KRIEGSFOLGEN Der Ausputzer
Langsamen Schrittes, den Blick am Boden, streift Frank Masche durch die Straßen von Johmor. Es ist ein Dorf wie viele im Südlibanon, es liegt inmitten biblischer Landschaften sieben Kilometer nordwestlich der Grenze zu Israel auf einer Anhöhe über Tälern mit Bananenstauden und Granatapfelbäumen. Unten schlängelt sich träge der Litani-Fluss.
Für einen Moment ertappt sich Masche bei dem Gedanken, dass es so ausgesehen haben mag, das Heilige Land, damals, als Jesus hier Frieden und Nächstenliebe predigte. Dann sieht er wieder auf die Straße, Trümmerberge und Bombenkrater, hässlich wie aufgeplatzte Pockenbeulen. Dann hat er nur noch Augen für den Feind. Anthrazitfarben ist er, klein wie eine Taschenlampenbatterie, an seinem spitz zulaufenden Ende hängt ein Band aus weißem Nylon, an dem er durch die Luft gesegelt kam.
Der Krieg ist nicht vorüber nach dem Waffenstillstand vor zehn Wochen. Er wird noch Jahre dauern, das Land ist verseucht.
Vor zehn Wochen ist in den Dörfern im Südlibanon ein zweiter Krieg entbrannt. Es ist ein Krieg nach dem Krieg, er ist heimtückisch und macht kaum Lärm. Seine Waffen liegen auf dem Boden. Sie sind zugedeckt von herangewehten Feigenblättern, versteckt in den Mauerresten zerbombter Häuser, in Vorgärten und Abwasserrinnsalen rechts und links der Straße. Dort, wo Kinder spielen und mit alten Konservenbüchsen kicken - oder mit dem, was sie für alte Konservenbüchsen halten.
Frank Masche ist Kampfmittelräumer, Deutscher, 38 Jahre alt. Er muss den Feind finden und unschädlich machen.
Masche ist ausgerüstet mit Taschenlampe, Schweizermesser und ein paar hundert Gramm Plastiksprengstoff. Er trägt ein Sonnenkäppi auf dem glattrasierten Schädel, keinen Helm, keine Splitterweste, das wäre zu heiß und zu schwer. Auf seinem Hemd prangt ein Totenkopf, am linken Ärmel eine winzige deutsche Flagge. Er blickt nur auf den Boden. Er sieht die vielen Bettlaken nicht, die sie über die Trümmer gespannt haben, mit Sätzen darauf wie: »Rice, schau genau hin! So sieht er aus,
dein New Middle East!« Er vergisst alles, außer seinem Misstrauen.
Im Vorgarten eines Hauses erspäht er einen Blindgänger unter einem Mauervorsprung, beugt sich über ihn, klebt rotes Isolierband darum, stopft ihn in seine Tasche. Ein paar Männer versammeln sich um Masche: der Hausbesitzer, der Ortsvorsteher, Nachbarn. Sie zerren an ihm, wollen ihn in weitere Häuser führen, wollen sehen, wie das geht, Bomben entschärfen.
Sie haben jetzt viel Zeit. In ein paar Tagen soll hier die Olivenernte beginnen, aber die Felder sind kontaminiert. Masche schickt die Männer zur Seite. Was er macht, wie er es macht, muss sein Geheimnis bleiben. »Niemand soll es wissen«, sagt er, »sonst versucht ihr, es nachzumachen, und werdet zerfetzt.« Die Männer bringen Tee und wollen Antworten von dem Mann aus Deutschland. Sie sagen: »Erst verkaufen die USA alte Bomben an Israel. Dann jagt Israel sie rüber zu uns. Jetzt schicken uns die USA Dosenfutter, damit wir überleben. Und Deutschland sendet Kriegsschiffe, um uns zu überwachen. Erklären Sie das!«
Masche lächelt, er sagt, er müsse los, noch mehr Blindgänger einsammeln, dann sprengen auf einem Feld am Dorfrand, sein tägliches Geschäft. Er ist ein Räumer, ein Ausputzer. Er macht den Dreck des Krieges weg und gibt den Menschen ihr Land zurück. Die Wut, die ihn packt, wenn er über seine Arbeit nachdenkt, kommt erst später - abends nach der Schicht, beim Bier mit den Kollegen.
