Der Krieg der Mädchen - DER SPIEGEL
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NAHOST Der Krieg der Mädchen

Rachel Lewi war 17 und Israelin. Ajat al-Achras war 18 und Palästinenserin. Sie lebten nicht weit auseinander, haben sich aber nur einmal getroffen - vor einem Supermarkt in Jerusalem. Dann zündete Ajat ihren Sprengstoffgürtel. Von Ullrich Fichtner und Annette Großbongardt
• aus DER SPIEGEL 17/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es sind Hubschrauber über der Stadt am Vorabend eines neuen Schabbat, durch die Straßen jagen Rettungswagen des Roten Davidsterns mit gleißendem Warnlicht und Sirene. Die Rushhour stockt, das ganze Leben stottert im hügeligen Straßengeflecht zwischen Knesset und Altstadt, hohes Alarmgeheul und viele tiefe Hörner, und jetzt weiß jeder in Jerusalem, was die Stunde geschlagen hat.

Um 16.18 Uhr platzt diesmal die Bombe, es ist der Tag, an dem der Außenminister der USA seine Friedensmission beginnt, kaum hat Colin Powell sein Gespräch mit Ministerpräsident Scharon geführt, als der große, dumpfe Schlag die Jaffa Street erschüttert.

Wie alt ist da der Krieg, den Powell zu einem Ende bringen will? 2 Wochen, seit dem Einmarsch der Israelis in der Westbank? 18 Monate, seit Beginn der zweiten Intifada? 15 Jahre, seit Beginn der ersten? Oder gleich 54, seit der Gründung des Staates Israel?

Nach Kirjat Hajowel im Südwesten Jerusalems kam der Krieg am Karfreitag. Um 13.50 Uhr zündete ein palästinensisches Mädchen im Windfang des »Supersol«-Markts einen Gürtel aus Sprengstoff am eigenen Leib. Die Splitter schlugen fingertiefe Mulden in den Steinboden ringsum, demolierten die senfgelben Deckenpaneele, schwirrten 20 Meter weit nach rechts über die Reihe der neun Kassen hinweg und bohrten sich in Regale mit Süßigkeiten und Glühbirnen.

Mehr als zwei Dutzend Menschen traf es, und zwei lagen tot, in Stücke gerissen der 55-jährige Wachmann Chaim Smadar und Rachel Lewi, 17. Sie war zwei Armlängen entfernt von der Täterin, als es geschah, gut möglich sogar, dass sich ihre Blicke trafen am Ende, denn der Wachmann rief noch »Warte!« oder »Halt!«, was Rachel Lewi auf sich hat beziehen können, so dass sie sich vielleicht umwandte, als hinter ihr Ajat al-Achras Selbstmord und einen Doppelmord beging. Ein Mädchen auch sie, 18 Jahre alt, aus dem Ghetto Daheische in Betlehem, Westjordanland, Palästina.

Es gibt Augenzeugen, die sagen, sie hätten die beiden dort, vor dem Supermarkt, für Schwestern gehalten. Es gibt Bilder von beiden, die ihre Ähnlichkeit bezeugen. Es gibt eine Rede des US-Präsidenten, der sagt, wenn es so weit komme, dass sich ein 18-jähriges Mädchen in die Luft sprenge und dabei ein 17-jähriges Mädchen töte, »dann stirbt die Zukunft selbst, die Zukunft Palästinas und die Zukunft Israels«.

Aber es gibt auch die Freunde der beiden, die Geschwister und die Mütter. Sie fragen, wie man Rachel und Ajat, Ajat und Rachel überhaupt in einem Atemzug nennen könne. Wie man sie vergleichen könne, das Opfer und die Terroristin - die Zionistin und die Märtyrerin.

Es ist die Woche, in der der US-Außenminister in und um Israel den Frieden sucht, vergangener Dienstag, hinter den Checkpoints der israelischen Armee liegt Betlehem in milchigem Licht wie eine Geisterstadt. Die Hauptstraße vom hoch gelegenen Kontrollpunkt Waladscha hinunter ins Ghetto Daheische liegt verlassen.

Eine halbe Stunde Fahrt von den Schaufenstern im Jerusalemer Zentrum streunen Katzen durch die Dritte Welt, vorbei an rauchenden Müllsäcken und Hausruinen, frisch gerissen von Panzern und Bulldozern der israelischen Armee. Es riecht säuerlich nach verschmortem Plastik, und die Luft schmeckt nach Staub, die Straße ist zerpflügt von Militärgerät.

