BODYBUILDING Der Extremist
Da stand Ralf Reichenbach wieder mal im Licht der Scheinwerfer, hatte seine überbreiten Schultern in ein schickes Hemd gesteckt und log sich und der Welt die Hucke voll. In den vergangenen 20 Jahren hatte er so oft die Legalisierung von Anabolika im Sport gefordert und die Gefahren geleugnet, daß er am Ende selbst glaubte, die Chemikalien seien nicht gefährlicher als ein Glas Wein zum Essen.
Aber zwei Monate und 16 Tage nach seinem Auftritt im Deutschen Sport Fernsehen mußte der neunfache Deutsche Meister im Kugelstoßen und bekennende Anabolika-Konsument einsehen, daß seine Leibesübungen ihn nicht gesund gemacht hatten. Im Alter von nur 47 Jahren starb Ralf Reichenbach den typischen Dopingtod, er erlag einem Herzinfarkt.
Mit Reichenbach verloren die deutschen Anabolika-Schlucker einen ihrer prominentesten Lobbyisten, der immer dann vor die Kameras trat, wenn eine angeblich ignorante Öffentlichkeit sie beschuldigte, Selbstmörder auf Raten zu sein. Bis zu seinem Tod war der zwei Meter große, solarienbraune Reichenbach der Riese, auf dem der Glaube der deutschen Anaboliker an ihre Unverletzlichkeit ruhte. Schließlich hatte Reichenbach schon 1973 zugegeben, daß er dopte, und er lebte immer noch.
Nach seinem Tod verklärten ihn seine Kumpel in der »Sportschule Reichenbach« aus Selbstschutz zum Heiligen, »der eigentlich kaum etwas genommen hat«, und redeten sich ein, der Infarkt sei das Resultat einer Allerwelts-Virusinfektion, die »Kissing-Disease« genannt wird, weil sie vor allem Teenager beim Knutschen kriegen.
Der Heidelberger Dopingexperte Professor Werner Franke hält diese Erklärung für Unfug. Franke traf Reichenbach kurz vor dessen Tod, und der Ex-Sportler, der seinen Körper pedantisch überwachte und von Medizinern testen ließ, hatte keinen einzigen Beweis für die Existenz des Virus. Alles was er hatte, war der Satz: »Das muß das Virus sein.«
Am Ende seines Lebens gab sich Reichenbach längst nicht mehr mit den 20 Milligramm Anabolika pro Tag zufrieden, die er als Kugelstoßer geschluckt hatte. Kurz vor seinem Tod konsumierte der Bodybuilder Reichenbach das 40fache der früheren Dosierungen. Darunter waren auch Wachstumshormone, der letzte Schrei unter den Hormonschluckern. Reichenbach lagerte sie in seiner Wohnung im Kühlschrank.
Der Dopingexperte Franke weiß, daß Ärzte Reichenbach bei der Beschaffung der illegalen Präparate geholfen haben. Der Professor informierte nach dem Tod Reichenbachs die Staatsanwaltschaft in Berlin. Aber das Interesse des zuständigen Oberstaatsanwalts, dem Tip nachzugehen, war nicht groß. Er sagte dem Dopingfahnder: »Die Arbeit mit der Anzeige brauchen Sie sich erst gar nicht zu machen.« Bis heute ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten zerstörte Ralf Reichenbach seinen Körper mit großem Fachwissen. Er tat das, weil er nicht nur klug, charmant und spendabel war, sondern vor allem ehrgeizig und ein schlechter Verlierer. Es war egal, ob er Karten spielte, Fußball oder Jo-Jo, Reichenbach wollte immer der Beste sein oder zumindest die Chance haben, der Beste zu werden.
Am liebsten wäre der Kugelstoßer Reichenbach pro Jahr nur zu einem Wettkampf angetreten, hätte einen Stoß getan, einen neuen Rekord aufgestellt und wäre dann wieder in sein immerwährendes Trainingslager zurückgekehrt, wo er begeistert Leistungsdiagramme malte, Trainingspläne aufstellte und darüber grübelte, wie er seine Leistung bis zum nächsten Wettkampf optimal steigern könne. Sollte er mit 87,5 Prozent seiner maximalen Leistung trainieren oder doch mit 87,75 Prozent?