Als ein israelischer Kommandeur anonym der Zeitung »Haaretz« Mitte September gestand: »Wir haben ganze Dörfer übersäht, was wir taten, war krank und abscheulich«, war das keine Neuigkeit für Masche und seine Auftraggeber, die Uno-Mitarbeiter in Tyrus. Die Angaben des Israeli stimmten mit ihren Funden überein.
In den letzten 72 Stunden des Krieges gegen die Hisbollah, so sagte es der Kommandeur, habe Israel 1800 Raketen über die Grenze gefeuert. Die meisten stammten aus den USA, wurden in den siebziger Jahren gefertigt, als in Vietnam noch der Krieg tobte. Sie waren bestückt mit Streumunition. Streubomben öffnen sich in der Luft, spucken Hunderte von Submunitionen aus, sogenannte Bombletten. Bombletten segeln durch die Luft, durch die Drehung im Wind werden ihre Zünder aktiviert, sie explodieren beim Aufprall im Umkreis von bis zu 250 Metern. Das Problem ist, dass fast 40 Prozent der Bombletten nicht explodieren, weil sie im ungünstigen Winkel aufschlagen. Sie bleiben als Blindgänger liegen und sind jahrzehntelang scharf.
Frank Masche war dabei, als südlibanesische Familien aus ihren Verstecken im Norden zurück in ihre Dörfer kamen. In der Woche nach dem Waffenstillstand vom 14. August standen sie in Autokarawanen Schlange, hupten, jubelten, schwenkten Hisbollah-Fahnen. Sie stürmten in ihre Häuser, liefen in ihre Gärten, schauten, was übrig war von Tabakfeldern und Obstplantagen. Sie ahnten nichts, und Masche rannte herum, versuchte zu warnen, abzusperren, zu räumen. Dann waren wieder Explosionen zu hören, der Klang dieses Krieges - ein kurzer, dumpfer Knall, eine Rauchwolke. Dann herrschte wieder Stille.
In den ersten Tagen starben die meisten. Eine kurze Berührung kann ausreichen, um eine Bomblette zur Explosion zu bringen. Sie ist gemacht, um bis zu 8 Zentimeter dicke Panzerwände zu durchbohren. Die Unfälle passieren beim Ausfegen, beim Räumen, bei der Tabakernte. Die Krankenhäuser in Tyrus und Nabatija sind voll mit Opfern. Sie liegen im Koma, ihre Beine und Arme sind zerfetzt, ihre Körper übersäht mit Schrapnells, kleinen messerscharfen Metallsplittern, der Sprengladung aus dem Bauch der Bomblette.
Masche macht seinen Job seit 14 Jahren. Er war in Afghanistan, Angola, Vietnam, im Irak. Normalerweise wartet er darauf, dass man ihn ruft, nachdem ein Konflikt vorbei ist. Diesmal war es anders. Er war schon da, im Heiligen Land. Er kam Ende Mai, sechs Wochen bevor der Krieg begann.
Er war auf der Suche nach der perfekten Mission gewesen. Er wollte in den Libanon, weil das Land sicher schien, »zivilisiert, ohne Fundamentalisten und Kopftuchzwang, ohne aktiven Konflikt«. Frank Masche ist jemand, der seine Aufträge danach bewertet, ob sie technisch anspruchsvoll sind - und wie gut das Essen am Einsatzort ist. Im Sudan war es miserabel, in Laos passabel, im Irak zu fett. Der Libanon versprach interessant zu werden, Libanesen kochen hervorragend, das wusste er, und es gab alte Munition, die kompliziert gelagert war. Masche kam zum Minenräumen. Er sollte »Area 6« säubern, das Gebiet nördlich des Litani-Flusses. Es ging um Landminen, die nach der israelischen Invasion 1982 zurückgelassen worden waren. Eine langwierige Arbeit, mit Minensuchnadeln in abgesteckten Feldern stochern, dann Minen freigraben und entschärfen. Das beste Argument jedoch, das für den Libanon sprach: Zum ersten Mal konnte Masche seine Familie mitnehmen, seine Frau Anja, Sozialwissenschaftlerin, wie er neugierig auf die weite Welt, und seine Tochter Greta, drei Jahre alt.
