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Der Geisterfahrer

Ortstermin: In den Bus statt auf die Barrikaden - der Bund der Steuerzahler macht in Berlin mobil gegen Schröder.
• aus DER SPIEGEL 4/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Schnee von Berlin taut, und Karl Heinz Däkes braune Wildlederschuhe sinken in den Matsch. Er steht an einer Bushaltestelle vor dem Deutschen Dom am Gendarmenmarkt und wartet. Er hat einen grünen Hut auf dem Kopf, weil es zugig ist auf dem Platz, er guckt auf die Uhr, es ist Viertel vor zehn. »Na, da bin ich aber mal gespannt, wie viele Leute noch kommen«, sagt er.

Hinter Karl Heinz Däke parkt ein zweistöckiger Omnibus, am Steuer sitzt der Fahrer, er heißt Eckart Mann und raucht Zigaretten. »Ick fahr och alleene, wenn't sein muss«, sagt Herr Mann und bläst Rauch aus der offenen Fahrertür.

Sein Bus ist gerade neu beklebt worden, mit gelber Schrift auf rotem Grund. »Mir reicht's - die Steuer-Protestlinie«, steht auf dem Bus. Für die nächsten vier Wochen hat Karl Heinz Däke beide gemietet, den Bus und den Fahrer. Däke ist Präsident vom Bund der Steuerzahler, sein Bus soll sechsmal am Tag durch Berlin fahren und gegen die Steuer- und Abgabenerhöhung der Bundesregierung protestieren. Die Tour dauert eine Dreiviertelstunde, Herr Mann fährt einen Parcours zwischen den wichtigsten Regierungsgebäuden ab. Sein Bus ist beheizt. Jeder Bürger darf mitfahren. Alles ist umsonst. Man kann sich auch fortbilden. Unterwegs will Däke erklären, wo überall Steuern verschwendet werden.

Es ist jetzt zehn vor zehn. Um zehn geht die erste Tour. Bis jetzt ist ein Kamerateam vom NDR da. Ein Ehepaar läuft über den Gendarmenmarkt, es guckt auf Däkes Bus. Däke lächelt dem Ehepaar entgegen, er lächelt wie ein Staubsaugervertreter. Das Ehepaar läuft weiter.

»Wahrscheinlich müssen die meisten Leute um diese Zeit arbeiten«, sagt Däke. Er guckt auf seine Wildlederschuhe. »Tja, was machen wir?«

Ein Journalist fragt, ob man nicht irgendwo irgendwelche Leute einladen könne, weil ein Protestbus ohne Passagiere nicht so gut für die Atmosphäre sei. »Nee, das geht nicht«, sagt Däke.

Die Kirchturmuhr schlägt zehn. Herr Mann startet den Motor. »Hilft ja nix«, sagt Däke und steigt ein. Das Kamerateam vom NDR fährt auch mit.

Däke sitzt neben Herrn Mann hinter der Windschutzscheibe, er hat ein Manuskript vor sich, das er den Leuten unterwegs vorlesen wollte. Däke sagt: »Ich tu jetzt einfach mal so, als wäre es voll.«

Er sieht etwas traurig aus.

Däke und sein Steuerzahlerbund haben es immer nur gut gemeint mit den Bürgern. Sie spüren seit Jahren der Verschwendung von Steuergeldern hinterher, sie haben auch schon einiges aufgedeckt, dass sich beispielsweise die Berliner Stadtreinigung ein eigenes Orchester leistet oder dass in Ingolstadt eine Toilettenanlage für 600 000 Mark gebaut werden sollte.

Es war ein einsamer Feldzug für den geschröpften Steuerzahler gewesen, aber irgendwann im vergangenen Herbst hat Karl Heinz Däke gespürt, dass jetzt der Wind von hinten kommt. Es gab den Steuersong in der Hitparade. Es gab die Aktion »letztes Hemd«, bei der die Bürger haufenweise Hemden ins Bundeskanzleramt schickten. Es gab den Aufruf von Arnulf Baring in der »Frankfurter Allgemeinen": »Bürger, auf die Barrikaden!«

Däke hat 20 000 Euro für seinen Bus ausgegeben. Er hat errechnet, dass die neuen Gesetze den Bürger 26 Milliarden Euro zusätzlich an Steuern und Abgaben kosten werden. Er hatte geglaubt, dass die Deutschen wieder reif sind, um auf die Straße zu gehen.

Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Vielleicht gehen die Deutschen doch lieber ins Büro als auf die Barrikaden.

Der Bus ist ein paar hundert Meter gefahren. In Däkes Manuskript steht: »Meine Damen und Herren, wir freuen uns sehr, dass sie an dieser Aktion teilnehmen und sie damit unterstützen.« Däke dreht den Kopf nach hinten, wo der NDR arbeitet. »Ich mach einfach weiter, ja?«

»Jo.«

Däke sagt, dass der Bus gleich vor dem Kanzleramt wenden wird, dass er sechsmal am Tag vor dem Kanzleramt wenden wird, vier Wochen lang, und dass der Kanzler vielleicht irgendwann rausguckt und dann zur Besinnung kommt.

Eckart Mann wendet vor dem Kanzleramt. Niemand guckt raus. Der Kanzler ist nicht da. Er ist gerade bei der Bundespressekonferenz und sagt, dass alles nicht so schlimm sei, wie es in den Zeitungen stehe. Der Kanzler verbreitet wieder gute Laune. Vielleicht ist Karl Heinz Däke einfach nur zu spät.

Neben dem Fahrer liegt ein großer Stapel Postkarten, auf denen steht: »Mir reicht's.« Däke sagt: »Ja, meine Damen und Herren, und wenn es Ihnen auch reicht, können Sie die Postkarten ausfüllen und beim Fahrer abgeben.«

Der Fahrer fährt an den Landesvertretungen vorbei, am Bundesrat und am Finanzministerium. Hinter dem Finanzministerium sagt er: »Ach du Scheiße.« Vorn sieht man Blaulicht und einen Stau. Die Gewerkschaft Ver.di hat die Straße blockiert. Im Bus bläst die Heizung, und draußen gibt es eine richtige Demonstration. »So viele sind das aber auch nicht«, sagt Däke.

Um Viertel vor elf ist der Bus wieder am Gendarmenmarkt. »Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit«, sagt Däke durch das Mikrofon. Herr Mann öffnet die Fahrertür und lässt frische Luft herein. Sein Bus verbraucht 40 Liter Diesel auf 100 Kilometer. »Ob voll oder leer, janz ejal«, sagt er. Karl Heinz Däke steht draußen im Matsch und raucht einen Zigarillo.

Um elf geht die nächste Tour.

MATTHIAS GEYER

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