Zum Haus der Märtyrerin, der Schahida, führen steile Gassen, die Wände sind über und über bemalt mit dem schönen Ornament der arabischen Sprache, »Wir gehen den Weg ins Martyrium«, »Unsere Heimat Palästina«. Poster zeigen junge Männer mit Stirnbändern und großen Gewehren, in ihrer Nähe grüne Vögel als Symbol des Martyriums im Namen Allahs.

Ajat al-Achras ist zu sehen, überall, die Leute von der Fatah-Bewegung haben ihr Lächeln vielfach kopiert auf schwarzweiße A4-Blätter, 10, 15 Stück kleben auf zehn Meter Hauswand. Auf ihnen heißt das Mädchen aus Daheische »Braut Palästinas«; Geschenk Allahs an das Volk, und: Sie habe bewiesen, dass »uns kein zionistischer Checkpoint aufhalten kann«.

In ihrem Geburts- und Elternhaus sitzt eine traurige, wütende Mutter in einem großen U aus Polstermöbeln. Die Stimmung im Haus straft Berichte Lügen, dass hier gefeiert worden sei, als die dunkle Nachricht aus Jerusalem eintraf. Der Vater ist in sich versunken seitdem, er verlässt kaum mehr das Bett, weint oft und kämpft mit viel zu hohem Blutdruck. Der älteste Sohn Samir liegt in einem Krankenhaus zur Beobachtung, weil er den Ärzten gefährlich depressiv vorkommt.

»Gesang? Tanz? Wie könnten wir feiern? Wir haben unsere Tochter verloren«, sagt Umm Samir al-Achras, 48 Jahre alt, die Mutter. Ajat war ihr siebtes Kind von elf. »Sie war schön«, sagt die Mutter, »sie war gut in der Schule, sie war verlobt, beliebt, sie hatte Freunde und war lustig, alle Nachbarn mochten sie.«

Sie spricht schnell, die Übersetzerin haspelt ihre Sätze ins Englische: »Scharon und seine nazistische Regierung haben sie zerstört. Sie zerstören unser Glück. Sie machen unsere Kinder zu Schuhada, zu Märtyrern. Seit wir geboren sind, leiden wir unter Israel.« Eine Tochter bringt Tee, der wie süßer, flüssiger Rosmarin schmeckt.

Am Vorabend der »Operation« saß die Familie beisammen und plante mit Ajat für den großen Tag der Hochzeit im kommenden Juli. Das Mädchen verhielt sich völlig normal. Ihr Verlobter Schadi Abu Laban war da mit seinen Eltern, sie bauten Schlösser aus Luft, lachten viel, und nachdem die Gäste aus dem Haus waren, ging das Mädchen wie immer an die Schularbeiten zurück. Als wäre nichts.

Am Morgen des 29. März verrichtete sie, wie immer, das frühe Gebet, gab danach den Gebetsteppich an die Mutter weiter, um 7.30 Uhr verließ sie das Haus, in der Schule waren Nachholstunden für ausgefallenen Unterricht am sonst freien Freitag angesetzt. Sie traf eine Freundin vor der Haustür, sie gingen gemeinsam den Weg, die Mutter rief ihnen noch nach, ob denn wirklich Schule sei, aber sie war nicht beunruhigt. Ajat war wie immer. Und zum Essen würde sie wieder zu Hause sein.

Abseits des Zentrums ist Jerusalem eine Stadt der Sackgassen. Die Metropole steht auf viele Hügel verteilt, von der Geografie zerlegt in Siedlungen, kleine Viertel, Dörfer, Schlafstädte. In einer davon, im Südwesten, lebte Rachel Lewi, ihre Sackgasse hieß Kadisch Luz, eine kleine Straße hoch droben mit weitem Blick, wo man meint, Betlehem fast sehen zu können.

Vier Monate alt war das Kind, als die Eltern Israel verließen und in die Vereinigten Staaten zogen, Los Angeles, Silicon Valley. Irgendwo dort scheiterte die Ehe acht Jahre später, und Awigail Lewi, die Mutter, entschloss sich 1993 zur Rückkehr mit den Kindern in ihr Heimatland.

Im Gepäck eine kleine Amerikanerin, neun Jahre alt, mit einem Westküstenakzent, die zum ersten Mal in ihrem Leben Männer mit Gewehren sah, auf offener Straße, israelische Soldaten in voller Uniform und mit Waffen beim Bäcker, beim Gemüsehändler, an der Bushaltestelle. Die erste Intifada verebbte gerade, Rachel fürchtete sich.