Im Libanon wollten sie ein neues Leben beginnen. Frank Masche stammt aus Biesdorf bei Berlin-Marzahn. Er war überzeugter DDR-Bürger, diente bei der NVA, dort lernte er, wie man Minen verlegt und räumt. Noch im Oktober 1989, sagt er, »wartete ich auf Befehle und hätte auf den Klassenfeind geschossen, keine Frage«. Dann kam die Wende und mit ihr die Einsicht, benutzt worden zu sein. Vorzeitig beendete Masche seine Militärlaufbahn, studierte vier Semester Jura, begriff, dass Recht und Gerechtigkeit zwei unterschiedliche Sachen sind, schmiss das Studium wieder. Er ließ
sich zum humanitären Minenräumer weiterbilden und schwor, nie wieder Uniform zu tragen. Er begann ein Leben fernab der Heimat und kämpfte mit ehemaligen Klassenfeinden gegen die Überreste der Kriege.
Im Juni bezog Familie Masche ein Appartement an der Uferpromenade von Tyrus, der alten Phönizier-Stadt. Vom Balkon aus sahen sie das Mittelmeer. Rechts römische Säulen, links den »Schleiereulen-Strand«, die Badestelle der verschleierten Muslima, an dem sich auch die Masches manchmal sonnten. Wenn sie sich am Zaun ein wenig reckten, sahen sie ein paar Berge, dahinter Israel. Ihr neues Leben begann recht heiter.
Frank Masche war in Nabatija, im Quartier der britischen Hilfsorganisation Mines Advisory Group, für die er Minen räumt. Es war der 12. Juli, die Uno gab »Alarmstufe Rot«, alle Ausländer sollten raus, am 16. Juli fiel die erste Bombe auf Tyrus. Masche sprang in den Firmenjeep, er wollte nach Tyrus zu Frau und Kind. Autobahnen und Brücken waren getroffen, er brauchte Stunden. Und als er auf dem Balkon seiner Wohnung stand, sah er, wie israelische Kriegsschiffe vor der Küste aufzogen. Er fuhr mit seiner Familie nach Beirut, in den sicheren Norden, und unterwegs kurbelte seine Tochter Greta das Autofenster runter und schrie: »Bombenalarm, es ist Bombenalarm!« Ihr Vater erschrak, ein bisschen stolz war er auch.
In Beirut im Hotel begriff Masche, was es heißt, mitten im Krieg zu sein. Tagsüber bettelte er bei der deutschen Botschaft um die Ausreise aus dem Land, nachts hörte er den Bomben zu, seine Frau weinte viel. Masche sagte sich: Das ist jetzt nicht Arbeit, das ist schlimmer.
Einen Tag bevor im südlibanesischen Dorf Blida die ersten Streubomben fielen, wurden die Masches ins ZDF-»Morgenmagazin« geschaltet. »Es ist einfach nur traurig«, sagte Frank Masche in die Kamera. »Wir waren kurz davor, dieses Land minenfrei zu machen. Jetzt bombardieren sie die Minenfelder erneut. Und wir fangen von vorn an.« Wenige Tage später fuhr Familie Masche im Bus nach Damaskus, man flog sie aus nach Berlin. Kurz darauf saßen die drei im ZDF-Studio in Mainz, sie waren das menschliche Füllsel und sollten von ihrer spektakulären Flucht berichten. Es waren die falschen Fragen, sie gingen Masche nicht weit genug. »Warum kann keiner sagen, was ist?«, fragte er, »warum darf man Israel nicht kritisieren?« Da war er schon nicht mehr auf Sendung.
Der Anruf kam in der dritten Kriegswoche. Masches Chef sagte, neue Munition sei verschossen worden, hohe Blindgängerquote, wir brauchen jeden Mann. Masche flog zurück in den Libanon, allein. Tagelang streifte er durch die Dörfer um Tyrus, entsetzt über das Ausmaß der Zerstörung, seine Angst war verflogen, er war jetzt wieder Profi. Während Tochter Greta in Berlin im Kindergarten erzählte: »Mein Papa macht, dass der Krieg im Libanon aufhört«, klaubte er mit seinem Neun-Mann-Team Bombletten aus Bäumen, holte sie aus Betten, Autos, dem Tresorraum einer Bank, aus einem Gemeindehaus, während sie dort die ersten Totenfeiern hielten. Täglich entdeckte er neue Fundstellen, immer mehr kontaminierte Dörfer. Abends telefonierte er mit dem Uno-Team in Tyrus, gab durch, wie viele Bombletten er wo vernichtet hatte.
