Der Erhabene - DER SPIEGEL
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Der Erhabene

Ortstermin: Im Berliner Tränenpalast genießt Altkanzler Helmut Kohl die deutsche Einheit.
• aus DER SPIEGEL 47/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als sich der Altkanzler auf seinen Platz in der ersten Reihe fallen lässt, flackern seine Augenlider im Takt der Blitzlichter. Er lächelt geradeaus. Rechts und links von ihm sitzen Frauen, Angela Merkel und Bärbel Bohley, die Bürgerrechtlerin. Sie unterhalten sich miteinander, weit nach vorn gebeugt, an Kohls Bauch vorbei, ganz so, als sähen sie die Fotografen nicht. Kohl sieht sie. Er wirkt erhaben. Es ist der 9. November. Es ist nicht Bohley-Tag und schon gar nicht Merkel-Tag. Es ist Kohl-Tag.

»Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Helmut Kohl«, sagt Angela Merkel oben vom Rednerpult herab. Helmut Kohl legt den Kopf schräg. Er weiß, dass jetzt sehr liebe Dinge über ihn gesagt werden. Er macht es sich bequem. Er will die Worte genießen.

Während Merkel redet, kneten ihre Finger eine Büroklammer klein. Am Ende sagt sie: »Deshalb sind Sie der Kanzler der Einheit.« Kohls Kopf zuckt. Es ist ein kurzes, ein automatisches Nicken. Wenn jemand Kanzler der Einheit sagt, muss Helmut Kohl einfach nicken. Beides ist zusammengewachsen, weil es zusammengehört.

Dann wuchtet er sich hinter Bärbel Bohley die Bühne hinauf. Er trägt einen dunkelgrauen Anzug und einen goldenen Schlips. Oben stehen Stühle, deren Sitzflächen aus Korb geflochten sind. Er rutscht ein wenig unsicher auf dem Korbgeflecht hin und her, so als traute er dem nicht. Dann legt er die Hände auf die Oberschenkel und beginnt zu erzählen.

Er erzählt, wie er 1978 das erste Mal in diesem Gebäude war, in dem damals DDR-Grenzer die Pässe kontrollierten. Er war Oppositionsführer in Bonn und wollte Ost-Berlin für einen Tag besuchen, nur mal so. Auf einmal kam »eine stattliche Figur« in Uniform und sagte: »Herr Dr. Kohl, Sie sind eine unerwünschte Person.«

Er prustet und verzieht das Gesicht. Dann sagt er es noch mal: »eine unerwünschte Person«. Sein Blick sagt: Das müssen Sie sich mal vorstellen.

Jemand stellt ihm einen neuen Stuhl hin. Der neue Stuhl ist aus Eisen und mit einem gemütlichen rosa Polster überzogen. Die Gefahr ist gebannt.

Er erzählt von der Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus am Tag nach dem Mauerfall. »Das war die typisch linke Berliner Szene, gemischt mit einem ordentlichen Pöbel.« Heute Abend ist der Pöbel zu Hause geblieben. In den Stuhlreihen vor ihm sitzt ein bisschen CDU-Prominenz, dahinter stehen die Menschen wie in einer Fußball-Fankurve. Es ist der Helmut-Kohl-Fanblock in Anzug und Kostüm.

Als Kohl von seiner Angst erzählt, wird es totenstill. Er spricht über sein Telefonat mit Gorbatschow. »Es war ja unklar, ob die Sowjets nicht die Panzer rauslassen.« Eine wirkliche Schicksalsstunde, sagt Kohl.

Gorbatschow, Mitterrand, Bush der Ältere, Maggie Thatcher, sie alle tanzen noch einmal über die Bühne, weil Helmut Kohl sie tanzen lässt. Es ist seine Geschichte. Er hat sie schon 100-mal erzählt. Doch je weiter sie zurückliegt, desto bunter und schöner wird diese Geschichte.

Sie hört sich jetzt an wie ein Märchen.

Hinter den großen Fenstern des Tränenpalasts leuchtet leicht verschwommen ein blauer Schriftzug von der anderen Seite der Spree: »Ständige Vertretung«. Zu DDR-Zeiten arbeiteten hier in der Nähe die Repräsentanten der Bundesrepublik. Heute trägt diesen Namen eine Kölsch-Kneipe, sie ist die ständige Vertretung der alten Bonner Republik in der neuen Hauptstadt. Es ist ein Museum der Gemütlichkeit im kalten Berlin, ein Rest Helmut Kohl in der kühlen Reformwelt von Hartz IV und Kopfpauschalen.

Der Moderator möchte noch wissen, wie das mit den blühenden Landschaften gewesen ist. »Ich wusste, dass Sie mit diesem Ladenhüter kommen«, sagt Kohl. Er zieht einen Zettel aus einer Klarsichthülle. Er hat die blühenden Landschaften im Originalzitat immer bei sich. Er liest es vor, ganz ruhig, dann haut er mit der flachen Hand auf den Tisch und sagt: »Jetzt muss ich Ihnen sagen: Der Text ist völlig o. k.«

Bärbel Bohley ist bislang nicht oft zu Wort gekommen. Sie hat Helmut Kohl meist von der Seite angeschaut, still und bewundernd. Plötzlich sagt sie: »Ich muss schon sagen, dass ich blühende Landschaften sehe.« Der Fanblock jubelt, und Helmut Kohls Gesicht glüht auf wie eine Fußgängerzone, in der die Weihnachtsbeleuchtung eingeschaltet wird.

Helmut Kohl ist fröhlich, jovial, manchmal ausgelassen wie ein Clown. Er erzählt und erzählt, und es entsteht das Bild einer Idylle. Es ist das romantische Bild einer Zeit, in der die Nation noch zusammenhielt und Staatsmänner mutige Helden waren.

Nur ganz selten rutscht Kohl ab in die aktuelle Tagespolitik. Die Idee seines Nachfolgers Gerhard Schröder, den Nationalfeiertag abzuschaffen, sei eine »Schnapsidee«, sagt er abfällig. Er sei auch nicht wie Schröder »zu dem Gaddafi ins Zelt gekrabbelt«. Seine Stirn verknittert, er verzieht den Mund, wenn er über diese aktuellen Dinge redet. Sie sind ihm eklig geworden, sie sind seiner nicht mehr würdig. Er ist jetzt Zeitgeschichte.

Alles, was Helmut Kohl als Bundeskanzler gemacht hat, war auch einmal Tagespolitik. Aber er hat gewartet. Es müssen nur ein paar Jahre vergehen, dann kann aus dem Ekligen etwas sehr Erhabenes werden. So malt Helmut Kohl weiter am Gemälde seiner Bonner Republik, einem Bild ohne störende Flecken, ohne Löcher in Rentenkassen und ohne Spendenaffären. Es verschwimmt alles im Rückblick, so wie der Schriftzug, drüben, am anderen Ufer der Spree. MARKUS FELDENKIRCHEN

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