Sie weigerte sich, Hebräisch zu lernen, das Kind fragte die Mutter, immer auf Englisch, wann sie endlich zurück gingen nach Amerika und warum sie überhaupt hier seien, sie, die Mutter und ihre beiden Brüder, wenn doch Krieg sei, und lange verstand Rachel nicht, wenn Awigail Lewi antwortete: »Weil wir hierher gehören.«

Unscharfe Schnappschüsse dokumentieren Rachel Lewis kurzes Leben. Sie zeigen ein Kind mit Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen, im hellblauen Schlafanzug mit einer Mickymaus auf dem Arm. Sie zeigen einen westlichen Teenager mit langen Haaren, der sich kokett dagegen wehrt, fotografiert zu werden.

Bilder aus Paris und aus London kleben im Album, eine verrutschte Aufnahme aus Madame Tussaud's Wachsfigurenkabinett. Darauf ist Rachel zu sehen, wie sie zwischen den Puppen Jassir Arafats und Saddam Husseins posiert, rechts steht Gaddafi. Ein harmloses Foto, aber die Ereignisse haben es doppelsinnig werden lassen. Die Aufnahme erzählt plötzlich viel über das Leben junger Israelis, über ihre Bedrohungen, ihre Angst, über ihre Jugend in feindlicher Umwelt, sie erzählt von Kindern, die Feinde haben von Geburt an.

Awigail Lewi sitzt auf einer Couch im Apartment 44 ihres Wohnblocks mit weitem Ausblick über zedernbestandene Hügel nach Süden. Es ist der vierte Tag der Friedensmission von Colin Powell, Montag vergangener Woche, der Minister hat Jerusalem für einen Tag verlassen Richtung Damaskus und Beirut, körnige Bilder werden ihn zeigen, wie er die Hände der dortigen Führer schüttelt, Rachels Mutter wird ihm nicht dabei zusehen.

Sie kann die Nachrichten nicht mehr ertragen, die halben Friedensschlüsse und versteckten Kriegserklärungen, sie will wissen, warum ihr die Palästinenser das angetan haben, sie sagt: »Es ist nicht für ihr Land, es ist nicht Politik, es ist der Hass in ihnen. Deshalb bringen sie unsere Kinder um. Sie wollen keinen Frieden.«

Sie kramt nach einem Zettel, es ist eine Englischarbeit ihrer Tochter, eine halbe Seite in links gekippter Kinderschrift, der Lehrer hat »Excellent« darunter geschrieben, die Klasse sollte ihren Traum vom Glück erzählen, und Rachel wünschte sich fort auf eine ferne, einsame Insel »in Thailand«, wo bunte Fische im Meer schwimmen, prächtige Vögel fliegen, sie wünschte sich an einen Ort tiefer Stille, »weitab von allen Menschen«.

In Daheische sind alle halbe Stunde Schüsse zu hören aus automatischen Gewehren, kurze Salven, nicht zu orten, platzende Geräusche wie von großen Knallfröschen, beantwortet von dünnen Echos weiter entfernt. Am späteren Nachmittag, wenn die Langeweile des Ghettos die Kinder und die Halbstarken drückt, fangen sie an, die israelischen Besatzer zu necken, sie laufen in No-Go-Areas, werfen Steine, Flaschen, Eisenschrott. Die Luft ist dann vom Krawall der Warnschüsse voll.

Daheische, der Ort heißt meist »Flüchtlingslager«, aber der Begriff gibt ein falsches Bild wie von Zeltstädten oder Hütten oder Zäunen. Tatsächlich ist der Vorort Betlehems eine gebaute Stadt aus mehrstöckigen Häusern, 12 000 Einwohner eng zusammengerückt an der steilen Flanke eines großen Hügels. Kleine Ramschläden verkaufen kleine Dinge, Kekse, Limonaden, Zahnpasta, zwei, drei Kisten Gemüse je nach Tagesangebot, unreife Tomaten, verwelkte Petersilie. Das ist die ganze Wirtschaft Daheisches. Handel für ein paar Schekel, ansonsten geht nichts; mit dem ganzen Westjordanland rutscht das Viertel Woche für Woche tiefer ab und sieht an einigen Kreuzungen schon aus wie ein Slum.

Für die Palästinenser gibt es keine Arbeit mehr. In diesen Monaten hocken die Männer eingesperrt in ihren Gebieten, in Daheische, sie schämen sich vor ihren eigenen Kindern, wie sie unnütz die Zeit totschlagen und kämpfen am heftigsten nicht gegen die Besatzung, sondern um das bisschen Würde, das ihnen geblieben ist.