Im Mine Action Coordination Center in Tyrus sitzt Chris Clark, 43. Er ist der Chef der Ausputzer, der Uno-Mann, der Masches Firma die Räumaufträge gibt. An der Wand neben seinem Schreibtisch hängen zwei Landkarten. Die eine ist vom Mai vergangenen Jahres, darauf viele grüne Punkte, jeder für ein geräumtes Minenfeld, die andere voller roter Kreise, sie verzeichnet die Einschlagsorte der Streubomben. Über 700 sind es bisher, täglich wird aktualisiert. Sie zeigt den Südlibanon nach dem Krieg. Ein Land, das aussieht, als hätte es die Röteln.
Während des Krieges saß Chris Clark im Büro, der letzte Uno-Mitarbeiter in der umkämpften Stadt. Abends stieg er aufs Dach und zählte die Einschläge. Er sagt, Israel habe bis fünf Minuten vor Waffenstillstand bombardiert, die letzte Nacht sei die schlimmste gewesen. Er schickte Beobachter raus und vergab Aufträge für die Räumung der Dörfer.
Ende August rief Kofi Annans New Yorker Büro bei Clark an. Sind Sie sicher, fragten sie seine Mitarbeiterin, dass Streumunition in den letzten Tagen verschossen wurde?
»Haben Sie was zu schreiben?«, fragte Clarks Mitarbeiterin und diktierte: »Erstens hatten wir Leute vor Ort, Bombenexperten und Einwohner, die haben es bestätigt. Zweitens saß mein Chef auf dem Dach, er weiß, wie Streubomben klingen. Drittens waren wir in den Krankenhäusern, auch die Ärzte haben es bestätigt.« Kurz darauf kritisierte Kofi Annan Israel ungewöhnlich scharf.
Chris Clark sieht müde aus, er trägt ein Holzfällerhemd, staubverschmierte Stiefel, sein Nacken ist ausrasiert. Er sagt, nirgendwo sonst habe er so viele Streubomben gesehen. Er malt jetzt Zahlen an eine Tafel. »Bei 1800 Raketen und einer realistischen 40-prozentigen Blindgängerquote müssen wir mit einer halben Million Bombletten rechnen. Zählt man Streumunition dazu, die als Artilleriegranaten verschossen wurde, kommen wir auf gut eine Million Bombletten, die scharf am Boden liegen.« Bis Weihnachten 2007, sagt er, solle das Land geräumt sein.
Warum hat Israel diese Waffen eingesetzt, warum zu einem Zeitpunkt, als es die Resolution 1701 schon gab, als klar war, dass der Krieg bald vorbei sein würde?
Clark war selbst Soldat, diente 17 Jahre in der britischen Armee. Er sagt: »Es muss so etwas wie einen Befehlswechsel gegeben haben. Die Israelis trafen zwar Häuser, aber nicht die Hisbollah-Milizen, die in den Dörfern Katjuschas zündeten und sich ständig bewegten. Was die Israelis brauchten, war eine flächendeckende Waffe.« Der Einsatz von Streubomben ist nach dem Völkerrecht nicht verboten.
Vor ein paar Wochen flog Chris Clark zum dritten Mal seit Kriegsende nach Genf ins Internationale Zentrum für Humanitäre
Minenräumung. Sein Job ist es, neue Zahlen zu vermelden, Politiker und Organisationen zu informieren. Sein Büro war es auch, das Jan Egeland, den Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe, mit Fakten versorgte. Ende August verurteilte auch Egeland Israels Kriegstaktik, er nannte sie »schockierend und absolut unmoralisch« - seine Worte gingen um die Welt.
Clark spricht nicht von Skandal oder Moral. Er sagt, Krieg sei immer unmoralisch. Er nennt die aktuellen Zahlen der Streumunitionsopfer: 129 Schwerverletzte bisher, 21 Tote. Er weiß, dass er zurzeit die einmalige Chance hat, dafür zu kämpfen, dass sich die Gesetzeslage ändert, dass Streumunition weltweit verboten wird. Er sagt: »Wenn Sie mich fragen, bleibt alles beim Alten.«
Abends nach Sonnenuntergang treffen sich die Räumer oft am Strand von Tyrus. Sie sitzen in der Bar »Cloud 59«, einer Bretterbude mit Palmendach und bunten Lampions. Masche und seine Kollegen, die ehemaligen Klassenfeinde aus England, Frankreich und Schweden, trinken Almaza-Bier und lästern über »Weltverbesserer und Bäumestreichler«, sie strecken ihre Füße in den warmen Sand und sprechen von vergangenen Einsätzen. Manchmal stöckelt eine Frau vorbei am Arm eines Libanesen, »Super-Geschoss«, sagen sie dann. Manchmal nicken sie ein, es ist ein kurzer Erschöpfungsschlaf.
