EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Der Echsenflüsterer
Es war Mitte Oktober, in Australien hatte der Frühling begonnen, als Michael Linley sich frühmorgens auf den Weg machte, ganz ohne schlechtes Gewissen. Der Tag versprach schön zu werden, die Sonne hatte den Asphalt der Fernstraße nach Perth schon ein wenig erwärmt: So muss es sein, wenn man Eidechsen klauen will.
250 Kilometer nördlich von Perth, nahe der Ortschaft Cervantes, stieg Linley aus seinem Mietwagen. Kein Mensch weit und breit, kein Gesetz, kein Zöllner, kein Tierschützer. Nur er, Michael Linley, 51 Jahre alt, ein kräftiger, um nicht zu sagen dicker Mann mit schlohweißem Haar und Vollbart. Nur er und sein Plastikeimer.
Es war so einfach. Echsen sind wechselwarme Tiere. Nachts, wenn es kalt wird, schrauben sie ihren Stoffwechsel hinunter, fressen nicht, bewegen sich kaum und atmen langsam. Morgens müssen sie erst mal ordentlich Sonne tanken, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Linley konnte sie praktisch vom Boden pflücken.
Hier draußen, im westaustralischen Busch, haben die Reptilien sich angewöhnt, den Morgen auf der Straße zu verbringen: Von oben brennt die Sonne, von unten wärmt der Asphalt. Das ist besser als jeder Naturstein - jedenfalls solange kein Lastwagen kommt.
Für eine angemessene Reaktion sind Wechselwarme da noch zu träge. Deshalb sieht man überall Tierleichen: marmorierte Blattfinger-Geckos, Bartagame, die - in lebendigem Zustand - aussehen wie kleine Drachen, wunderschöne, 30 Zentimeter lange Blauzungenskinke, den Spitzkopfflossenfuß, eine Echse ohne Vorderbeine. Ab und an auch ein Ostaustralischer Zirpfrosch, allesamt zu schlapp zum Weglaufen und deshalb platt gefahren.
Eigentlich, so wird Linleys Anwalt später andeuten, hatte Michael Linley also gar nichts Schlimmes getan, als er lebende Echsen in seinen Eimer klaubte. Im Grunde genommen, soll das heißen, ist Linley keiner, der Tiere wegnimmt, sondern einer, der sie rettet. So einer gehört nicht vor Gericht.
Tatsächlich ist Linley ein bekannter Tierfreund, ein renommierter Reptilien- und Amphibienexperte, Verfasser mehrerer Fachbücher sowie eines Kinderbuchs: »Die Eidechse im Dschungel«. Außerdem und im Hauptberuf macht er Tierfilme. Daheim, im englischen Norwich, betreibt Linley eine Tierfilmproduktionsgesellschaft, die »Hairy Frog« heißt.
Seit Jahren schon arbeitet er für das britische Fernsehen, das ZDF führt ihn als Berater der Serie »Die Zukunft ist wild«, und für den 50-minütigen Beitrag »Frösche - der Film« bekam Linley 2001 einen Volkswagen-Förderpreis.
Er klaut keine Geckos, er macht sie zu Stars.
Und genau das hatte Linley vorgehabt, als er im Oktober durch den Westen Australiens reiste, um Reptilien und Amphibien von der Straße zu sammeln - sie sollten in seinem nächsten Film auftreten.
Nun haben Tierfilmer ein kleines Geheimnis: Die besten ihrer Aufnahmen entstehen mitunter gar nicht in der Natur, sondern im Studio. »Wenn Sie zum Beispiel eine lebend gebärende Eidechse zeigen wollen, dann geht das nur im Studio«, sagt Linley. »Sie können ihr ja nicht tagelang durch den Busch hinterherlaufen.«
Im Studio sind die Tiere unter Kontrolle, der Kameramann weiß, wann das Tier Hunger hat - das macht das Arbeiten deutlich effektiver, als wenn man einen Frosch in der Wildnis beim Fressen filmen wollte. Der ist womöglich längst satt, verschmäht die angebotenen Insekten und hüpft gelangweilt davon.
Linley brauchte seine Tiere also in England. Aus vielen, vielen Ländern hat Linley schon exportiert, immer legal und mit offizieller Genehmigung. Theoretisch kriegt man die auch in Australien, zumal keine der Echsen zu einer gefährdeten Art gehört. In der Praxis vergehen dafür aber bis zu zwei Jahre.
Da hilft nur Schmuggeln.
Nach mehr als einer Woche Sammelarbeit hatte Linley seine Filmstars beisammen: 187 Tiere aus 31 Arten, darunter Baumfrösche, Skinke, Geckos, Schlangen sowie eine kleine Schar von Schaben. Er besorgte gewürfeltes Hähnchenfleisch und Erdbeeren für die größeren Echsen, frische Termiten für den Rest.
Die Tiere wohnten in Plastikdosen aus dem Supermarkt, Linley schnitt Löcher in die Deckel, und als er keine Dosen mehr hatte, bestellte er in chinesischen Restaurants Mahlzeiten zum Mitnehmen - er brauchte die Verpackungen als Transportbehälter. Alles zusammen verteilte er auf zwei Koffer, stopfte noch einen Waran in einen Kissenbezug und klappte beruhigt den Deckel zu: Im kühlen Frachtraum des Flugzeugs würden die wechselwarmen Tiere stressfrei vor sich hin dämmern.
Am Flughafen von Perth sprach ihn ein Zollbeamter an: Ob er unerlaubterweise Tiere im Gepäck habe? Irgendjemand hatte Linley auf der Straße beim Sammeln gesehen und die Autonummer der Polizei gemeldet. Am Flughafen brauchten sie nur noch auf ihn warten.
Nun steht er vor Gericht. 31 Anklagen wegen unerlaubter Entnahme von Tieren aus der Wildnis, macht schlimmstenfalls 31-mal 1200 Euro Geldstrafe. Linley hat sich schuldig bekannt, aber er besteht darauf, die Tiere tiergerecht behandelt zu haben. Bis Januar entscheidet sich, ob Linley auch wegen Schmuggel und Tierquälerei verurteilt wird, dann droht ihm Gefängnis - im Höchstfall zehn Jahre. ANSBERT KNEIP