FERNSEHEN »Danke, Anke!«
Die streng dreinblickende junge Dame mit dem hochgesteckten Haar macht keine Umschweife: »Ich sag' das jetzt mal so: Sie sehen scheiße aus!« Kurz darauf blickt die Moderatorin der fiktiven Sendung »Ihr gutes Recht« den verunsicherten Studiogast noch etwas dominahafter an und schleudert dem Rechtshilfesuchenden eiskalt entgegen: »In meiner Sendung wird nicht rumgeschwuchtelt.« Zurück in die Sendezentrale: »Danke, Anke!« sagt der coole Anchorman.
Tatsächlich wird in der Sendung regelmäßig rumgeschwuchtelt, bis die Studiowände schwitzen - doch das juristische Ratgeberprogramm ist eine Parodie, Teil der satirischen Sat-1-»Wochenshow - Die witzigsten Nachrichten der Welt«. Jeden Samstagabend präsentiert der Privatsender die zur Zeit erfolgreichste deutsche Comedyshow, die bis zu vier Millionen Zuschauer erreicht und gerade für den deutschen Fernsehpreis »Der Goldene Löwe 1998« nominiert wurde.
Drei Männer und eine Frau haben der einstigen Kultsendung »RTL Samstag Nacht« und deren Star Wigald Boning die satirische Pole-Position im deutschen Fernsehen abgejagt. Neben Ingolf Lück, Marco Rima und Bastian Pastewka ist Anke Engelke zum heimlichen Star der »Wochenshow« avanciert. Sie ist unverschämter als Esther Schweins, das langbeinige Vorzeigestück der verflossenen »RTL Samstag Nacht«-Truppe; und sie verfügt - das unterscheidet sie von den meisten Stars der neuen deutschen Blödelkultur, die sich oft nur selbst witzig finden - tatsächlich über komödiantisches Naturtalent, Leidenschaft und eine subtile Differenzierung von Mimik und Gestik.
Ob als breitbeinig hingefläzte Bordellköchin aus Essen, die in »Sex TV« aufs ordinärste über »Hühnerfickassee«, »Lümmeltütensuppe« und »Königsberger Möpse« schwadroniert, als Parodistin des hemmungslosen Teenie-Schwachsinns im extremkurzen Plastik-Mini ("Ricky's Popsofa") oder als exzentrische Wetterfee - »Aufpassen in Bottrop! Wetter wird scheiße!« - Anke Engelke ist ein scharfer Feger.
Äußerliche Attraktivität und der Geist der Satire, seit Karl Valentin und Liesl Karlstadt eher Antipoden, sorgen bei ihr für humoristische Synergieeffekte. Wenn sie bei der fiktiven TV-Talkrunde »Vier um zehn« die lesbische Post-68er-Emanze spielt, die im beleidigten Dauerton der antipatriarchalischen Kulturkritik den Vorwurf als misanthropisches Lebenselixier zelebriert, dann triumphiert nicht nur das Klischee vom eingeschrumpften Spätfeminismus - vor allem ist es zum Schreien komisch.
Doch schon die Persiflage auf die Babymasche der strafunmündigen Jugendkultur zwischen Bubi Ofarim und Blümchen, in der ein »endgeiles Tattoo« tausendmal wichtiger ist als die Venus von Milo, zeigt, daß es hier nicht um ideologisches Draufhauen geht - oder doch, aber andersherum: darum, Ideologien zu zersetzen, indem man sie vorführt und dem Lachen preisgibt.
Deshalb ist Anke Engelke auch kein spätes Girlie, das in der allgegenwärtigen »Fernsehutopie der Infantilgesellschaft« ("Neue Zürcher Zeitung") ihr modisches Unwesen treibt, sondern eine ausgewachsene satirische Begabung, wie es, jedenfalls unter Frauen, wenige gibt in Deutschland.
Dabei wäre ihr die Rolle der pseudoschrillen Medientussi fast in die Wiege gelegt worden. In Kanada geboren und bis zum fünften Lebensjahr dreisprachig - deutsch, englisch, französisch - aufgewachsen, stand sie schon mit 13 Jahren vor der Fernsehkamera: Von 1979 bis 1985 moderierte sie neben Désirée Nosbusch den »Spielexpress« von der Berliner Funkausstellung und das zehnwöchige Sommerferienprogramm für Kinder im ZDF.
