Der Fränkli-Schwur - DER SPIEGEL
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Der Fränkli-Schwur

Ortstermin: Am 1. August feiert in Berlin nicht nur die Schweiz ihren Geburtstag.
• aus DER SPIEGEL 32/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Um 19.55 Uhr setzt sich in der Tapas-Bar nahe dem Berliner Savignyplatz eine junge, auffallend schwarzhaarige Frau an einen vorbestellten Tisch, lässt Meeresfrüchte und Rioja im Wert von 600 Euro kommen und ist entschlossen, an diesem Donnerstagabend das vergangene Jahr zu feiern.

»Auf dein Wohl, Djamila«, sagen ihre Gäste.

Die Jürgenlanke, am anderen Ende der Stadt, ist eine Ausbuchtung der Havel, an deren Ufer sommerabends die Berliner tief in ihren Campingstühlen sitzen, den Blick über den Wassern ruhen lassen und Schultheiss schwitzen. Eigentlich jeden Abend. Außer an diesem, dem 1. August, dem Jahrestag des Rüetli-Schwures. Dem Geburtstag der Schweiz.

Dann riecht es hier nach Raclette und Kümmeljus, dann surren die Limousinen des Fahrdienstes, dann feiert die Schweiz ihren Nationalfeiertag, und irgendwo zwischen Walliser Kalbszwiebelfleisch und Berner Röschti muss auch Dr. jur. Markus Lutterotti (verh., 4 Kinder) herumstehen, aber welcher Berliner kennt schon den Botschafter von Österreich? Geschweige seine Frau?

Die Schweiz macht es anders. 1400 geladene Gäste. Zigarren. Die Blüte des diplomatischen Corps, Minister, Starlets, Vorstände und Udo Walz. So hatte es der bisherige Botschafter jedenfalls noch geplant, und so sollte es auch werden. Glamour statt Heidiland. Und Shawne.

Shawne ... Vor zwei Jahren stand sie hier im kleinen Roten und sang die Bundeshymne. Heute steht auf der Bühne ein Kantonsvorstand und erzählt von Kilowattstunden und sonstigen Sehenswürdigkeiten des Wallis. Der neu ernannte Botschafter heißt Dr. Werner Baumann und steht nicht in Gefahr, den Orden wider den tierischen Ernst angeheftet zu bekommen. Die geladenen Reisebürokauffrauen und Handwerkskammer-Vorstände schieben sich durcheinander und suchen nach dem Anderen: dem Glanz, dem Ruhm, den Gesichtern aus dem Fernsehen.

Vergeblich. Da ist nichts. Alle haben abgesagt, ohne Angabe von Ausreden: der Bundespräsident, der Kanzler, die Minister. Sind einfach nicht gekommen. Aus der Bundespolitik nur eine ehemalige Vorsitzende der CDU-Frauenunion. Kein Senator, keiner aus der Hitparade, keine Miss Texas. »Die feiert irgendwo anders«, sagt ein Gesellschaftsreporter der »Berliner Zeitung«. »Das erklärt die Abwesenheit der Friseure«, und packt seinen Block wieder ein. »Tschüs«.

So ist es ein ganz schönes Sommerfest, ohne Schminke und Grimassieren und Verrenkungen.

»Irgendäswiä steit alles Chopf, und ich ha sus nit värstäh«, singt Sina, die »Rockröhre aus dem Wallis«, und dann kündigt eine formvollendete Schweiznigerianerin - »Ja, wir reisen auch«, kommentiert der Herr von der Botschaft - den Höhepunkt des Abends an: »Das Feuerwerk!«

Pachelbels »Kanon«, Dire Straits und bengalisches Leuchten. Es knallt entsetzlich über der Havel. Als sollten die Geister vertrieben werden und mit ihnen das ganze annus horribilis seit dem letzten Nationalfeiertag, jenes Jahr, in dem der Gotthard-Tunnel brannte, die Swissair zu Boden ging, in dem Fluglotsen ihre Teepause machten und der diplomatische Vertreter der Helvetischen Konföderation in Berlin seiner Botschaft verwiesen wurde, wegen putativer Triebhaftigkeit.

Gegen Mitternacht sitzt in der Tapas-Bar am Savignyplatz immer noch eine junge, auffallend schwarzhaarige Frau, die inzwischen allerdings nicht mehr so jung sei, sondern, wie sie sagt, seit heute »schon 35 Jahre alt«. Sie sitzt zwischen einem blondgegelten Immobilienhändler und einem Leibwächter und sieht aus wie eine Parfümverkäuferin, die einen Abend in Las Vegas gewonnen hat.

Vor ihr steht eine Tüte, wie man sie in den Geschenkverpackungsabteilungen am Ku'damm bekommt. Sie zeigt Liebesbriefe herum, die sie bekommen hat, danach. Als ihr Bild in allen Zeitungen war. Neben dem des bisherigen Schweizer Botschafters.

Die junge Frau ist überrascht zu erfahren, dass auch die Schweiz heute Geburtstag feiere - »das muss Zufall sein« -, bedauert, nicht zum Sommerfest an der Havel eingeladen worden zu sein und möchte im Übrigen über ihre sonstigen Beziehungen zu den Bürgern dieses schönen Landes kein Wort sagen, das ist quasi ihr Rüetli-Schwur, weil sich sonst das neue Appartement im Sony-Center und die Meeresfrüchte und die S-Klassen-Limousine da vorn mit der Champagnerflasche auf dem Rücksitz und überhaupt alles, was ein nun nicht mehr ganz so junges Mädchen aus Ost-Berlin mit Bordmitteln erreichen kann, in Luft auflöst.

Happy birthday, Djamila Rowe.

ALEXANDER SMOLTCZYK

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