Das war Gott - DER SPIEGEL
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SEENOT Das war Gott

Bei einem Sturm über dem Atlantik sank der deutsche Fischkutter »Hansa«. Sechs Seeleute ertranken. 13 Stunden nach dem Unglück wurde ein Matrose lebend geborgen. Er trieb im Wasser und plagt sich seither mit der Frage, wer das Schiff auf dem Gewissen hat. Von Matthias Geyer
• aus DER SPIEGEL 21/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mary Pérez Queiruga war früh aufgestanden, am Morgen dieses 6. März. Sie ging in ihre Küche und hörte um sechs die Nachrichten im Radio, draußen regnete es. Es hatte die ganze Woche geregnet in Riveira, einem kleinen Ort an der galizischen Küste, und über dem Atlantik tobten Stürme, das wusste sie. »Die kommen schon. Die kommen immer«, dachte sie.

Die »Hansa« sollte am 10. März kommen. Juan Jesús, ihr Mann, war seit dem 5. Januar auf der »Hansa« unterwegs, mit 15 Kollegen, auch sein Schwager Víctor war dabei. Juan Jesús und Víctor fuhren immer zusammen raus. Sie machten fast alles zusammen. Im Urlaub gingen sie tauchen.

Mary machte das Frühstück, und gegen neun Uhr klingelte ihr Telefon. Ihre Schwiegermutter sagte: »Du darfst dich nicht erschrecken. Aber irgendetwas ist mit dem Schiff. Ich weiß nicht was.«

Mary stellte ihrer Schwiegermutter keine Fragen. Sie legte einfach auf. Sie wollte keine Einzelheiten wissen. Sie dachte nicht an Schiffbruch, eher an ein Feuer, das an Bord ausgebrochen sein könnte, sie rief bei der Reederei an, aber es war besetzt, sie wählte ein paar Telefonnummern von den anderen Ehefrauen, deren Männer unterwegs waren, aber überall war besetzt.

Um halb zehn schaltete sie den Fernseher an. Sie sah die Nachrichten.

Die »Hansa« war untergegangen.

Seit 1997 arbeitete Juan Jesús Caamaño Puente, 36, auf der »Hansa«, einem Schiff, das eine spanische Reederei von einer deutschen Familie aus Finkenwerder ge-

kauft hatte. 31,17 Meter lang, Fischereikennzeichen HF 544. Die »Hansa« wurde 1966 zum ersten Mal zu Wasser gelassen. Sie ist ein Kutter, der bei den Seeleuten »Langleiner« heißt. Langleiner fischen mit kilometerlangen Leinen, an denen Angeln mit Schnüren und Haken befestigt sind. Langleiner sind ewig unterwegs, manchmal drei Monate am Stück.

Die »Hansa« ist ein deutsches Schiff mit spanischen Eigentümern. Deutsch ist bei der »Hansa« nur die Flagge auf dem Fischkutter und der Kapitän. Mit deutscher Flagge und deutschem Kapitän können Spanier in Fanggründen der Nordsee fischen, die für Spanier nach den Richtlinien der EU verboten sind.

Juan Jesús hat viele deutsche Kapitäne auf die »Hansa« kommen und wieder gehen sehen. Erst Hans, dann Siegfried, dann Dieter, dann Arthur, dann wieder Siegfried. Aber Siegfried war depressiv. Er hatte immer Angst vor schlechtem Wetter. Dann kam Werner. Werner hatte nie Angst.

Es hat nie Probleme gegeben mit diesem Schiff. Jedenfalls keine größeren.

Zuletzt war allerdings diese Geschichte mit dem Wasser aufgetreten. Die Mannschaft merkte es zum ersten Mal, als sie im vergangenen Winter unterwegs war. Manchmal stand plötzlich Wasser in den Kojen, sie wussten nicht, woher es kam. Sie nahmen Putzlappen und wischten es weg.

Nach zwei Monaten Fischtour in der Nordsee machte sich die »Hansa« am Morgen des 5. März auf den Weg zurück nach Spanien. Juan Jesús hatte tagsüber geschlafen, war zum Abendessen aufgestanden und danach wieder in die Koje gefallen.

*

»Kurz vor Mitternacht wurde ich wach. Ein Kollege schrie: ''Es gibt Wasser!'' Mich hat das nicht weiter beunruhigt, ich dachte nur, na ja, ein bisschen Wasser wird nicht weiter schlimm sein. Als ich draußen auf dem Gang war, stand mir das Wasser schon bis zur Hüfte.