1986 wechselte sie - inzwischen 20 - zum Hörfunkprogramm SWF 3 nach Baden-Baden, damals die Radio-Avantgarde der intelligent-witzigen Popkultur. Für Engelke, den weiblichen Jungspund unter all den ausgebufften männlichen Radioprofis, war es »die vielleicht härteste Schule meines Lebens«. Oft sei sie weinend aus den berüchtigten Abhör-Konferenzen gelaufen, in denen ausgewählte Programmbeispiele gnadenloser Kritik unterzogen wurden. Nicht selten habe sie sich mit Shakespeare und Faulkner auf der Toilette verbarrikadiert, um sich ein Stück eigenen Terrains in der übermächtigen Männerradiowelt zu retten.
Natürlich ging die Geschichte gut aus, und mit Ende 20 war sie schon aktives Mitglied der »SWF 3 Gagtory«, jener mikrofonerprobten Satiremannschaft des Senders, die auch in den Mehrzweckhallen des deutschen Südwestens für Spaß und gute Laune sorgte.
Den Charme eines großen Mädchens hat sich Engelke, heute 32, erhalten. Wenn sie durch die große Lichthalle eines Kölner Hotels zum Interview herbeihampelt, die mit mehreren dekorativen Einrissen versehene schwarze Lieblingslederhose munter herumschlackernd, dann wirkt das, als hüpfe sie nach den Regeln eines imaginären Gummi-Twists. Doch kaum hat sie sich am Tisch niedergelassen, verfällt sie in professionelle Hyperpräsenz. Die Frau spricht schneller, als der Notizblock erlaubt.
Der nicht ganz so diskrete Charme ihrer durchaus widersprüchlichen Persönlichkeit macht vor kaum einer Klatschgeschichte halt. Ungeniert erzählt sie, wie einige ihrer Radio-Idole sich seinerzeit beim Praxistest eher als Schlappschwänze erwiesen hätten - auch dies eine legitime --- S.165 Form aktiver Entzauberungsarbeit am Mythos Männlichkeit.
Ihren Ehemann, Vater der gemeinsamen, eineinhalbjährigen Tochter, lernte sie vor zehn Jahren kennen, als sie sich - in der Clinton/Starr-Ära sei das Zitat gestattet - gemeinsam mit ihrer Schwester »in seine Band gefickt« habe. Seit Jahren singt Anke Engelke, einst Mitglied im Kinderchor des WDR, selbst in der Kölner Combo namens »Fred Kellner«.
Mitunter scheint es, als sei ihr burschikoses Auftreten auch eine Fassade, hinter der sich »meine Tendenzen zur Selbstzerstörung«, so Engelke, und eine festgefügte Über-Ich-Moral verbergen. Weil sie weder eine journalistische noch eine schauspielerische Ausbildung habe, befielen sie immer wieder Selbstzweifel angesichts eines Erfolgs, der hier und da die unheimlichen Seiten des eigenen Charakters offenbart.
Noch heute schämt sie sich dafür, daß sie gerade mal zehn Tage nach der Geburt ihrer kleinen Tochter 1996 wieder vor die Kamera geeilt war - aus Angst vor dem Verlust ihres Jobs. Berufliche Fahrten in der ersten Klasse sind ihr immer noch so genant wie Spesenrittertum und Partyrummel, und trotz der zunehmenden Zahl von Film- und Fernsehangeboten bleibt sie zurückhaltend: »Ich bin keine Kabarettistin, bloß Darstellerin. Ohne Perücke und Make-up bin ich nicht lustig.«
Dafür tobt sie sich in all den »Wochenshow«-Figuren aus, die sich sieben Autoren und zwei Redakteure, Regisseur und Produzent ausdenken. Wenn Marco Rima als »Brisko Schneider« seine Zuschauer von »Sex TV« mit den Worten »Hallo, liebe Liebenden!« begrüßt und dabei jede Silbe so butterweich betont, daß auch dem letzten Hetero noch Schauer der Erregung über den Rücken laufen, dann hat es die Bordellköchin aus Essen auch nicht mehr so schwer, ihre erotische Speisenfolge zu offenbaren: »Da habe ich dann überhaupt keine Hemmungen«, sagt sie, »da kann ich richtig ordinär sein.«
Wir sagen das jetzt mal so: Danke, Anke!