Anabolika entdeckte Reichenbach gleich zu Beginn seiner Kugelstoßer-Karriere. Sie gehörten zum inoffiziellen Teil der Trainingslehre, der unter Duschen und in Umkleideräumen weitergegeben wurde. Für Reichenbach waren Anabolika eine Offenbarung. In den ersten Jahren kämpfte er nicht nur gegen die anderen Kugelstoßer, er kämpfte vor allem gegen seinen Körper, der sich nur widerwillig von 100 Kilo auf das Wettkampfgewicht von 140 Kilo mästen ließ. Legte Reichenbach mal ein trainingsfreies Wochenende ein, schmolzen ihm von Sonnabend bis Montag zwölf Kilo weg. Die Anabolika machten Schluß damit. In der gesamten Winterpause 1980 verlor er nur zwölf Kilo und verkündete stolz: »Ich habe meinen Körper umgepolt.«
Sein Anabolika-Konsum hatte noch einen zweiten Grund: Reichenbach hatte zwar viel Kraft, war aber zu Beginn seiner Karriere ein schlechter Techniker. Selbst nach seinem ersten Meistertitel mußte er sich noch anhören, daß er »wenig Bewegungstalent« habe, weil die Kugel zu oft wirr aus der Schulter flog statt vom Kinn weg. Gegen seine schlechte Technik half noch mehr Kraft. Und die meiste Kraft spenden Anabolika.
Das Hausmittel der westdeutschen Doper hieß Dianabol. Es war eines der stärksten Präparate weltweit. Mit vier Tabletten pro Tag wuchsen dem Sportler pro Woche bis zu zwei Kilo neue Muskeln. Dummerweise wird im Körper ein Teil des Wirkstoffes Methandrostenolon in Östrogen umgebaut, ein weibliches Hormon, das Männerkörper aufschwemmt und Reichenbach in eine pralle Bockwurst verwandelte. Sein erstes Dianabol besorgte
* Bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Rom.
sich Reichenbach mit Mengenrabatt bei einem befreundeten Apotheker, zog sich dann mit seinen Plänen, Diagrammen und Blöcken in sein Trainingslager zurück und experimentierte mit seinem Körper.
Besonders schätzte Reichenbach, wie alle leistungsbesessenen Athleten, den Freiburger Professor Armin Klümper, »weil der sich in Grenzbereichen auskennt, in die sich kaum einer vorwagt«, wie Reichenbach vor zwei Jahren dem SPIEGEL vorschwärmte. Durch Klümper sah er sich bestätigt in seiner Klempnermentalität: Man muß nur lange genug am Körper herumschrauben, dann klappt das schon.
Mit Cocktails und Dianabol mästete Reichenbach seinen Körper von 100 auf 154 Kilo. Unter dem Gewicht gaben die Knorpel in seinen Knien nach, die Bandscheiben machten nicht mehr mit, beim Gehen waren sich die Oberschenkel im Weg, und wenn er vor dem Wettkampf in den Spiegel sah, stand dort Dr. Frankensteins Monster in kurzer Hose und mit dem Bundesadler auf der Brust.
Aber Reichenbach war glücklich. 1971 durchbrach er zum erstenmal die 19-Meter-Mauer, die hoffnungsvolle Kugelstoß-Talente von wahren Meistern trennte und die Gelegenheits- von den Profidopern. 1972 wurde Reichenbach Deutscher Meister und wiederholte das in den nächsten neun Jahren noch achtmal.
Sein bestes Jahr hatte er 1980. Reichenbach blieb die gesamte Saison ungeschlagen und erhöhte seinen persönlichen und den bundesdeutschen Rekord auf 21,51 Meter, der bis zur Wiedervereinigung nicht gebrochen wurde; schließlich war er nur noch 65 Zentimeter vom Weltrekord entfernt.
Seine Siegesserie endete erst nach zehn Jahren. 1982 war er nicht mehr in der Lage, seinen Körper auf das Wettkampfgewicht von 140 Kilo hochzumästen. Monatelang stopfte Reichenbach Steaks, Eiweißpräparate und Anabolika in sich hinein, wog aber nie mehr als 127 Kilo, brauchte nach einem Trainingstag zwei Tage zum Ausruhen und stieß die Kugel nur 17,69 Meter weit.
Medizinische Tests ergeben, daß Reichenbachs Nebennieren nicht mehr genug Hydrocortison und Aldosteron produzieren, Hormone, die den Zucker-, Salz- und Wasserstoffwechsel im Körper regulieren und deren Fehlen zu den klassischen Symptomen eines anabolikageschädigten Körpers gehört. Ein Jahr lang schraubt Reichenbach noch an sich herum, nach einer zweiten mißlungenen Saison beendet er frustriert seine Karriere als Weltklasse-Kugelstoßer.
