Der Fall Brooke Astor: Wenn die High Society hilfsbedürftig wird - DER SPIEGEL
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Der Fall Brooke Astor Wenn die High Society hilfsbedürftig wird

Brooke Astor ist 104 Jahre alt, eine der reichsten und honorigsten Ladys von New York. Doch jetzt benötigt sie Pflege - und ist deshalb zum Fall fürs Gericht geworden: Sohn und Enkel streiten sich um die Vormundschaft. Der Prozess bewegt das Land. Es geht um Liebe, viel Geld und ein Sofa.
Von Brenda Strohmaier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Hat die Couch in Brooke Astors Luxusapartment in der Park Avenue nun nach Urin gestunken - oder nicht? Auch um diese Frage geht es dieser Tage in einem New Yorker Gerichtsprozess, der viele Menschen in ganz Amerika und vor allem die New Yorker bewegt. Dort streiten sich zwei selbst nicht mehr ganz junge Erben der Astors, einer der honorigsten und einst reichsten Familien des Landes.

Die Ahnen der Familie waren Ende des 18. Jahrhunderts in die USA eingewandert. Dem Clan gehörte einst der Times Square, die New Yorker verdanken ihm unter anderem die berühmte Public Library - jetzt aber steht die Familienehre auf dem Spiel. Und vor allem der Ruf von Anthony D. Marshall, 82, Sohn der berühmten Brooke Astor.

Er soll seine reiche Mutter vernachlässigt haben - weshalb ihm auch schon vorläufig das Sorgerecht entzogen wurde. In dem Prozess soll die Vormundschaft endgültig geklärt werden. Die Vorwürfe gegen Marshall senior kommen ausgerechnet von seinem eigenen Sohn Philip, 53, also dem Enkel von Brooke Astor.

Philip hatte Ende Juli Klage gegen seinen Vater eingereicht und damit alle seine Vorwürfe in die Öffentlichkeit getragen. Marshall Senior soll sich selbst pro Jahr 2,3 Millionen Dollar für die Pflege seiner Mutter ausgezahlt haben. Trotzdem knauserte er an Personal und Medikamenten, steht in der Anklageschrift. Er habe "die Bedürfnisse Brooke Astors absichtlich ignoriert und wiederholt ihre Sicherheit und Gesundheit leichtfertig gefährdet". Astor habe tagelang in zerschlissenen Nachthemden auf der eingangs erwähnten Couch liegen müssen.

Intime Einblicke in die Welt der Superreichen

Anthony D. Marshall will die Anschuldigungen nicht auf sich sitzen lassen. Sie passen so gar nicht zur Biografie des einzigen Kindes von Brooke Astor: Der Sohn, der aus ihrer ersten Ehe mit einem Senator stammt, stand lange Jahre im Dienste des Staates, war Soldat im Zweiten Weltkrieg, Botschafter in Kenia und auf den Seychellen, arbeitete bei der CIA. Schließlich machte er sich als Musical-Produzent einen Namen. In seiner Replik schreibt er, die Vorwürfe seien "hasserfüllte Anschuldigungen" eines "verärgerten, missmutigen Sohnes". Nichts sei wahr - und die vermeintlich verdreckte Couch "in Wirklichkeit sehr schön", gut gepolstert, keinesfalls schmutzig. Die Verteidigung legte außerdem Bilder von adretten Nachthemden vor. Solch intime Einblicke in das Leben der Superreichen bekommt die Öffentlichkeit nur selten.

Dass eine so einflussreiche Frau wie Brooke Astor qua Alter ihrer Familie ausgeliefert ist, rührt an die Ängste vieler Menschen. Der Anwalt des Enkels wurde kürzlich sogar im Senat angehört, als die Vernachlässigung alter Menschen diskutiert wurde. "Das ist kein Einzelfall", sagte er, "ich glaube, die Aufregung, die dieser Fall erregt, ist voll berechtigt."