Wir rannten zur Brücke, und als wir oben waren, sah ich, dass das Schiff schon schwer Schlagseite hatte. Manuel, der Fischereimeister, stand auf der Brücke und schrie: ,Zieht euch die Überlebensanzüge an, das Schiff geht uns aus der Hand.'' Manuel löste über das Telefon SOS aus, der Kapitän gab über Funk einen Notruf ab.

An Deck war Panik ausgebrochen. Einige schrien, einige heulten, wir liefen durcheinander. Víctor und ich zogen uns die Überlebensanzüge an. Sie sind aus Neopren, im Wasser geben sie Auftrieb und sorgen dafür, dass der Körper nicht so schnell auskühlt. Sie bedecken den ganzen Körper, auch die Hände und Füße und den Kopf. Ich vergaß, die Kapuze über den Kopf zu ziehen. Ich war so nervös. Víctor sagte: ''Komm her, bleib ruhig.''

Dann standen wir da. Außer uns war keiner mehr an Deck. Auch der Kapitän war weg. Wir waren allein.

Es gibt zwei Rettungsinseln an Bord, die sich von selbst aufblasen, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen. Eine konnten wir sehen, sie trieb im Wasser. Die zweite war weg. Jemand muss sie losgebunden haben, und dann ist irgendetwas passiert, was nicht passieren durfte. Jedenfalls war sie nicht mehr da.

Víctor und ich fassten uns an der Hand. Dann sprangen wir. Unten im Wasser sahen wir Domingo, den Mechaniker. Er rief: ''Hoffentlich bleiben wir zusammen.''

An den Seiten der Überlebensanzüge sind Bänder befestigt. Víctor und ich knoteten uns zusammen. Es war sehr schwer, dabei nebeneinander zu bleiben, wir hatten Windstärke acht und schwere See, die Wellen waren fünf Meter hoch. Als wir es geschafft hatten, suchten wir den Mechaniker. Er war weg. Wir sahen eine Leuchtrakete, die von der Rettungsinsel abgeschossen wurde.

''Komm, wir schwimmen dahin'', sagte ich zu Víctor, aber wir hatten keine Chance. Die Insel trieb davon wie ein Segelboot vor dem Wind.

Wir wussten, dass das Boot bald untergehen würde und dass das einen gewaltigen Sog geben würde, der uns mitzieht. Wir schwammen einfach nur weg von dem Boot. Irgendwann sah ich mich um. Die Hansa sank gerade, über das Heck, und die Lichter brannten noch.

Ich schwamm weiter. Bis zu dem Moment, in dem ich merkte, dass Víctor nur noch ein Gewicht war, das ich hinter mir herzog.

Ich drehte mich um und fragte ihn: ''He, Víctor, was machst du?'' Ich sah, dass er zitterte. Ich sagte ihm: ''Beruhige dich, Schwager, wir müssen weitermachen.'' Aber er antwortete nicht mehr. Dann sah ich, dass aus seinem Mundwinkel weißer Schaum lief. Ich schlug ihm gegen die Brust. Dann schlug ich ihm ins Gesicht. Aber er reagierte nicht mehr. Ich wusste sofort, dass er tot war. Dann sagte ich zu ihm: ''Wenn die See dich mitnimmt, dann soll sie auch mich mitnehmen. Es ist jetzt egal.'' Ich nahm Víctor unter meinen Arm und ließ mich treiben. Ich verlor das Gefühl für die Zeit. Ich hatte nur noch die Hoffnung, dass es Tag wird.«

*

In der Nacht vom 5. auf den 6. März 2001 geht bei der »Clyde Coastguard«, einer Einheit der schottischen Küstenwache, ein Funkspruch ein. Der deutsche Fischkutter »Hansa« meldet »Mayday«. Seine Lage wird mit 56. Breitengrad 15 Minuten Nord, 13. Längengrad 09 Minuten West geortet, er ist 380 Kilometer von der schottischen Insel Tiree entfernt.

Die Einsatzleitung schickt Rettungshubschrauber aus Irland und Schottland in das Gebiet. Drei norwegische Schiffe, die in dieser Region unterwegs sind, beteiligen sich an der Suche.

Nach vier Stunden bergen die Helikopter neun Besatzungsmitglieder von einer Rettungsinsel, darunter den Kapitän. Einige von ihnen tragen Überlebensanzüge, andere nicht.

Zehn Stunden nach dem Unglück meldet ein Offizier der »Clyde Coastguard«, dass es jetzt kaum noch Hoffnung auf Überlebende gibt.