Mit der Entspannung kommt die Wut. »Israel hat seine Waffenlager ausgemistet, die Entsorgung der alten Munition hätte sie wesentlich mehr Geld gekostet, als sie wahllos rüberzuschießen. Eine Frechheit!«, sagt ein Kollege. »Was erwartet ihr?«, fragt Masche. »Es gibt keine menschenfreundlichen Kriege. Das wäre wie Sex ohne Anfassen. Entweder ich poppe, oder ich geh ins Kloster, dazwischen gibt es nix.« Er weiß: Auch die Bundeswehr hat Streumunition in ihren Lagern, mehrere Millionen Bombletten sollen es sein. Im September forderte der Bundestag die Regierung auf, sich weiterhin für ein internationales Streubombenverbot einzusetzen. Masche sagt, er mache sich keine großen Sorgen, bald arbeitslos zu werden.
Am nächsten Morgen steht er um sechs Uhr in einer Schule. Nach der Notfallräumung beginnt in diesen Tagen sein eigentlicher Job. Er bildet Libanesen aus, damit sie sich selbst helfen können. 25 junge Männer schreiben mit, was Masches Übersetzer sagt. Masche zitiert sein altes DDR-Wissen, er sagt: »Ist die Linie erst gegeben, entscheidet der Kader.« Mitdenken und Verantwortung übernehmen, soll das heißen. »Und vergesst diesen Inschallah-Quatsch. Von wegen 'Wenn Gott will'! Ihr beugt euch über die Bombe, ihr zündet den Sprengstoff. Ihr allein habt das Leben eurer Leute in der Hand. Wer nicht aufpasst, fliegt.« Die Libanesen haben Respekt vor dem strengen Deutschen mit den kernigen Sprüchen, das merkt er. Früher, sagt er, »hatte ich ein Problem damit, Deutscher zu sein, besonders als in der DDR alles den Bach runterging. Im Ausland macht das mehr Spaß«.
Am Nachmittag streift er wieder durch Johmor, das Dorf inmitten biblischer Landschaften. Er koordiniert die Räumarbeiten, seine Männer gehen in die Knie, schwenken Metalldetektoren. Die Dorfbewohner sind gewarnt, täglich laufen TV-Spots, die über die Gefahren der Streumunition aufklären. Doch es bleibt Theorie.
Masche bereitet die Sprengung vor, als vier Männer erscheinen, sie kommen aus Sautar, dem Nachbardorf. Sie bauen sich vor ihm auf, sagen, wir haben unzählige von diesen Dingern gefunden, was sollen wir tun? Masche malt drei Kreise auf einen Zettel. Sichert sie mit Steinen, sagt er, sperrt die Fundstellen ab. Dann gibt er ihnen die Telefonnummer von Chris Clark und dem Uno-Team. Die werden jemanden schicken, sagt er. Er will seine Ruhe haben, aber die Männer wollen, dass jemand mitkommt nach Sautar, in ein Haus zwischen Markt und Moschee.
Dort sitzt Familie Turkie auf einem Sofa, stumm. An der Wand hängt ein Foto ihres Sohnes Ali, ein hübscher Junge, 21 Jahre alt, Elektriker und der einzige Ernährer seiner Familie. Vor ein paar Tagen ging er in eine Obstplantage. »Ich pflück mir einen Apfel«, waren seine letzten Worte. Neben dem Apfel hing eine Bomblette. Sein Cousin stand ein paar Meter entfernt, er überlebte. Er zeigt die Metallsplitter in seinen Beinen und wendet sein Gesicht ab. Alis Familie kann nichts tun. Nur warten. Warten, dass Masche und seine Männer kommen und aufräumen in ihrem Land, das ihnen zum Feind geworden ist.
An seinen Sonntagen meist, wenn er frei hat, sehnt sich Frank Masche nach Überblick. Er steht auf seinem Balkon und schaut zum Mittelmeer. Verschleierte Frauen baden am Moslem-Strand, Männer rauchen Wasserpfeife, und drüben flicken israelische Soldaten Löcher im Grenzzaun.
»Die Menschen hier leben wieder«, sagt er, »das haben sie auch mir zu verdanken. Ich könnte zufrieden sein. Aber die Frage bleibt - wozu das alles?«
Am Horizont kreuzen deutsche Marineschiffe. Es wird sich nicht viel ändern. Frank Masche wird bleiben, den Blick am Boden, nah am Feind.