Der erste Jahrestag "Was machst du am 11. September?"
New York - Offiziell ist der 11. September kein Feiertag. Doch in New York wird es alles andere als alltäglich zugehen. Bereits vor einem Monat hat Bürgermeister Michael Bloomberg einen stadtweiten Tag des Gedenkens angekündigt. Frühmorgens werden Dudelsackspieler aus allen fünf Stadtteilen im Sternmarsch auf den "Ground Zero" vorrücken. In der anschließenden mehrstündigen Zeremonie werden alle Namen der Gestorbenen verlesen.
Dazu kommen zahllose private Gedenkfeiern. Unternehmen überlegen, ihren Mitarbeitern frei zu geben. Viele Mitarbeiter planen, so oder so frei zu nehmen. Selbst die Börse (NYSE) wird erst um 11 Uhr öffnen. Die Tourismus-Organisation NYC and Co. befürchtet bereits das Schlimmste: In einem Brief bat sie 1400 Theater, Restaurants und Geschäfte, nicht zu schließen.
Wie eine herannahende Wolke hängt das Datum über der Stadt. Buchläden quellen vor Erinnerungstiteln über: 150 neue Bücher, von Fotobänden bis hin zu Hintergrundberichten, liegen aus - meist unübersehbar am Eingang.
Je näher der Jahrestag rückt, desto häufiger kommt in New York die Frage auf: Was machst du am 11. September? "Alle meine Bekannten fragen mich", sagt Martha Rhodes, eine Dichterin aus Tribeca. Eine Freundin hat sie gebeten, ein Gedicht bei ihrer Vernissage vorzutragen. Rhodes hat Nein gesagt. "Vielleicht gehe ich da kurz vorbei, es ist gleich um die Ecke. Aber eigentlich will ich mit meinem Mann allein sein."
Viele New Yorker äußern den Wunsch nach Privatsphäre. Zu Hause bleiben oder Freunde treffen sind die häufigsten Antworten. Lenny Frasco, ein Elektriker, will mit seinem Segelflugzeug in die Luft - so weit weg wie möglich vom "Ground Zero". Der Rentner Hector Collazo will einfach nur eine Kerze anzünden und beten.
Viele derjenigen, die zu Hause bleiben, werden das tun, was sie auch vor einem Jahr gemacht haben: Fernseh gucken. Den ganzen Tag über sind Sondersendungen geplant, darunter Live-Übertragungen von der Zeremonie am "Ground Zero" und Interviews mit Augenzeugen.
Um die 9-11-Stars ist ein heftiger Medienkrieg entbrannt: Wer kriegt New Yorks damaligen Bürgermeister Rudolph Giuliani? Wer bekommt den Präsidenten der Investmentbank Cantor Fitzgerald, die bei den Anschlägen 658 Mitarbeiter verlor?
CBS hat bereits den Hauptpreis gewonnen - ein Exklusiv-Interview mit Präsident George W. Bush. Talkshow-Moderator Larry King wird auf CNN einmal mehr Lisa Beamer begrüßen, die Witwe des "Helden von Pennsylvania", Todd Beamer, der angeblich United-Airlines-Flug 93 über einem Feld zum Absturz gebracht hat.
Während der 9-11-Specials wird es wahrscheinlich keine Werbung geben. Stattdessen kehren die patriotischen "Erinnerungsspots" zurück, die viele Unternehmen in der Zeit nach der Attacke geschaltet hatten.
In einem Muster-Spot, den der "Ad Council" anbietet, sagen Amerikaner aller Rassen, Schichten und Gegenden: "Ich bin ein Amerikaner." In einem anderen Spot wird ein Vorort in New Jersey gezeigt. Eine bedeutungsschwere Stimme aus dem Off sagt: "Am 11. September haben Terroristen versucht, unser Leben für immer zu verändern." Die Häuser werden ausgeblendet, der Bildschirm wird kurz schwarz. "Sie hatten Erfolg." Das Bild kommt zurück - und vor jedem Haus weht die amerikanische Flagge.
Der Gedenkmarathon beschränkt sich nicht auf New York. Hunderte von amerikanischen Städten planen Mahnwachen, Konzerte und Reden. Präsident Bush wird an allen drei Angriffsorten (Pentagon, "Ground Zero" und Shanksville/Pennsylvania) reden.
Zwei Hobbypiloten aus dem Bundesstaat Washington haben zum "Flight across America" aufgerufen. Mit einer zweisitzigen Cessna sind sie auf einer einmonatigen Tour durchs Land. Sie sammeln Flaggen in allen 50 Bundesstaaten ein, die sie am 8. September in einer Sonderzeremonie am "Ground Zero" Bürgermeister Bloomberg übergeben wollen. Ein Formationsflug mit anderen Piloten über den Hudson River ist ebenfalls geplant.
Auch der Wahlkampf für die Kongress- und Kommunalwahlen im November wird am 11. September voraussichtlich ruhen. Die meisten Kandidaten scheuen davor zurück, ihre Opponenten an diesem Tag anzugreifen. Selbst mit patriotischen Gefühlsausbrüchen werden sich beide Parteien wohl zurückhalten - das könnte schließlich als billiger Opportunismus interpretiert werden.
Nur der New Yorker Gouverneur George Pataki wagt sich vor: Er will noch einmal an seine Rolle nach dem 11. September erinnern und wird einen entsprechenden Spot senden. Natürlich nicht, ohne ihn vorher ausführlich vor Opferangehörigen auf eventuelle Geschmacksverirrungen zu testen.