Klüger werden mit: Danielle Ofri
Die 37-jährige Ärztin des New Yorker Bellevue Hospital Center über die Bedeutung von Literatur in der Medizin
SPIEGEL: Sie haben ein Literaturmagazin gegründet, das von Ihrem Krankenhaus herausgegeben wird. Warum?
Ofri: Ich wollte einen Ausgleich zu der extrem langweiligen medizinischen Fachsprache. Es ist absurd, dass ausgerechnet die Sprache der Ärzte so unmenschlich ist - wo wir doch täglich umgeben sind von persönlichen Schicksalen.
SPIEGEL: Wollen Sie die Sprache der Medizin revolutionieren?
Ofri: So naiv bin ich nicht, nein. Ich wusste von einigen Kollegen, dass sie ihre Erlebnisse oder die Geschichten ihrer Patienten aufschreiben. Einiges davon hatte ich gelesen und fand es großartig. So kam ich auf die Idee, die Zeitschrift »Bellevue Literary Review« zu gründen. Die meisten unserer Patienten sind sehr arm, viele obdachlos. Und wir haben eine spezielle Abteilung für Menschen, die gefoltert wurden. Krankheit, Einsamkeit, Tod - das sind schon immer die großen Themen für Schriftsteller gewesen. Das Bellevue Hospital ist da eine wahre Fundgrube.
SPIEGEL: Sind Ihre Patienten bereits in Sorge, literarisch ausgeschlachtet zu werden?
Ofri: Nein, fast alle Geschichten sind verfremdet. Die Resonanz ist enorm. Mittlerweile wollen in unserem Magazin mehr Pulitzer-Preisträger als Ärzte ihre Storys veröffentlichen.
SPIEGEL: Ist ein Arzt, der schreiben kann, der bessere Arzt?
Ofri: Seit ich die Medizinstudenten regelmäßig Aufsätze über einen Patienten schreiben lasse, fallen ihnen mehr Details auf, ihre Diagnosen sind präziser, ihre Therapievorschläge ausgereifter. Ich glaube, sie lernen über das Schreiben, dass die Begegnung zwischen Arzt und Patient nichts anderes ist als ein Drama.