Andere resignieren an diesem Punkt, sie machen Reisebüros auf oder werden Steuerberater und joggen abends mit dem Hund durch den Park. Aber Reichenbach hatte nicht gelernt zu resignieren. Er er-
* Im August 1994 in der Vox-Sendung »Wahre Liebe« mit Lilo Wanders.
kennt zwar, daß sein Verhältnis zu seinem Körper zwanghaft ist, er ist aber nicht in der Lage, es zu ändern. Nachdem sein Körper sich oberflächlich erholt hat, macht er ein Fitneß-Studio auf und wird Bodybuilder.
Öffentlich behauptet er, daß er keine Anabolika mehr nehme. Tatsächlich schluckt er weiter Dianabol, und um nicht als aufgeschwemmte Wurst durch die Gegend zu laufen, drückt er das Wasser mit den jetzt erhältlichen Anti-Östrogenen Novaldex und Proviron aus dem Körper. Kombiniert mit sechs Stunden Training pro Tag, reduziert er so seinen Körper auf 130 Kilo Knochen, Sehnen und Muskeln. An einem Bodybuilding-Wettkampf nimmt er nie teil, weil er seinen überhöhten eigenen Ansprüchen selbst 1994 nicht genügt, als er seinen Körper in einen anatomischen Atlas verwandelt hat, der jedem Medizinstudenten eine anschauliche Hilfe gewesen wäre.
Daß er seinen Körper vergiftet, will Reichenbach nicht wahrhaben. Als der ehemalige DDR-Hammerwerfer Detlef Gerstenberg Anfang 1993 mit 35 Jahren und einer kaputten Leber und Bauchspeicheldrüse stirbt, redet sich Reichenbach ein, Gerstenbachs Trinkerei hätte ihn umgebracht. Die Risiken von Oral-Turinabol, dem Hausmittel der ostdeutschen Doper, von dem Gerstenberg 2720 Milligramm pro Tag geschluckt hatte, redet Reichenbach wie gewohnt klein. Und auch den Tod des BRD-Hammerwerfers Uwe Beyer, der drei Monate nach Gerstenberg beim Badeurlaub an der türkischen Riviera an einem Herzinfarkt stirbt, akzeptiert Reichenbach nicht als Warnung.
Ihm geht es doch gut. Er sieht klasse aus, macht mit seinen Studios und den Beteiligungen an ein paar Kneipen gutes Geld, fährt ein dickes Coupé von Mercedes und trägt eine Rolex für 60 000 Mark, auf die er sich noch Brillanten für 20 000 Mark montieren läßt, damit die Uhr ein hochkarätiges Einzelstück ist wie er selbst.
Viel Geld ist ihm zuwenig. Reichenbach wollte seinen Körper immer größer, breiter, schöner. Er stemmte wie besessen Gewichte und schluckte Pillen wie verrückt - als müsse er aller Welt beweisen, daß der Mensch über sich hinauswachsen kann, wenn er nur will. Nicht einmal die Polizei konnte Reichenbach aufhalten. Wenn die Beamten mal einen Tip bekamen, daß er in seiner Wohnung illegal Anabolika lagerte, waren sie zu blöd, sie zu finden.
Reichenbachs Absturz begann vor zwei Jahren, nach einer seiner alljährlichen Pilgerreisen zum Mekka der Bodybuilder, nach Venice Beach in Los Angeles. Während einer medizinischen Untersuchung erfährt er, das sein Herz stark erweitert ist und nur noch schwach wie das eines 80jährigen schlägt.
Es pumpt mit jedem Schlag gerade noch 26 Prozent des Blutes, das gesunde Herzen transportieren. Auch das ist ein klassisches Resultat übermäßigen Anabolika-Konsums, aber Reichenbach verdrängt es. Er verrennt sich in die Idee, eine Virusinfektion sei verantwortlich für den Zustand seines Herzens.
Von Ärzten hat Reichenbach erfahren, daß es keine Aussicht gebe, die Leistung seines Herzens zu steigern. Auch das will er nicht akzeptieren. Er trainiert weiter zwei Stunden pro Tag und sucht verbissen nach einer Lösung seines Problems: Italienische Forschungsergebnisse legen seit kurzem eine makabre Doppelfunktion synthetischer Wachstumshormone nahe. Sie sorgen nicht nur für stärkeres Muskelwachstum, sie können unter bestimmten Bedingungen das Herz stärken.
Reichenbach besorgt sich die Hormone und schafft es, die Leistung seines Herzens von 26 auf 30 Prozent zu steigern, was Ärzte für beachtlich halten. Aber der Therapieversuch kommt zu spät.
Wie Reichenbach es gewollt hatte, wurde sein großer, breiter, perfekter Körper verbrannt.
* Bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Rom.* Im August 1994 in der Vox-Sendung »Wahre Liebe« mit LiloWanders.