In Riveira sah Mary Pérez Queiruga die Fernsehnachrichten und dachte, sie sei jetzt Witwe. Sie ging zum Telefon, aber sie konnte keine Nummer wählen, weil sie ihre Hände nicht unter Kontrolle hatte. Sie stand neben dem Telefon und begann zu schreien. Dann schrien ihre Kinder. Sie rannte durch die Wohnung, sie zog sich an den Haaren, sie schlug mit den Fäusten gegen die Wand; dann kamen Nachbarn und hielten sie fest; sie bekam ein Beruhigungsmittel.

Mary Pérez Queiruga ist eine gläubige Frau. »Gott, gib ihm eine Chance«, dachte sie.

Sie saß in ihrem Wohnzimmer und wartete darauf, dass irgendetwas passiert. Mittags hörte sie, dass es neun Überlebende gibt, die in ein Krankenhaus auf der Hebrideninsel Benbecula geflogen wurden.

Juan Jesús und Víctor waren nicht dabei.

*

»Dreimal sah ich, wie Hubschrauber das Gebiet überflogen und nach Überlebenden suchten. Sie leuchteten mit Scheinwerfern auf die See. Und immer, wenn das Licht nur noch wenige Meter von mir entfernt war, machten sie es aus und flogen zurück. Einmal dachte ich: ''Hier bleibst du also jetzt.''

Bis auf den einen Moment, in dem ich sah, dass Víctor starb, gab es keine Sekunde, in der ich aufhören wollte zu leben. Ich betete zu Gott und dachte an zu Hause. Ich stellte mir vor, wie schön dieser Moment war, in dem wir zu Hause einliefen, und die Frauen standen da und warteten auf uns. Ich sagte mir: ''Du wirst da noch gebraucht.'' Dass es hell wurde, merkte ich daran, dass ich so etwas wie Nebel vor den Augen hatte. Ich konnte nicht mehr scharf sehen, es hatte sich zu viel Salz in meine Augen gefressen. Manchmal sah ich, dass Seile und Fischkörbe aus unserem Boot an mir vorbeitrieben. Ich band Víctor noch enger an mich. Dabei sagte ich ihm: ,Sie sollen uns zusammen finden, nicht den einen hier und den anderen woanders.''

Dann kamen Möwen und hackten auf meinem Rücken herum. Aber ich hatte nicht mehr die Kraft, meinen Arm zu heben.

Ich drehte mich auf den Rücken, um mich auszuruhen, aber die Wellen waren zu groß. Sie zogen mich nach unten, ich musste ständig Salzwasser schlucken.

Irgendwann kam dieses Flugzeug. Es flog sehr tief, und es flog genau über mich hinweg. Es kam zurück, es flog auf mich zu, und es ließ Rauch ab. Da sagte ich zu Víctor: ,So, jetzt haben sie uns gefunden.''

Ich ließ mich weiter treiben, mein Kopf lag seitlich auf dem Wasser. Dann bemerkte ich einen Schatten. Ich drehte den Kopf auf die andere Seite und sah, dass ein sehr großes Schiff neben mir war.

Sie schickten jemanden in einem Schlauchboot zu uns. Die Männer zerschnitten das Seil, mit dem ich Víctor an mich gebunden hatte. Aber ich hielt ihn fest. Sie schlugen mir ins Gesicht, aber ich klammerte mich noch enger an Víctor. Erst als sie mit ihrem Ruder auf meinen Rücken schlugen, ließ ich ihn los.

Ich hatte keine Kraft mehr.«

*

13 Stunden nach dem Untergang der »Hansa« wird Juan Jesús Caamaño Puente in zehn Grad kaltem Wasser lebend von einem norwegischen Frachter geborgen. Ein Sprecher der britischen Luftwaffe sagt: »Das ist wie ein Wunder. Der Mann muss wirklich Überlebenswillen gehabt haben. Dies ist in der Geschichte von Rettungseinsätzen auf See ganz ungewöhnlich.«

Im Krankenhaus auf Benbecula stellen die Ärzte fest, dass der Matrose unter schwerer Dehydratation leidet. Weil er sehr viel Salzwasser geschluckt hat, gaben seine Körperzellen vermehrt Wasser nach außen ab. Juan Jesús wäre fast vertrocknet.

Abends um halb acht, als er mit leiser Stimme wieder sprechen kann, ruft er seine Frau Mary an. »Das war Gott«, sagt er zu ihr.

Später meldet »Clyde Coastguard« den Tod von sechs Seeleuten. Domingo Sampedro Sanles, Mechaniker. Juan Manuel Pérez Domínguez, Schmierer. Secundino García Portela, Koch. Antonio Manuel Lopez Pena, Matrose. Manuel Teira Vila, Matrose. Und Víctor. Víctor Manuel Bretal Santos, Matrose.

