Das Schiff der Überlebenden - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 63 / 126

Das Schiff der Überlebenden

Ortstermin: Starnberger See - 200 Transplantierte feiern ihr neues Herz.
• aus DER SPIEGEL 22/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er war 17, kam vom Skifahren zurück, brach zusammen, kriegte keine Luft mehr, kam ins Krankenhaus. Das wird eine Weile dauern, sagten die Ärzte, aber was sie erst später sagten, war der Satz: »Das Herz ist kaputt.«

Zwei Monate später lag er auf dem OP-Tisch und hatte das neue Organ in der Brust, OP gut verlaufen, Patient stabil, und dann schlug es nicht, das neue Herz. »Operation fehlgeschlagen«, hieß es, und in der Schule erzählten sie schon: »Habt ihr gehört? Simon Schweizer ist tot.«

Verdammt viel Glück muss einer haben, der so etwas überlebt. Sie schnallten ihn an die Herz-Lungen-Maschine, vorsichtshalber; fast zwei Tage lang hing er an dem Gerät, das eigentlich nur ein paar Stunden überbrücken soll, und dann, tatsächlich, kam die Nachricht: Das nächste Herz ist da, und es passt.

Simon Schweizer ist genau das passiert, im März vor zwei Jahren, weswegen er nun an einem sommerblauen Mai-Abend auf einem Schiff über den Starnberger See schippert und sich fragen lässt, ob er ein anderer Mensch geworden sei. »Nö«, sagt er.

»Bei mir war's kurz vor Schluss«, sagt ein blasser Mann mit Hörhilfe, Gustav Wirth, 55, vier Herzinfarkte, »das heißt: Nichts geht mehr.«

»Meins war zu groß«, sagt Rudolf Purkert, 61, ein stämmiger Rentner mit der Gattin am Arm. »War ein Sportlerherz. Boxerherz. Musste raus. In Großhadern haben sie das gemacht. Die machen das dauernd.« »Ist wie ein Schlachthaus, Großhadern«, sagt die Ehefrau. »Ja, aber ein gutes«, sagt der Mann.

Das Herz ist ein Muskel und auswechselbar. Bruno Reichart ist der Professor am Klinikum Großhadern, der das seit 20 Jahren tut. Weil das gefeiert werden muss, sind nun 200 der 700 Transplantierten aus Großhadern auf diesem Schiff. Sie bedanken sich beim Professor, »für die geschenkten Tage«, und sie schicken 700 rote Luftballons in den Himmel, mit Spenderausweisformularen daran.

Der Professor steht an der Reling, von seinen Erfolgen umringt. Sie tragen alle dieselbe Narbe auf dem Körper, brusthoch, mit Querverstrebungen rechts und links, aber wenn sie bekleidet sind, sieht man ihnen nichts an. Sie sind nicht mal besonders dick im Gesicht, man muss ja nicht mehr so viel Cortison geben, das ist vorbei.

Die Bord-Band heißt »The Flying Circus«. Sie spielt »Let's twist again«.

Der Professor ist ein Herr von 58 Jahren, trägt ein ironisches Lächeln zum schwarzsenfgelben Sakko, und er schätzt es, wenn die Transplantierten die Angelegenheit sehr sachlich sehen. Erfolge misst man in Zahlen. Früher schafften 70 Prozent das erste Jahr, heute sind es 90 Prozent.

Ein Herz ist ein Organ und muss funktionieren. Es gibt zu wenig Menschen mit Spenderausweis, nur etwa drei Prozent der Deutschen. Weswegen man erstens, sagt der Professor, ein anderes Transplantationsgesetz braucht, etwa so wie in Österreich: Wer nicht schriftlich widerspricht, der ist ein potenzieller Spender. Weswegen man zweitens daran arbeiten muss, dass der Mensch endlich auch ein Schweineherz verträgt, denn »dann müssen wir nicht mehr betteln gehen«.

Klar fragen alle, von wem das Organ kommt. »Motorradfahrer«, heißt es meistens, mehr nicht. Das Alter, vielleicht noch. Aber meistens nicht einmal das Geschlecht. Weil das den Patienten ja nur belasten würde, glauben die Ärzte. Für den Professor ist das Herz insofern etwas Besonderes, da es bei der Transplantation »immer um Leben und Tod geht. Bei der Niere ist das ja nicht der Fall«.

Das Herz - früher war es der Ort, an dem die Seele sitzt, das Ich. Anfangs war dieser Eingriff so umstritten wie nun die Gentherapie. Heute sagt die Wissenschaft, dass das Ich irgendwo im Hirn zu finden sei, oder in den Genen; was ist das Herz also für einen Menschen, der ein fremdes in der Brust trägt - wirklich nur ein Muskel? Zuckt man zurück vor Sätzen wie »Ich liebe dich von Herzen«?

So fragen wahrscheinlich nur die Unwissenden, die Leute, die nicht die Todesangst auf der Warteliste kennen, die keine Ahnung haben, was Überleben auf Bewährung heißt. »Ich liebe dieselben Menschen wie vorher«, sagt Simon Schweizer, und Gustav Wirth muss nicht lange überlegen: »Ich hätte auch ein Schweineherz genommen. Ist ja letztlich egal.«

Sehr sachlich klingt das alles, gefasst, überlegt, und dann - dann tritt eine Frau ans Mikrofon, überm Wasser geht die Sonne unter, im blauen Zwielicht verliert die Ratio ihre Kraft. Die Frau spricht von ihrem Sohn, 21 war er, der vor sechs Jahren starb. Ein Fahrradunfall. Die Ärzte baten die Eltern ans Bett. Da lag er, hirntot, sie haben der Organspende zugestimmt.

Sie hat seinen Tod nicht verkraftet, monatelang. Sie wurde fromm und ging jeden Sonntag in die Kirche, aber auch das reichte nicht aus, sie musste, so sagt sie das, »sprechen mit meinem Sohn«. Sie habe »einen Weg dazu gefunden. Per Gedankenübertragung«. Sie sei nun ein wenig glücklicher gewesen, aber dann fehlte noch »der Beweis, dass ich wirklich meinen Sohn gesprochen habe«. Sie habe ihm Fragen gestellt: »Welche Organe hat man dir entnommen?« »Herz, Leber, Lunge und beide Nieren«, habe er gesagt, erwachsene Männer hätten sie bekommen, allen gehe es gut. Und, sagt die Mutter, »es hat alles gestimmt«.

Ein seltsamer Moment, da der Verstand die kühle Kontrolle verliert, da man sich bei der Vorstellung ertappt, dem Schiff folge ein Geisterschiff, ein Schiff mit 200 Menschen, die nicht mehr leben, deren Herz noch lebt - Blödsinn. Räuspern. Beifall. Am Tisch der Ärzte stellt jemand die Frage, »ob das jetzt gut war, dass die Transplantierten das zu hören bekamen?«

Das Schiff fährt durch die Nacht. »You're a sex bomb« spielt die Band. BARBARA SUPP

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 126