»Dann kill' ich dich«
Ein Schüler, 16, radelt nach Hause. »Bleib mal stehen«, ruft ein etwa Gleichaltriger. Der schmächtige Gymnasiast hält an. »Gib mir deine Brieftasche«, verlangt der Stärkere. Als der Radfahrer sich weigert, schlägt ihm der andere ins Gesicht, durchsucht ihn und nimmt ihm 50 Mark ab.
Ein Mädchen kann bei einem Hip-Hop-Konzert die Bühne nicht sehen und bittet die vorne Stehenden, ein wenig zur Seite zu gehen. »Leck mich, Schlampe«, raunzt einer zurück. Die Clique des beleidigten Mädchens, kaum einer ist volljährig, fordert den Pöbler und seine Freunde auf, sich draußen zu prügeln. Auf einer Wiese treten und boxen sie sich, zehn gegen zehn - bis die ersten Messer ziehen. Sie verletzen zwei mit Bauchstichen so stark, daß die Gedärme austreten. Ein Rettungshubschrauber fliegt die beiden ins Krankenhaus.
Zwei Jugendliche schlendern abends an einem Parkplatz vorbei. Der eine bemerkt, daß sich jemand mit einem Messer an den Reifen eines Wagens zu schaffen macht. »Was soll das?« ruft er. Der Reifenstecher zieht eine Pistole und erschießt den Jungen.
Die drei Straftaten ereigneten sich in den vergangenen Monaten nicht in der New Yorker Bronx, sondern in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover: Der Radfahrer wurde im Stadtteil Groß-Buchholz überfallen, die Massenstecherei fand vor den Toren der Haushaltsmesse »Infa« statt, der tödliche Schuß fiel in Vahrenheide.
Die Opfer der zunehmenden Jugendkriminalität halten meist still: aus Angst vor Rache - und weil sie bei Eltern oder Polizei sowieso keine Hilfe suchen. Wer selber gelegentlich hascht oder Graffiti sprüht, will mit Ordnungshütern lieber nichts zu tun haben. Und bei Eltern beobachtet der hannoversche Streetworker Peter Eisler, 47, »eine Haftpflicht-Mentalität": Niemand fühle sich persönlich verantwortlich, Staat und Gesetz sollen die lieben Kleinen in Schach halten.
Mindestens 25 Jugendgangs haben sich in Hannover um Straßenzüge oder Stadtteile gruppiert, in der Südstadt herrschen die »Pirates«, in anderen Revieren die »Magics«, »Warriors« oder »Devils«.
Die jüngsten Teufel und Krieger sind zwischen zehn und elf Jahre alt, aber sie lernen schnell: daß ihr Gebiet ihnen gehört, daß Fremde Prügel bekommen und daß »Abziehen« eine gute Methode ist, um das Taschengeld aufzubessern. Abziehen nennen die Kids, was die Strafjustiz als Raub verfolgt - anderen Geld wegnehmen, die Swatch-Uhr oder die teure Chevignon-Jacke.
»Zwei Dritteln der Jugendlichen geht es heute sehr gut«, sagt Streetworker Eisler, »für die kommt es darauf an, die richtige Jacke zu tragen und keine Party zu verpassen.« Der Rest könne sich dagegen, entsprechend der Erwachsenen-Statistik, immer weniger leisten: »Was die haben wollen, nehmen sie den Reicheren einfach ab.«
Lehrling Markus, 16, saß in der Straßenbahn, als der gleichaltrige Benni seinen Walkman sehen wollte. Markus gab den Kassettenspieler her, Benni sagte: »Der gehört jetzt mir.«
Zur Polizei ging Markus nicht. Benni hatte ihm ein Polaroidfoto gezeigt, auf dem sein bester Kumpel Breiti, 18, einem Gefesselten eine Machete an den Hals hält. Das beeindruckte nicht nur Markus, sondern viele Jugendliche in den hannoverschen Stadtteilen List, Groß-Buchholz und Misburg.
