Der Denkzettel - DER SPIEGEL
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PARTEIEN Der Denkzettel

Der Vorkämpfer gegen die Rechtschreibreform, Friedrich Denk, will in den Bundestag - im Alleingang gegen die Parteienherrschaft.
• aus DER SPIEGEL 36/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Wirtsleute Andrea und Hansjörg Barth vom »Münchner Haus« auf der Zugspitze können sich über mangelnde Abwechslung nicht beklagen. Mal richten freche Nagetiere ein Massaker am Würstelvorrat an, dann wieder sitzt der Bergtourist Dalai Lama überraschend bei ihnen in der Küche. Und nun ist Friedrich Denk gekommen - der unerbittliche Streiter wider die Rechtschreibreform.

»Ah, Sie san des«, weiß Andrea Barth gleich, wen sie vor sich hat. »Ein Schmarrn ist das mit den neuen Regeln schon, das stimmt.« Aber was treibt der Mann jetzt hier auf dem Berg?

»Ich suche den höchsten Wähler Deutschlands«, sagt Denk, 55, nimmt seinen Strohhut ab und steigt die engen, steilen Treppen der Wetterstation neben dem »Münchner Haus« hinauf.

Die Schlacht um die Reform des rechten Schreibens hat der hartnäckige Studiendirektor aus Weilheim zwar verloren, aber aufgeben mag ein Friedrich Denk noch lange nicht - nun will er in den Bundestag.

Jetzt ist er endgültig durchgeknallt, fürchten manche Bekannten, denen der eifernde Ritt des Pädagogen gegen die Rechtschreibreform längst unheimlich war. »Nein, nein«, lacht der Deutschlehrer entspannt, »ich sehe das diesmal ganz locker. Sonst hätte es mir meine Frau auch gar nicht erlaubt.« Ihn treibe aber ein durchaus ernstes Anliegen: nichts Geringeres als die Sorge um die Demokratie.

»Bei der Rechtschreibreform, aber auch beim Euro hat man doch gesehen, wie wenig sich die großen Parteien um den Willen des Volkes scheren«, sagt Denk, »so verkommt die Demokratie zur Parteienherrschaft.« Da müsse man einfach gegenhalten. Unabhängige Kandidaten könnten die Interessen der Bürger im Parlament viel besser vertreten, er würde sich vor allem der Jugend- und Kulturpolitik annehmen.

Denk ist nicht der einzige, der bei der Bundestagswahl am 27. September versuchen will, aus eigener Kraft ins Parlament zu springen. Über 100 Einzelbewerber stehen auf den Listen der Wahlkreise - mehr als jemals zuvor. Die Aussichten, ohne den Rückhalt einer Partei dem deutschen Volk im Bundestag dienen zu dürfen, sind indes erbärmlich: Letztmalig schafften es 1949 drei unabhängige Kandidaten.

Macht aber nichts: Idealisten, Spinner, Schrate und Spötter der parlamentarischen Demokratie kann die Statistik nicht schrecken.

Allein zehn Einzelbewerber kandidieren in der deutschen Hauptstadt. Im Wahlkreis Mitte-Prenzlauer Berg will der Frührentner Axel Silber gewählt werden. Seine Botschaft: »Axel Silber - Meine Chance«. »Ovo Maltine« ist ebenfalls dabei, ein Kabarettist aus dem Bezirk Kreuzberg-Schöneberg.

Witzbolde gibt es auch in Bayern. In Erlangen können sich die Wähler für den »Weltrevolutionär« Rüdiger Kalupner entscheiden, sein Programm: »Geniepunkt - Maximale Goethepolitik«. Handelsfachwirt Georg Nägle aus Schweinfurt sammelt Stimmen mit dem Motto »Chance im Weltspiel Nägle« - was immer das bedeuten mag.

Bei Friedrich Denk aus Weilheim weiß der Wähler immerhin, was er kriegt. Als unabhängiger Kandidat im oberbayerischen Wahlkreis 212 hofft das ehemalige langjährige CSU-Mitglied vor allem auf Bürger, die die satten Christsozialen ein wenig aufrütteln wollen, ohne gleich das Lager ganz zu wechseln.

Man könne ihm getrost die Erststimme geben, wirbt Denk, wo immer er seine kleine Werbeschrift, den »Denkzettel«, verteilt. Die CSU dürfe darüber gar nicht böse sein: Ihre Direktkandidatin Michaela Geiger sei auf dem zweiten Platz der Landesliste so gut abgesichert, daß sie eh ins Parlament ziehen werde.

Großen Wahlkampf will Denk gar nicht machen, dafür reichen jene 5000 Mark auch wohl kaum, die ein Sponsor gab. Denk setzt darauf, daß ihn die Leute kennen, als vielgelobten Initiator literarischer Aktivitäten in Weilheim und - natürlich - als Quälgeist der Rechtschreibreform, der im Oktober 1996 auf der Frankfurter Buchmesse Schriftsteller und andere Geistesgrößen gegen das neue Regelwerk der deutschen Sprache auf- und zusammenbrachte.

»Alle konnten sich in den letzten Jahren ein Bild davon machen, was ich für die Allgemeinheit zu tun und zu opfern bereit bin«, sagt Denk, »so gesehen habe ich - ohne es zu wissen - meinen Wahlkampf schon hinter mir.«

Jetzt macht er nur noch ein paar symbolische Aktionen im heimischen Schwimmbad, im letzten Sprengel vor der österreichischen Grenze oder eben auf dem höchsten Berg Deutschlands, der Zugspitze, und von dort noch drei Treppen hoch, auf dem Dach der Wetterstation.

Ganz oben, in 2964 Meter Höhe, trifft er auf Stefan Schwarzer, 25, der im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums Windgeschwindigkeiten, Niederschläge und Radioaktivität mißt. Ihm spricht Denk sogleich von Silbenfugen: »Wissen Sie, daß Sie 'Meßstation' künftig mit drei »s« schreiben müssen?« fragt er den verblüfften Wetterbeobachter. »Ich bin ein Gegner der Rechtschreibreform«, bekennt dieser eilig, aber mit Politik habe er partout nichts am Hut: »Ich werde auch nicht wählen gehen, das habe ich noch nie getan.«

So ein Pech. Doch Wahlkämpfer Denk bleibt frohgemut: »Vielleicht überlegen Sie es sich noch einmal«, sagt er und legt - damit das leichter geht - einen Denkzettel auf den Arbeitstisch des Wettermannes.

Die Wirtsleute aus dem »Münchner Haus«, immerhin, machen ihm durchaus noch Mut, bevor er mit der Gondel talwärts schwebt: »Sie sind auf dem richtigen Weg«, lobt Hansjörg Barth, »meine Stimme haben Sie.«

»Der wählt mich tatsächlich«, sagt Denk gerührt. Aber er weiß, daß das nicht reicht. Bei der Bundestagswahl 1994 brachte die CSU-Kandidatin Geiger gut 105 000 Stimmen zusammen. »Das ist«, räumt Denk ein, »für mich kaum zu schaffen.«

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