amtsnachfolger Fischer war 1999 mutiger und empfing den Gottkönig. In Hamburg traf sich zuletzt die damalige Vize-Bürgermeisterin Krista Sager mit ihm, ihr Chef Ortwin Runde drückte sich.
Jetzt will Ole von Beust den Dalai Lama erstmals persönlich empfangen - Seine Heiligkeit wird sich am Nachmittag bei einer Feier für geladene Gäste in das Goldene Buch der Freien und Hansestadt eintragen dürfen. Die Ehre kam erst nach einem erbitterten Tauziehen hinter den Kulissen zustande. Als Peking von dem Termin im Rathaus erfuhr, schickte es über einen Emissär eine Protestnote an den Bürgermeister und verwies auf die Bedeutung Chinas für den Hamburger Hafen und die hervorragenden Handelsbeziehungen zwischen den Partnerstädten Hamburg und Shanghai.
Auf die unverhüllte Drohung reagierte der Senat mit einem "Gegengutachten": Der Eintrag ins Goldene Buch werde allen wichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gewährt, beispielsweise auch Boris Becker; eine politische Aufwertung sei damit nicht verbunden. Also keine besondere Ehrung für das Oberhaupt der Tibeter, sondern eher eine Veranstaltung "Dalai Lama light". Die Regierung der Volksrepublik akzeptierte die Erläuterung zähneknirschend, soll aber weiterhin verschnupft sein. Man ist in Sachen Tibet äußerst empfindlich: Als eine tibetische Fußballnationalmannschaft, zusammengesetzt aus Exil-Tibetern, vor einigen Jahren gewagt hatte, gegen eine Auswahl von Grönland anzutreten, kappte Peking den Export von Krabben aus der Region.
Ein glühender Dalai-Verehrer in der CDU
Solch ein Handelskrieg ist jetzt nicht zu erwarten. Viel zu wichtig sind für Hamburg wie für seine volkschinesischen Partner die Wirtschaftsbeziehungen. Und der Dalai Lama dürfte einen Teufel tun, im Rathaus mit Worten Öl ins Feuer zu gießen. Vom SPIEGEL auf seine Präferenz in der Parteienlandschaft angesprochen, sagte der Dalai Lama nach langem Zögern, er fühle sich grundsätzlich von "grünen Gruppierungen" angezogen. Die Sympathie ist gegenseitig: In einer neuen Meinungsumfrage genießt er im Vergleich zum Papst bei keiner Partei einen so großen Vorsprung als "Vorbild" wie bei den Grünen-Wählern (86 zu 8 Prozent). Solide Mehrheiten auch bei den FDP-, Linken- und SPD-Anhängern - nur die CDU/CSU-Klientel schätzt den Pontifex aus Bayern höher.
Ausgerechnet ein führender Christdemokrat aber ist der entschiedenste deutsche Fürsprecher des Dalai Lama: Roland Koch. Der hessische Ministerpräsident nennt den Tibeter auch gegenüber KP-Funktionären seinen "Freund" und hat ihn vor einigen Jahren mit allen Ehren eines Staatsoberhaupts in seiner Kanzlei empfangen. Koch wäre jetzt wohl auch nach Hamburg gekommen - wenn er sich nicht in diesen Tagen in Tibet aufhalten würde.
Es ist sein erster Besuch auf dem Dach der Welt; die chinesischen Gastgeber wollen ihm bei einer siebentägigen Reise offensichtlich die wirtschaftlichen Fortschritte von Lhasa sowie die restaurierten Klöster zeigen und ihn davon überzeugen, dass die Religion im "privaten Rahmen" wieder frei ausgeübt werden darf. Koch wird auf wahre kulturelle Autonomie jenseits des schönen Scheins pochen und den Freiheitskampf des Dalai Lama verteidigen - eine heikle Mission. Hamburg-Lhasa-Dharamsala, die Drähte werden in dieser Woche heißlaufen.
Tibetischer Gottkönig, Friedensnobelpreisträger, spiritueller Superstar - wer ist der Mensch hinter dem Klischee des Dalai Lama? Lesen Sie mehr zum Thema in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL sowie in dem eben erschienenen Buch "Das Vermächtnis des Dalai Lama" von SPIEGEL-Reporter Erich Follath.