Der Kapitän der »Hansa«, Werner Karsten, kann nicht viel dazu sagen, wie es kommen konnte, dass sein Schiff unterging. Der 49-Jährige will auch nicht mehr darüber sprechen.

Er kam im norddeutschen Deichsende zur Welt und lebt seit ein paar Jahren in Spanien. Er hat ein etwas verquollenes Gesicht, und er redet mit undeutlicher Stimme.

Das, was er weiß, hat er unmittelbar nach dem Unglück zu Protokoll gegeben. Als die Havarie ihren Lauf nahm, schlief er. Ein Matrose weckte ihn. Als er aufstand, merkte er, dass die »Hansa« Schlagseite hatte. Er sagte, alles sei »rasend schnell« gegangen. Er habe einen Notruf rausgegeben, er habe die Leute aufgefordert, die Überlebensanzüge anzuziehen. Als er gesehen habe, dass die, »die noch vorhanden waren«, ihre Anzüge trugen, machte er etwas, was ein Kapitän nicht machen sollte: »Dann bin ich ausgestiegen.«

Ausgestiegen. Der Kapitän ist nicht als Letzter von Bord gegangen. Sechs seiner Leute kamen ums Leben. Seine Seefahrerpapiere und seinen Talisman, ein Heiligenbildchen, konnte er retten.

Fünf Wochen nach dem Untergang der »Hansa« fuhr Werner Karsten wieder zur See, auf einem deutschen Kutter, mit spanischer Besatzung. Als Kapitän.

Die spanische Reederei »Gude Gonzales Hermanos« hat ihre Büros direkt an dem kleinen Hafen von Riveira. Auf dem Fußboden liegen Marmorplatten, die Wände sind mit Holz vertäfelt, es wirkt nicht so, als habe die »Hansa« einer Bruchbude gehört.

»Das war ein gutes Boot«, sagt David Gude Saiñas, ein kleiner Mann, dessen Augen unruhig durch den Raum flackern. Er holt ein Foto der »Hansa« aus dem Regal. Señor Gude sagt, damals, 1985, als sie den Kutter aus Deutschland kauften, sei sie »in einem schrecklichen Zustand« gewesen.

Seine Reederei, erzählt er etwas hastig, habe mächtig investiert, sie habe zum Beispiel die Außenwände höher gebaut, und letztes Jahr wurde ein neues Funksystem eingebaut, alles nur beste Apparate. »Soll ich eine Kopie von dem Bild machen?«

Dann geht Juan José Sampedro, ein Compagnon von Señor Gude, zum Regal. Er kommt mit zwei schwarzen Ordnern wieder. Die sollen belegen, dass die »Hansa« in Schuss war. Alles archiviert, alles schriftlich, alles amtlich.

Sampedro löst ein Schreiben des »Germanischen Lloyd« aus dem Ordner. Der deutsche Schiffs-TÜV hat die »Hansa« am 21. Dezember 2000 geprüft, ihre Maschine und den Corpus, Urteil: »Satisfactory«, befriedigend. »Wollen Sie eine Kopie?«

Warum ist die Hansa untergegangen?

Sampedro zieht die Schultern hoch. »Das weiß die See.« Warum trugen nicht alle einen Überlebensanzug? »Das weiß die See.«

Das Seeamt Emden, das den Fall untersucht, wüsste gern mehr. Es wartet seit Wochen auf Antworten. Wie viele Netze waren an Bord? Wie waren sie befestigt? Konnte Wasser, das von außen reinkam, abfließen? »Aus heiterem Himmel geht so ein Kahn nicht unter«, sagt einer der Ermittler. Denkbar wäre auch, dass die »Hansa« mehr Fisch an Bord hatte, als sie durfte. Dass sie überladen war, dass sie deshalb zu tief im Wasser lag, dass sie instabil wurde.

Juan José Sampedro läuft zum Regal und bringt einen neuen Ordner. Er holt ein Fax hervor, das Kapitän Karsten am 26. Februar an die Reederei schickte. Es ist das letzte schriftliche Dokument, das von der »Hansa« kam. Danach hatte sie am 23. Februar 3450 Kilo Seeteufel, 5694 Kilo Lengfisch, 33 380 Kilo Rochen, 3700 Kilo Taschenkrebs, 11 900 Kilo Hai und 500 Kilo verschiedene Fische an Bord. Wenn die Angaben in dem Fax stimmen, war die »Hansa« nicht überladen. Sie darf 61,08 Tonnen Fisch verschiffen. Ob die Angaben in dem Fax stimmen, weiß die See.