Zwei Jahre lang raubten Breiti und Benni die Kids im Nordosten der Stadt aus, ohne daß ein Erwachsener davon erfuhr - »ein bisher absolut einmaliger Fall«, sagt Polizeioberrat Jürgen Ermerling. »Der psychische Druck, den die beiden ausgeübt haben, muß immens gewesen sein.«
Nur durch einen Zufall erfuhr die Polizei vom Treiben der Schreckens-Freunde. Beamte der »Arbeitsgruppe Gruppenstraftaten junger Gewalttäter« ermittelten wegen Diebstahls, als ihnen ein Verdächtiger von dem Terror-Regime im Nordosten der Stadt erzählte. Als die Polizisten das Foto mit der Machete bekamen, nahmen sie Breiti fest - zu spät, wie überfallene Jugendliche meinen.
Die Erfolgsquote der seit Oktober 1994 arbeitenden Sondergruppe verrät die Grenzen der Ermittler: 20 jugendliche Täter wurden ertappt, 50 Straftaten aufgeklärt. Die Dunkelziffer schätzen Beamte um das 20- bis 40fache höher. Mit den beschlagnahmten Waffen ließe sich ein Killer-Thriller ausstatten: rasiermesserscharfe Macheten, Totschläger, Pistolen. An einer Berufsschule nahmen Beamte einem Jugendlichen einen sogenannten Morgenstern ab - eine Eisenkugel mit spitzen Zacken, die an einer Kette hängt.
Da ist verständlich, daß manche Jugendliche Breiti ihr Geld unaufgefordert gaben, wenn sie ihn zufällig trafen - eine juristisch einwandfreie Situation: Da Breiti weder drohte noch verlangte, ist das nicht kriminell, sondern eine freiwillige Schenkung, die nicht verfolgt werden kann.
Viele Jugendliche trauten sich zu Fuß nicht mehr auf die Straße. Denn Breiti, der arbeitslose Schulabbrecher, patrouillierte täglich durch seine Stadtteile. »Wir glauben«, sagt Polizist Ermerling, »daß 70 Prozent der Jugendlichen in der Umgebung betroffen waren.«
Breiti ließ sich von seinen Opfern zur Identifizierung Schülerausweis oder Scheckkarte zeigen. »Ich weiß, wer du bist«, sagte er dann, »wenn du zur Polizei gehst, kill' ich dich.« Die Jugendlichen nahmen dem Kleingangster die Drohung ab. Es hatte sich herumgesprochen, was Breiti in seiner Wohnung anstellte: Folterspiele.
Den 16jährigen Alexander fesselte Breiti mit einem Staubsaugerkabel und einem Gürtel an einen Drehstuhl. Er knebelte ihn mit einer Mullbinde, rieb sein Gesicht mit Rasierschaum ein und rasierte ihn mit seiner Machete. Mit der langen Klinge ritzte der Junge Alexander den Arm auf. Zum Abschluß zwang Breiti sein Opfer zehn Minuten lang unter die eiskalte Dusche.
Seinen Eltern sagte Alexander lange Zeit nichts, auch der Polizei nicht: »Die sperren den zwei Wochen lang ein, na toll, und dann bin ich dran.«
Malerlehrling Nils, 16, und sein Freund Michael mußten jeden Satz von Breiti mit »Ja, Gott« kommentieren. »Euer Leben ist in meiner Hand«, habe der Junge gesagt. Nils wußte nicht, ob er lachen oder weinen sollte: »Der ist da voll abgedreht.«
Breiti fuchtelte wild mit dem Buschmesser vor Nils' Augen herum, schlug mit der Faust auf seine Schläfe, rammte ihm das Knie in den Magen. Er setzte seinem Opfer eine mit Speichel gefüllte Flasche an den Mund, wollte ihn zum Trinken zwingen. »Ich hab' die Lippen zugepreßt, dann lief das Zeug über mein Kinn«, sagt Nils.
Wichtig war für Breiti wohl vor allem das Gefühl, andere zu demütigen, endlich einmal anerkannt zu sein. Das war ihm in der Familie und in der Schule nie recht geglückt. Dabei ist der Junge, das verbindet ihn mit vielen Gewalttätern seiner Art, keineswegs besonders asozial aufgewachsen. Breitis Mutter, geschieden, überließ ihn anfangs den Großeltern, weil sie als Friseurin arbeitete. Als er fünf Jahre alt war, holte sie ihren Sohn wieder nach Hause.
