Das Parfum - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Das Parfum

Wie ein Fuchs in einem kleinen Dorf Zwietracht säte
• aus DER SPIEGEL 35/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der erste Schuh, der verschwand, war der Pantoffel von Peter Glasner. Er hatte ihn hinausgestellt auf die Terrasse. Den zweiten fand er später in der Garage.

Glasner, ein großer Mann mit Brille, Pensionär, früher Siemens-Mitarbeiter, hatte sich dann ein wenig umgesehen. Sein Haus, mit weißem Flachdach am Hang, zeigt von der einen Seite zum Dorf, von der anderen in Richtung Wald. Glasner blickte auf das Dorf, auf Föhren in Rheinland-Pfalz, blickte auf seine Nachbarn und überlegte.

Alles war doch eigentlich immer friedlich gewesen. Man hatte sich, im Großen und Ganzen, gut verstanden in den Straßen Am Reischelbach, In der Rotheck, Am Meulenwald. Hinter Glasner lag der Wald.

Es geht steil hinauf von hier aus, fast wie auf einer Skirampe. Ganz oben liegt ein Ausflugsgebiet mit Wanderwegen, der Meulenwald, Teil der südlichen Eifel. Kiefern wachsen darin, Fichten, Lärchen, auch Laubbäume, Eichen, Eschen. Der Meulenwald ist eine Gegend mit viel Licht, mit violett leuchtendem Fingerhut, aber auch mit geheimnisvollen dunklen Stellen, das sind die Verstecke der Tiere.

Rehe, Wildschweine, Dachse, ein paar Hasen wohnen an diesen Stellen und auch Füchse, rund 30 Tiere. Glasner sah weiter in Richtung Dorf.

Er hatte früher mal einen alten VW Käfer am Waldrand abgestellt und später unterhalb des Kotflügels Knochen eines Fuchses gefunden.

Im Dorf, das hörte Glasner beim Bäcker, vermissten nun auch andere Bewohner ihre Schuhe. Heidi Heinz fehlten ein Gartenschuh und die Laufschuhe ihrer Söhne. Auch anderen Familien fehlten Schuhe. Sie wunderten sich; eigenartig war gewesen, dass diejenigen, die Schuhe vermissten, dicht beieinander wohnten, alle in den Straßen Am Reischelbach, In der Rotheck, Am Meulenwald.

Sie standen in ihren Gärten, sahen sich auf der Straße, sahen hinüber zum Gehsteig, lächelten unsicher, sprachen vorsichtig, unterhielten sich, nach einiger Zeit, auch über die fehlenden Schuhe. Sie betrachteten sich jetzt genauer.

»Hast du meine Schuhe gesehen?«, fragten sie sich gegenseitig. Könnten es, bestenfalls, Kinder gewesen sein? Wer sonst schlich nachts um die Häuser? Fremde? Einheimische?

Mittlerweile hatte auch die Tageszeitung begonnen, über die Vorfälle zu berichten. Das Dorf Föhren musste lernen, mit einem Rätsel zu leben.

Peter Glasner sagt, er sei relativ lange gelassen geblieben. Die Fassung verlor er erst, als ein paar Wochen später einer seiner Arbeitsschuhe fehlte, 200 Euro hatte das Paar gekostet, Größe 49, mit einem Gewicht von 1,4 Kilo. Der Dieb, da war sich Glasner sicher, musste ein Mensch gewesen sein, einer von ihnen.

Nach einem Jahr, im Mai, fehlten Glasner sieben Schuhe, zwei Paare, drei einzelne. Heidi Heinz fehlten sieben, aber den Rekord hielt eine andere Familie mit 14 Schuhen.

Föhren war jetzt zu einem ungemütlichen Ort geworden, Skepsis war die Stimmung des Alltags.

Es war am 29. Mai, als Rolf Willerscheidt, 50 Jahre alt und Revierleiter, mal wieder seine Runde durch den Wald drehte. Er hatte vom Tal aus rote Stellen in den Wipfeln zweier Fichten entdeckt. Willerscheidt wollte die Bäume zum Fällen markieren. Sie lagen an einer schwer zugänglichen Stelle, der Revierleiter erreichte sie nicht gleich, geriet an einen Ort, an dem er nie zuvor gewesen war, in 17 Jahren nicht. Unterhalb der Felskante entdeckte er den Bau eines Fuchses, mit zehn Eingängen, zwei Schlafmulden.

Das Haus von Peter Glasner lag rund 200 Meter entfernt.

Vor dem Bau lagen Schuhe, bestimmt 200 Stück, alte und neue. Turnschuhe, Gummistiefel, Sandalen, Clocks, Wanderschuhe, Halbschuhe, Tennisschuhe. Adidas. Asics. Nike. Willerscheidt machte Fotos. Denn er dachte, etwas gesehen zu haben, was ihm, wenn er es erzählte, niemand glauben würde.

Später machte Willerscheidt sich auf den Weg und suchte nach Erklärungen. Er hörte, dass Fuchsjunge gern spielen. Ihre Mütter oder ihre Väter mussten die Schuhe also für sie geholt und den Hang hinaufgetragen haben. Füchse mögen, als sei es ein betörendes Parfum, den Geruch von menschlichem Schweiß, sagten die Experten, so, wie Marder den Geruch von Autokabeln mögen.

Einen Teil der Schuhe packte Willerscheidt ein, wie Beweisstücke, die einen Täter überführt haben. Sein Chef, der Besitzer des Waldes, veranstaltete dann auf dem Schlossplatz ein Fest, mit Bier und Bratwürsten und den Schuhen. Die Stimmung an diesem Tag war heiter, befreit von einem hässlichen Verdacht.

Peter Glasner fand seinen Arbeitsschuh schnell. Der Schnürsenkel fehlte, der Stiefel war schmutzig, seine Frau schrubbte ihn, steckte Zeitung hinein, trocknete ihn im Wohnzimmer, hinter verschlossener Tür.

Und der Fuchs? »Der geht woanders hin«, sagt Willerscheidt. Er habe neulich am Bau 15 neue Schuhe entdeckt.

BARBARA HARDINGHAUS

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