EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Der Drachentöter
Ein Jahr nachdem er beschlossen hat, den Kampf gegen die Deutsche Bank anzunehmen, sitzt Frank Schmall in einem Frankfurter Straßencafé und blättert in seinem Notizbuch. Alles hat er aufgeschrieben, jede Aktion, jeden Dialog, jeden Eklat.
Es ist ein Kriegstagebuch.
Eigentlich ist Schmall genau das, was sich Banken unter dem idealen Privatkunden vorstellen: Er verdient gut, denkt an seine Altersvorsorge - und hat keine große Lust, sich um den finanziellen Kleinkram zu kümmern. Es schien also alles zu passen, als die Deutsche Bank vor neun Jahren zustimmte, Schmall den Kauf einer kleinen Eigentumswohnung zu finanzieren.
280 000 Mark kostete die Wohnung damals, zwei Zimmer, Erstbezug. Ein Freund hatte Schmall geworben, er sollte sich um nichts kümmern. Dass die Wohnung rund 100 000 Mark zu teuer war, hätte die Bank, die ihm den Kredit verkaufte, erkennen müssen, findet Schmall. Sein Vorwurf: Versteckte Provisionen hätten die Kaufsumme aufgebläht, das Institut habe seine Beratungspflicht vernachlässigt.
Zusammen mit anderen Eigentümern gründete Schmall eine Interessengemeinschaft. Als der Rechtsweg ausgeschöpft war, beschloss der damals 45-Jährige, allein weiterzukämpfen.
Der Kampf begann im vergangenen Sommer. Schmall fuhr mit seinem signalroten Renault Mégane nach Falkenstein, dem Villenstadtteil von Königstein im Taunus. Er trug ein Jeanshemd und einen Dreitagebart, in die Autofenster hatte er Fahnen aus Stoff geklemmt. Darauf stand: »Ich fühle mich als Deutsche-Bank-Immobilien-Opfer.«
Gegen 18.15 Uhr erreichte der Mégane sein Ziel. Schmall, selbständiger Systemberater, parkte den Wagen vor dem Anwesen von Hermann-Josef Lamberti, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. Als Lamberti eintraf, war die Polizei schon da. »Was man sich in Deutschland alles gefallen lassen muss«, hörte er Lamberti zu einem der Polizisten sagen. Da glaubte Schmall, auf dem richtigen Weg zu sein.
»Hier: Josef Ackermann, der Vorstandsvorsitzende«, sagt Schmall und blättert im Tagebuch, »bei dem war ich am 30. August zum ersten Mal.«
Schmall fuhr nach Kronberg, stellte den beschrifteten Mégane vor Ackermanns Villa ab und las Zeitung.
Sofort klopft ein Polizist ans Fenster.
»Was machen Sie hier?«
»Meinen Tag vorbereiten«, antwortet Schmall. »Verboten?«
Sein Kampf ähnle Davids Kampf gegen Goliath, sagt Schmall. »Nur: Ich bin kleiner als David, die Deutsche Bank ist größer als Goliath.«
Schmall besitzt zwei Autos, den Mégane und einen '48er Chevrolet Pick-up. Am 4. Oktober stellte er den Pick-up vor das Gebäude der DWS, der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank. Einen einzigen Parkplatz gibt es vor dem Haus, direkt vor dem Eingang. Seine Botschaft hatte er auf eine zwei mal zwei Meter große Holztafel gemalt, die er auf der Pritsche des Pick-ups befestigt hatte. »Ich wusste, dass es das Filetstück der Deutschen Bank ist«, sagt Schmall. »Und dass es da richtig wehtut.«
Als ihm ein Autohaus, das seinen Kampf sympathisch findet, einen gebrauchten Opel Kadett schenkt, sieht Schmall die Chance für eine »Dauerleihgabe«. Er kauft sich ein Spezialgerät, mit dem er sein Auto wie ein Profi beschriften kann. Schmall entscheidet sich für Neongrün und Neongelb, auf Deutsch und auf Englisch: »I feel as a Deutsche Bank real estate victim.«
Zwei Wochen lang gehen die Banker neugierig an dem Auto vorbei. Dann lässt die DWS eine Plane aufstellen, die den Kadett gegen Blicke abschirmt. Schmall ruft das Ordnungsamt an: »Was ist, wenn die Plane auf mein Auto fällt?«
Also verschwindet die Plane wieder. Wochen vergehen. Mitte März stehen plötzlich Pflanzenkübel um den Kadett herum: 15 Koniferen, zwei Meter hoch.
Schmall besorgt sich einen Dachgepäckträger und schweißt ein Schild drauf. Auf 2,90 Meter Höhe kommt er so, Deutsch und Englisch.
Vier Tage später stehen neue Koniferen um den Kadett herum, diesmal drei Meter hoch.
Ein alter Kadett gegen eine Bilanzsumme von 840 Milliarden Euro. Für andere Immobilienopfer ist Schmall ein Held, sie diskutieren jeden seiner Schritte in Internet-Foren, einige unterzeichnen mit »venceremos«. Es ist der Aufstand der Kunden.
»Ich mach das noch fünf Jahre«, sagt Schmall, »das macht mir richtig Spaß.« Als die DWS im Juni bei der Stadt Frankfurt ein Halteverbot vor ihrem Haus durchsetzt, parkt er den Kadett auf der anderen Straßenseite. »Sieh zu, dass du dein Geld kriegst«, hatte ihn seine Mutter ermuntert. »Lass dir nichts gefallen, Bub!«
Vor kurzem hat er sich fotografieren lassen: Frank Schmall vor den beiden Türmen der Deutschen Bank, direkt vor dem Hauptquartier des Gegners. Er steht da in einem weißen T-Shirt, Hände in den Hüften, der heilige Georg vor seinem Kampf gegen den Drachen.
Der Fotograf hat ihn von unten aufgenommen, er scheint beinahe so groß zu sein wie die Türme. »Ich fühle mich als Deutsche-Bank-Immobilien-Opfer« steht in Rot auf dem T-Shirt.
Es sieht aus, als würde er lächeln.
HAUKE GOOS