Juan José Sampedro trägt die Ordner ins Regal zurück und sinkt matt in seinen Stuhl. Dann sagt er: »Menschliches Leben ist unersetzlich.« Er sei froh, dass wenigstens für die Hinterbliebenen gesorgt sei. Die spanische Sozialversicherung zahle Frauen und Kindern in solchen Fällen eine Rente.

In Riveira sitzt Víctors Witwe María Dolores auf einem Hocker in der Küche ihrer Eltern und raucht »Winston«-Zigaretten. Wenn sie eine ausgedrückt hat, brennt sie die nächste an. In der Küche läuft der Fernseher. Sie sagt kein Wort.

Ihr gegenüber sitzt Juan Jesús. Auch er raucht »Winston«-Zigaretten. Mary, seine Frau, hat sich sehr dicht neben ihn gesetzt, es wirkt, als sei sie seine Aufpasserin.

Juan Jesús erzählt, dass die Kühlräume, in denen sie den Fisch lagerten, voll waren. Voll bis oben hin. Keine Kiste habe mehr reingepasst in die Kühlräume.

Juan Jesús'' Schwiegervater ist früher auch zur See gefahren. Er weiß, warum Víctor und die anderen sterben mussten.

»Das Boot war überladen«, sagt er.

Juan Jesús nickt.

Ein paar Tage nach dem Unglück, sagt er, hätten sich alle, die sich retten konnten, in der Reederei zu einer Aussprache getroffen. Er selbst habe dabei nur zwei Fragen gestellt: »Wer hat die Rettungsinseln losgebunden? Warum ist eine verloren gegangen?« Er habe keine Antwort bekommen.

»Es ist merkwürdig, dass der Kapitän und der Fischereimeister überlebt haben. Wären sie als letzte von Bord gegangen, hätten sie nicht überlebt«, sagt er.

Seine Frau betrachtet ihn von der Seite, während er spricht. Dann fährt ihre Hand auf den Küchentisch. Sie spricht sehr laut und sehr scharf. »Ein Kapitän soll nicht nur SOS funken, ein Kapitän soll auch Leben retten«, sagt sie.

»Ich möchte keinen beschuldigen«, sagt er.

»Der Kapitän ist schuldig. Die, die die Aufsicht hatten, die haben sich gerettet. Die Fischer sind umgekommen«, sagt sie.

»Halt den Mund. So etwas darf man nicht sagen«, sagt er.

»Man muss es sagen. Ich habe dem Fischereimeister gesagt: ,Du bist schuld. Du warst auf der Brücke.'' Er blieb stumm. Ich fragte ihn: ,Warum habt ihr euch nicht alle an der Hand gefasst und seid zusammen reingesprungen?'' Aber er blieb stumm.«

Ihr Mann schweigt jetzt. Er weiß, dass sie Recht hat. Er verachtet alle, die mit ihm die letzte Fahrt der »Hansa« überlebten.

Er hebt seinen Kopf und sagt: »Sie hätten versuchen können, uns zu suchen. Sie hatten zwei Ruder an Bord der Rettungsinsel. Ich hasse sie nicht, aber ich möchte sie meiden. Ich möchte nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Du kannst vergeben, aber nie vergessen.«

Juan Jesús Caamaño Puente ist arbeitslos, seit er nach Riveira zurückkehrte. Er bekommt zurzeit 80 Prozent von dem Gehalt, das er auf der »Hansa« verdiente, irgendwann sind es nur noch 65 Prozent.

Zum ersten Mal zur See fuhr er, als er 14 Jahre alt war. Mit 7 verlor er seinen Vater durch einen Autounfall, bei dem die Mutter schwer verletzt wurde. Er wuchs in einem Heim von Ordensschwestern auf, wo die Kinder nicht mit Namen angesprochen wurden, sondern mit Nummern.

Als er endlich weg war von den Nonnen, musste er Geld verdienen, für die Mutter und seine drei Geschwister. Sie wohnten in Riveira. Er hatte nie etwas anderes von der Welt gesehen als Riveira. Und in Riveira hat es noch nie etwas anderes gegeben als den Hafen und die Fischkutter.

»Jeder lebt sein Leben, wie er kann. Ich konnte nichts anderes. Seefahren war nie eine Leidenschaft. Aber mit der Zeit gefiel es mir eben«, sagt er.

Vielleicht, sagt er, sei er eines Tages gezwungen, noch mal zur See zu fahren. Er will das nicht ausschließen.

Aber er hat jetzt Angst vor dem Meer.

* Auf einer Wettersatelliten-Aufnahme vom 6. März.

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