Das Buttermesser
Es ist kalt, aber die gefühlte Temperatur ist noch viel kälter. Nicht nur im Kanzleramt, und nicht nur im Haus der Bundespressekonferenz, wo gut sechs Dutzend Journalisten darauf warten, dass gleich jemand ins kalte Wasser springt.
Ihnen gegenüber sitzt ein Mann, rosig lächelnd und gekämmt wie gerade dem Bade entstiegen. Das ist Sigmar Gabriel, der Ministerpräsident von Niedersachsen. Er hat ein Buch geschrieben. Es heißt »Mehr Politik wagen«. Das klingt ein wenig nach Willy Brandt. Aber nur ein bisschen. Die Kapitel heißen »Wirtschaft erneuern, Innovation fördern« oder »Das Gesundheitswesen krankt«. Es ist sein erstes Buch. Vermutlich ist er stolz darauf. Er knetet seine Hände und zupft an den Nägeln herum. Der Ministerpräsident hat das Buch seiner Mutter gewidmet.
In den Morgenzeitungen ist vom Rücktritt des Kanzlers phantasiert worden, und eine Träumerei sah den Ministerpräsidenten schon als Nachfolger von Gerhard Schröder, nicht nur in Niedersachsen. In den meisten Artikeln war vom »Hoffnungsträger der SPD« die Rede.
»Ich wünsche Ihnen viel Unterhaltung«, sagt die Frau vom Verlag.
Neben Sigmar Gabriel sitzt Michel Friedman. Der soll das Buch vorstellen. Er sagt, er sei ein Freund. Dann sagt er: »Ich hatte eigentlich Hoffnung, als ich hörte, dass du ein Buch geschrieben hättest. Dann bekam ich das Buch. Und es wirkte lahm und zahm.«
Seit dem Wahltag sei das frisch gedruckte Buch überholt, verdiene völliges Umschreiben und sei in der vorliegenden Form nur noch von antiquarischem Interesse.
Der Ministerpräsident betrachtet seine Finger. Wer Laudatoren wie Michel Friedman hat, der braucht sich um seine Kritiker nicht zu sorgen. Gabriel glaubt zu träumen: »Ich bin wohl noch nicht richtig aufgestanden«, sagt er. Und genau deswegen drängeln sich hier die Journalisten. Sie wollen erleben, wie endlich mal jemand aufsteht in der SPD.
Denn wen interessiert das Buch? Wen locken 256 Seiten Kühnheiten im Parteitagsformat? Wer will Visionen von der Art, die man aufnehmen oder auch missachten kann, wie es einem gefällt?
Damit lässt sich die Presse der Hauptstadt nicht durch die Kälte locken. Nicht in diesen Zeiten. Die will wissen, ob dieser leicht übergewichtige Junge da vorn das Zeug zum Königsmörder hat. Oder zumindest zum Königsrempler.
Friedman sagt »Lieber Sigmar« und legt dem Ministerpräsidenten beim Fragen die Hand auf den Unterarm, wie es freundliche Polizisten gern tun. Er fragt nach der Vermögensteuer und hakt so lange nach, bis Gabriel erklärt, sein Parteivorsitzender habe auf ihn bisweilen den Eindruck eines Diktators gemacht.
Der Ministerpräsident redet ruhig und ohne den Anflug eines Akzents. Manchmal schrödert er ein wenig: »Und da sage ich ...« oder »Die Menschen sagen ...«, und einmal spricht er sogar von seiner Mutter, der Flüchtlingsfrau aus Ostpreußen, die sich ohne Klagen durchgeschlagen habe, und fordert mehr Tugenden.
Aber das macht noch keinen Kanzlerimitator. Im Haus der Bundespressekonferenz sieht man einen wackeren Ministerpräsidenten mit geröteten Wangen. Mehr nicht. Es fehlt die Undurchschaubarkeit und Tücke, die den Gerhard Schröder der Zeit vor 1998 auszeichnete. Das Unberechenbare. Der Wille zur Macht.
Friedman hat sein sardonisches Lächeln im Gesicht und die Brauen hochgezogen wie ein Zauberkünstler bei den letzten Vorbereitungen. Dann hält er den Reifen hoch: Ob der liebe Sigmar denn glücklich sei mit dem, was die rot-grüne Koalition zurzeit darbiete? Und Gabriel springt: »Ich bin ganz sicher nicht mit dem zufrieden, was ich in den letzten acht Wochen vom Parteivorsitzenden und der Regierung erlebt habe.«
Das ist kein Dolch, aber immerhin ein Buttermesser am Rücken des Kanzlers. Den Zeitungen wird der Satz morgen als Beleg für das Missvergnügen in der Partei dienen. Denn mehr kommt nicht.
Gabriel lässt sich nicht weiter provozieren. Nein, er philosophiere nicht schon über eine Wahlniederlage am 2. Februar, nein, die Regierung stehe natürlich nicht auf der »Titanic«, sondern auf festem Boden.
Friedman sagt noch, man solle das Buch seines Freundes dennoch lesen, weil es zeige, was eine Schere im Kopf eines Autoren anzurichten im Stande sei. Gabriel steckt auch diesen Freundschaftsbeweis ein und beginnt wieder, seine Hände zu prüfen. Es sind keine Krallen.
Dann bedankt er sich und bittet die Journalisten zu Häppchen. Auf dem Plakat hinter ihm an der Wand ist ein Mann abgebildet, überlebensgroß. Es ist der Buchumschlag von »Mehr Politik wagen«. Der Mann auf dem Foto ist braun gebrannt, mit schwarzem, nach hinten gegeltem Haar, und sein Gesicht ist vom Fotografen so ausgeleuchtet worden, dass sein Grübchen am Kinn betont wird: Seht her, ein Entschlossener. Einer, der seinen Weg geht.
Und tatsächlich hat einer der beiden Männer auf dem Podium Ähnlichkeit mit diesem Typus. Es ist der Herr neben Sigmar Gabriel. ALEXANDER SMOLTCZYK