Das Spektakulum
Bürger der Stadt Köln drängten sich am Freitagabend vorletzter Woche vor Kunststoff-Kulissen, die ihnen den Blick auf den Brunnenplatz in der Innenstadt verwehren sollten. Wer es trotzdem schaffte, hinter die Kulissen zu spähen, der erhaschte eine Szenerie aus der Welt der feinen Leute und - so meinte der »Kölner Stadt-Anzeiger« - ein Beispiel »wirtschaftswunderlichen Exhibitionismus«.
Lautlos hin und her huschende Uniformierte entzündeten Magnesiumpulver, dessen blendender Schein auf eine prunkvolle Palastfassade fiel. Die drei Brunnen des Platzes schienen plötzlich roten Burgunderwein zu speien: Aus dem wuchtigen Palastportal glitt eine festliche Gesellschaft von Herren und Damen in kostbaren Abendgarderoben und schritt gemessen durch die Allee der dampfenden Magnesiumfeuer. Sie wurde zu zwei Tribünen geleitet, deren Sitze angenehm beheizt waren.
Die Herrschaften hatten gerade Platz genommen, als es bizarr vor ihnen aufblitzte. Vom Dach des Palastes stiegen Hunderte von bunten Raketen in den Nachthimmel. Feuerkugeln schossen in die Höhe, schlugen trunkene Kapriolen und zerbarsten krachend, neue Feuerbälle von sich schleudernd. Die Palastwände fingen den Donner und warfen ihn dumpf auf den Platz zurück.
Das nächtliche Spektakulum war der Höhepunkt einer Fete, mit der die zweitgrößte Privatversicherungs-Gesellschaft des Bundesgebietes -- der Gerling-Konzern - das neue Verwaltungsgebäude ihrer »Globalen Rückversicherungs-AG« in Betrieb nahm. Die Gerlings hatten es für richtig befunden, Pomp und Gepränge mittelalterlicher Reichsfürsten zu entfalten, obwohl sonst Versicherungen gegen den Vorwurf allzu üppiger Repräsentation recht empfindlich sind.
Bereits am Freitagmorgen war die öffentliche Straße am Brunnenplatz für das Volk von Köln gesperrt. Gegen halb zwölf Uhr strömten auf allen Straßen Hunderte von schweren Limousinen in einer Art Sternfahrt herbei. Die Polizei kontrollierte die eigens ausgegebenen Durchlaßkarten und wies die Fahrzeuge zum neuen Verwaltungspalast der »Globale": Dr. Hans Gerling, Generaldirektor des Gerling-Konzerns, hatte zu einem Herrenempfang geladen und hielt in den Räumen der »Globale« Hof.
Wenig später wurden die Gäste auf den Brunnenplatz geführt, wo mit kirchlich anmutendem Zeremoniell die eigentliche Einweihungsfeier zelebriert wurde. Ein großes Kölner Sinfonieorchester erbaute die erlauchte Gesellschaft mit der Ouvertüre aus der »Feuerwerksmusik« von Händel. Es folgte ein Chor aus Haydns Oratorium »Die Schöpfung«. Liturgischer' Höhepunkt der Gerling-Apotheose aber war ein vom Haustexter Niebelschütz gedichtetes und selbst zu Gehör gebrachtes Opus »Alpha und Omega":
Wo Trümmer standen, wuchs ein Traum,
geträumt aus schonen Erdenstoffen:
In Stein gefaßt, den Lüften offen,
durchrauscht von Wasser, atmet Raum.
Er atmet, weil in Maß und Lot
der strebenid ruhenden Geraden.
Im Maß lieh Gott uns Schöpfergnaden,;
im Stein die Dauer ohne Tod.
Aus Brunnen staubt als Regendom
das Wasser, Bild des Wandelbaren:
In ihm das Weltmeer, schiffbefahren
in ihm das Leben, Trank und Strom.
Und immer, da von Luft bewohnt.
hat solch ein Platz das All zu Gaste
dem Himmel nah im Sonnenglaste.
der Feine nah in Wind und Mond.
Vollendet werde nun der Traum:
Enthüllt die Bitte, erzgegossen -
das Kind, darin das Heil beschlossen,
beschütze diesen Erdenraum.
Als der letzte Satz verklungen war, zogen Gerling-Mitarbeiter ein Tuch an der Palastwand fort und enthüllten das »Bronzerelief St. Christophorus": Der bärtige Heilige, mit wehendem Bart und gewaltiger Keule, trägt auf Muskelbergen ein mit einer Kugel spielendes Kind.
Auch ohne den Hinweis im Festprogramm, das - wie alle Fest-Drucksachen - mit dem von zwei brüllenden Löwen gehaltenen, goldenen Gerling-Wappen geziert war, wäre den kunstgeschichtlich einigermaßen Bewanderten klargeworden, wer Urheber dieser Bildhauerei war: Professor Arno Breker, bis 1945 Hof-Steinmetz des Führers und nunmehr in gleicher Position bei den Gerlings. Breker, der den Gerlingschen Palast noch mit weiteren Heiligen-Plastiken schmückte, hat nichts verlernt und ist sich treu geblieben.
Hans Gerling hatte dem Breker auch die Architektur des Verwaltungsgebäudes der »Globale« anvertraut, das von den Kölnern inzwischen respektvoll »Neue Reichskanzlei« genannt wird. Der Palast wirkt in. der Tat - innen wie außen - wie eine Wiedergabe der pseudoklassizistischen Regierungsburg in Berlin, die Hitler sich vor dem Kriege von seinem Architekten Speer bauen ließ: Die Symmetrie der Baukörper, die marmorverkleideten Fassaden, das zurückspringende Dachgeschoß: und die vorschießenden Balkone - überall das Pathos des Dritten Reiches. Das Innere ist mit kostbaren Gobelins und Skulpturen ausgestattet.
Nach dem vom Kölner Kinderchor gesungenen Lied »Herr, deine Güte reicht so weit« sprach Gerling-Chef Gerling und gab bekannt, daß der Platz vor dem Verwaltungsgebäude der »Globale« fortan »Globale-Platz« heißen solle. Das Mozartsche
»Ave verum« beendete die offizielle Feier.
Es folgte außer einem Festessen das den Nachmittag ausfüllte, nur noch der »Große Empfang« am Abend, dessen Höhepunkt das Feuerwerk bildete. Vom westdeutschen Fußballfunktionär Peco Bauswens bis zu dem Play-Boy der westdeutschen Montan -Industrie, Baron Hans Heini Thyssen -Bornemisza nebst Frau, fehlte in der Gästeliste kein Name, der in der Rhein -Ruhr-Gesellschaft Glanz besitzt.
So kostspielig die Weihe des Versicherungspalastes für den Gerling-Konzern und so strapaziös sie für den Konzernchef war - Hans Gerling vergaß auch der Armen im Lande nicht. Dem pompösen Aufwand der »Globale«-Feier entsprach die Höhe einer Gerling-Spende für die Heimatvertriebenen: 100 000 Mark.