Offen ist, was Brooke Astor von dem ganzen Konflikt mitbekommt. Details über ihren Gesundheitszustand sollen in dem Prozess nicht zur Sprache kommen, um die Privatsphäre zu schützen. Im Juli war sie kurz im Krankenhaus, derzeit weilt sie auf ihrem Anwesen in der Nähe von New York.

"Geld ist wie Dünger, man muss es verteilen"

Zeitungsberichten zufolge leidet die 104-Jährige unter Alzheimer. Ihr vorläufiger Vormund ist Annette de la Renta, die Frau des Modedesigners Oscar de la Renta. Diese ließ über einen Sprecher verkünden, dass es der alten Dame gut geht: "Sie kann mit Hilfestellung ein bisschen gehen." Damit Astor eine statusgemäße Betreuung bekommt, setzten sich ihre einflussreichen New Yorker Freunde für sie ein, unter anderem Ex-Außenminister Henry Kissinger und David Rockefeller, der Enkel der Industriellen-Legende John D. Rockefeller.

In solchen höheren Kreisen bewegte sich die Grande Dame, seit sie 1953 in dritter Ehe in den Astor-Clan einheiratete. Sie avancierte schnell zum bekanntesten Familienmitglied, nachdem ihr Mann im Jahr 1959 starb. Es folgten vier Jahrzehnte voller glamouröser Auftritte, bei denen sie bevorzugt weiße Handschuhe, Perlen und riesige Hüte trug.

Sie wurde Teil der amerikanischen Charity-Gesellschaft, in der es zum guten Ton gehört, reichlich Geld zu spenden. Ob bedürftige Mütter, Kinder, Behinderte oder Kultureinrichtungen - Astor half, solange es sich um New Yorker Projekte handelte. 1998 verlieh ihr der damalige Präsident Bill Clinton die "Presidential Medal of Freedom" für ihr Lebenswerk. Er beschrieb ihre Lebenseinstellung so: "Wenn du Geld hast für drei Mahlzeiten am Tag und du gerade Zeit hast, musst du etwas für andere tun." Astor selbst hatte das einst schlichter ausgedrückt: "Geld ist wie Dünger, man muss es verteilen."

Das Familienleben hat über all die Jahre gelitten

Astors inzwischen legendäre Sprüche sind derzeit wieder überall zu lesen, wie schon zu ihrem 100. Geburtstag. So soll sie noch als über 90-Jährige einen Taschenräuber mit den Worten in die Flucht geschlagen haben: "Entschuldigen Sie, wir wurden uns gar nicht vorgestellt."

Nicht nur die glanzvollen Seiten von Astors Leben werden ausgiebig beleuchtet. In einigen Artikeln ist auch die Rede von zerrütteten Familienverhältnissen: Das "New York Magazine" schreibt, dass Brooke Astor sich selbst als "lausige Mutter" bezeichnet hat. Ihr Sohn Anthony wiederum soll ein nicht wirklich inniges Verhältnis zu seinem eigenen Sohn Philip haben - wie auch sonst ließe sich die Klage des Juniors erklären? So reichlich Geld vorhanden war, so sehr haperte (und hapert) es offensichtlich mit Liebe und Fürsorglichkeit in der Familie. Auch darum geht es in dem Prozess.

Und die Schlacht ums Erbe ist bereits in vollem Gange, noch bevor die Greisin gestorben ist. Das Testament der alten Dame sei ab Ende 2003 ständig geändert worden, berichtet die "New York Times" heute. Mehrere Millionen Dollar seien so bei Sohn Anthony Marshall gelandet, und die handschriftlich unterzeichneten Dokumente machten ihn zum alleinigen Vermögensverwalter. Astors Betreuer zweifeln nun an der Echtheit des Letzten Willens. Entweder, zitiert die Zeitung die Vorwürfe, sei die Unterschrift gefälscht oder Brooke Astor sei genötigt worden zu unterschreiben. Ihr Vermögen wird auf bis zu 200 Millionen Dollar geschätzt - vom guten Ruf der Familie dürfte, wenn dieses Geld erst mal verteilt ist, nicht allzu viel übrig bleiben.