Der neue Stiefvater, ein Polizist, konnte mit dem fremden Kind nicht viel anfangen. Er hatte keine Lust, ihn zu adoptieren. Die vier Geschwister, die noch zur Welt kamen, waren leichter zu erziehen. Als Breiti in der Schule zum erstenmal Prügel austeilte, drohte das Familienoberhaupt, ihn wieder zu den Großeltern abzuschieben.
Nach und nach wurde der Einser- und Zweier-Grundschüler aus der Orientierungsstufe zur Hauptschule runtersortiert. Noch als Schüler landete er vor dem Jugendrichter - wegen Raub und Körperverletzung. Die Werkstatt, in der Breiti sehr zufriedenstellend während seiner Bewährung arbeitete, bot dem 16jährigen eine Ausbildung an. Breiti sagte zu - doch das Schulamt lehnte ab, weil er noch keinen Hauptschulabschluß hatte.
Der Junge, der am liebsten in schwarzen Jacken, schwarzen Hosen und Stiefeln rumlief, war nicht besonders groß, aber er wußte, wie er Leuten Angst einjagen konnte. »Wie der einen anguckte«, sagt Nils, »da hast du schon Panik geschoben.« Zu Hause mußte er raus. Seine Mutter suchte ihm ein Zimmer. Die kleine Wohnung, vom Sozialamt bezahlt, wurde zur Folterkammer.
Zweimal im Monat besucht Breitis Mutter nun ihren Sohn jetzt im Gefängnis. Er nennt sie »Mami« und bedankt sich jedesmal überschwenglich, wenn sie da war. »Was hab' ich falsch gemacht?« fragt sie sich. Sie mache sich zudem Sorgen um ihre jüngeren Kinder.
Denn, so glaubt die Mutter des jungen Gewalttäters, es seien vor allem die brutalen Videofilme, welche die Jugendlichen kaputtmachen. Breiti und Benni haben gern »Gesichter des Todes« gesehen, da werden Bilder von echten Hinrichtungen gezeigt. Sie seien alle Dreck, hat Breiti seine Folteropfer angebrüllt, »und ich bin der Super-Kickboxer«. Schließlich hat ihm niemand gesagt, daß es völlig ausreicht, Breiti zu sein.
Die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit hat er sowenig gelernt wie die zwischen richtig und falsch. »Bei Nintendo lauf' ich über den Bildschirm und sammle Kirschen und Taler auf, und auf der Straße sammle ich Geld und Zigaretten ein.«
Wo Lehrer und Eltern sich gleichgültig zeigen, werden eigene Regeln entworfen. Breiti raubt nur Jungen aus. Mädchen läßt er in Ruhe. »Die konnten ihn Arschloch nennen oder drohen, ihm in die Eier zu treten«, sagt Folteropfer Nils, »denen hat er nie was getan.«
Die Kids in Hannover haben ihre Welt in zwei Gruppen aufgeteilt: in die »Korrekten« und die »Krassen«. Krasse sind Typen wie Breiti, »die dich abziehen«, sagt Nickolas, 15. Er ist einer von den Korrekten, die den Krassen auf die Fresse hauen. Wer zu wem gehört, entscheidet sich manchmal in einer Nacht. »Wenn du einen Albaner mal bei dir pennen läßt«, berichtet Nickolas, »das vergißt der nie.« Auf solche Freunde, glaubt er, ist Verlaß.
»Mami, das mit der Folter, das waren nur Faxen«, hat Breiti seiner Mutter neulich beim Knastbesuch erklärt. »Du denkst, da draußen ist heile Welt. Aber das ist wie Amerika. Du mußt jemand sein.« Wenn er aus der Haft kommt, will er eine Lehre machen und weg aus dem Stadtteil, in dem alle Angst vor ihm haben. Die Mutter hat nicht gewußt, was sie sagen soll, außer: »Wegen Faxen bist du hier nicht drin.«
Staatsanwalt Eckhard Glufke dagegen ist sich sicher, wie man mit den Bennis und Breitis umspringen muß: »Wegschließen, zum Schutz für die Öffentlichkeit.« Y