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Der Borg ruft

Ortstermin: Auf der Zugspitze präsentieren ARD, ORF und SF ihren neuen »Musikantenstadl«-Moderator - und versinken im Nebel.
• aus DER SPIEGEL 33/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die ARD muss sich warm anziehen. Das sagt die Konkurrenz, das sagt der Gebührenzahler, und in der vergangenen Woche teilte dies die ARD auch einigen ihrer Mitarbeiter mit. Am Tag vorher, erzählt Rudi Küffner, Pressechef des Bayerischen Rundfunks, da habe es eine interne Warn-Mail gegeben: Achtung, es wird kalt auf der Zugspitze, alle zum »Pressegipfel mit Andy Borg« Abkommandierten mögen an Pullover und festes Schuhwerk denken.

Und so trägt Küffner, als er morgens in den Bus steigt, unter seiner blauen »Das Erste«-Windjacke noch ein Trachtenjankerl, das wärmt und passt ja auch thematisch. Er hat es vor vielen Jahren beim Münchner Hertie gekauft, aus irgendwie ironischen Gründen. Er guckt ein bisschen spöttisch durch seine Nickelbrille, als er seine selbstgedrehte Zigarette austritt und zur Fuhre Journalisten in den Reisebus klettert. Für ein Foto »mit 'm Andy«, sagt er, müsse man doch passend gewandet sein.

Volksmusik-Fanatiker ist Küffner nicht, auch nicht unbedingt ein Andy-Borg-Fan. Aber die Leute, die Leit, lieben Volksmusik, lieben die Schunkel-Dirndl-Betäubung, schalten ein, wenn der »Stadl« läuft, und darum geht es nun mal. Im Bus dudelt Servus-Kram aus dem Bayern-Radio, doch Küffner schunkelt nicht, er liest das Feuilleton der »Süddeutschen«.

Oben auf dem Gipfel formiert sich auf der Aussichtsplattform gegenüber dem Gipfelkreuz eine Hundertschaft Fotografen. Durch motivversauenden Nebel und humorlosen Schneeregen hindurch sehen sie, wie ein Zweiergespann zum Kreuz hochkraxelt. Einer der beiden, der mit dem weißen Helm, das ist angeblich Andy Borg. »Servus mitanand«, ruft es jetzt unterm weißen Helm hervor, er winkt, kein Zweifel, das ist er.

Angeleint an einen Bergführer, steht Borg der Meute gegenüber, zwischen ihnen eine tiefe Schlucht, die Fotografen schreien ihre Kommandos. »Bisschen Action, Andy!«, und Borg weiß, was zu tun ist, breitet die Arme aus, umarmt die Luft, streckt die Siegerdaumen aus, lächelt und turnt dicht am Abgrund herum, so wie er das in Tausenden Bierzelten gelernt hat.

Er ist jetzt 46, vor 24 Jahren hatte er seinen ersten Hit, »Adios Amor«, etliche ähnlich betitelte Dienstleistungsdreieinhalbminüter folgten, millionenfach verkauft. Außerdem moderierte er zehn Jahre lang die »Schlagerparade der Volksmusik« im deutschen Fernsehen.

»Ein Scheiß ist das«, schimpfen die Fotografen im Nebel. Volksmusik braucht blauen Himmel. Auf den Objektiven tauen Schneeflocken zu unfröhlichen Tropfen.

»Scho recht«, sagt Andy Borg und krabbelt vom Gipfel herunter, posiert noch mal auf der Aussichtsplattform, mit »Musikantenstadl«-Schild in der Hand, dann umrahmt von einer Blaskapelle in Lederhosen, die kurz mal was hintuschen wollte, doch es schneit ihnen in die Instrumente.

Die Pressekonferenz findet im Trockenen statt, in der »Panorama-Lounge«, es gibt Kaffee, Bier und Brotzeit. Pressechef Küffner hat die Trachtenjacke abgelegt und begrüßt jetzt unverhohlen ironisch zu »diesem epochalen Ereignis«, zu dem ARD gemeinsam mit ORF und SF geladen hat, an diesen Ort »mit dem Drei-Länder-Blick, der aber heute ja leider nicht möglich ist«.

Die Vertreter der drei Sender verleihen im jeweiligen Dialekt ihrer Freude Ausdruck, dass die große Samstagabend-Institution »Musikantenstadl« nun renoviert wurde. Am 23. September wird Andy Borg die Moderation der Sendung erstmalig übernehmen, nach nicht ganz friedlicher Trennung von deren Erfinder und Verkörperung Karl Moik. 24 Jahre lang hatte er dem Stadl vorgestanden, aber zuletzt zeigte er Ausfallerscheinungen und hatte Gunstverfall zu beklagen. »Da bestand Handlungsbedarf«, umschreibt Rudi Küffner Moiks Rauswurf in Regierungsviertel-Slang.

Frischer Wind, konzeptionelle wie verpackungstechnische Modernisierung, vereinte Kräfte, Verjüngung bei gleichzeitiger Traditionswahrung - der gegenwärtig angezeigte bundesdeutsche Reformeifer hat nun auch den »Musikantenstadl« erreicht, ist also bis ins Innerste der Republik vorgedrungen.

In der Mitte des Auskunftstischs sitzt und grinst Andy Borg. Über den kann man lachen, ja, dünkelhaft lachen. Aber eigentlich ist er ganz lustig; mit wienerischem Killercharme munitioniert und ein Meister des fintenreichen Monologisierens. Ob sein Hit »Die berühmten drei Worte« nicht korrekter »Die berühmten drei Wörter« hätte heißen müssen, wird er gefragt. Keineswegs, sagt er, im Urlaub habe er bei Bastian Sick nachgelesen, dass »es Worte heißt, wenn es sich auf Poetisches bezieht«. Die Journalisten öffnen ihr drittes Bier.

Nüchtern könnte man konstatieren, dass Borg seinen Weltausschnitt verantwortungsbewusst und angenehm verwaltet, würdevoller gewiss als beispielsweise ein Oliver Pocher seine Pop- und Bumswelt. Die Halbnackten auf MTV sind allesamt nicht ein Zehntel so charmant und auch so einsichtig, was ihren Auftrag, ihr Dasein und dessen Begrenzung betrifft.

Borg, gelernter Handwerker, spricht jetzt von irgendwelchen Alu-Konsolen in der Dekoration. Und schwört, zum hundertsten Mal heute, dass er sich noch nie verstellt habe. Na klar. »Andy bleibt Andy, der Stadl ist kein Kostümfest«, sagt ein ARD-Mitarbeiter, neben dem Tisch postiert sich derweil die Trachtenkapelle. Servus mitanand. BENJAMIN V. STUCKRAD-BARRE

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