An den Abenden der vergangenen Woche ist von Daheische aus der Feuerschein zu sehen vom Kampf um die Geburtskirche drunten im Zentrum von Betlehem. Die großen Schläge stammen aus Panzerkanonen, die auch vom Gebrüll Hunderter Fernseher und Stereoanlagen in den Gassen nicht zu übertönen sind. Die Bewohner von Daheische schlafen ein mit dem Krieg, und sie wachen auf von seinem Lärm. Seit Monaten schon. Die Übersetzerin sagt, nebenhin, »die Schüsse sind unsere Musik geworden«.

In den Kämpfen starben zwei Nachbarn der Familie al-Achras, aber was heißt Kämpfe. Einer, sagen sie, Issa Sakari Faradsch, sei erschossen worden durch das Fenster, als er und seine Tochter mit Lego spielten. Drei Wochen vor dem Selbstmordanschlag Ajats soll das gewesen sein. Sie habe jedenfalls verängstigt in der Tür gestanden, als ihr Bruder Samir den sterbenden Mann aus dem Haus schleifte.

Sie schrie und weinte laut, sie verlor die Fassung, das viele Blut, sagt die Mutter, schockierte sie, sie redete viel von all dem Blut, sie zog sich stumm zurück, niedergeschlagen, die Mutter sagt: »Allah allein weiß, was in ihrem Kopf vorging.« Zu diesem Zeitpunkt muss sie schon gewusst haben, dass sie eine Märtyrerin werden würde, dass eine Bluttat bevorstand.

Sie ging, irgendwann, vielleicht schon vor Monaten, zu Leuten, die jeder kennt in Daheische, nur ein Fremder nicht. Leute von der Fatah, von deren Aksa-Brigaden, ihnen bot sie ihr Leben an für den Kampf um Palästina. Sie muss sich als gelehrig erwiesen haben, diszipliniert, kühl im Fanatismus, präzise im Hass. Ihre Hintermänner beobachteten sie. Sie warteten auf eine Schwäche, auf kindliche Fehler, dann hätten sie die Sache abgeblasen. Aber Ajat bestand, stolz und groß machte sie der Auftrag.

Stolz und groß verliest sie ihr Bekenntnis zu Palästina und Allah ins Auge einer Videokamera. Irgendwann vor der Tat ist es aufgenommen in einem geschmückten Raum, sie lacht nicht mehr, sie hat ein Stirnband um den Kopf und ein Gewehr um die Schultern, sie verurteilt die arabischen Führer wegen ihrer Schwäche, nicht gegen Israel aufzustehen. Von hier ist es nicht mehr weit zum »Supersol«-Markt von Kirjat Hajowel. Von hier geht der Weg in den Tod. Sie bekommt ihren Gürtel am Tag der Tat, jemand hilft ihr beim Anlegen, jemand bringt sie in die Nähe des Tatorts, dann ist sie da. Dann ist der 29. März.

Ihr Zimmer, quadratisch, zweieinhalb mal zweieinhalb Meter, musste sie mit einer Schwester teilen. An der Wand ein Setzkasten mit kleinen Porzellanvasen, arabischer Kitsch, Blümchen aus Stoff, bunte Hühner aus Keramik, keine Bilder, auch sonst kein persönlicher Besitz, nichts Eigenes. Auf dem Boden ihre dünne Matratze, rot und schwarz gemustert, kaum 1,50 Meter lang.

In ihren 18 Jahren ist Ajat al-Achras nie in einem anderen Land gewesen, sie hat nie das Meer gesehen und nie die Berge. Das Westjordanland verließ sie zum ersten Mal am Tag ihres Todes.

Palästinensische Kinder wissen nicht viel von der Welt, und die eigene Führung hält sie dumm. Die Schulbücher lehren eine Geografie, die den Staat Israel nicht kennen will. Israelische Städte haben arabische Namen oder werden ganz ignoriert. Wenn überhaupt, dann taucht der jüdische Staat als zionistischer Unterdrücker auf, als Macht der Vertreibung und Besatzung.

Jerusalem ist in den Kinderbüchern die geheiligte Hauptstadt »unserer Heimat Palästina«. Das Hebräische wird als Dialekt abgetan. Die Kinder singen in den unteren Klassen Lieder auf berühmte Märtyrer und in den oberen schreiben sie Besinnungsaufsätze über den Dschihad. Den Rest erledigen die Prediger in den kleinen und großen Moscheen und am Ende die terroristischen Handlanger, die explodierende Kinder für eine brauchbare Waffe halten.

Dabei war Ajat al-Achras ein lustiges, freundliches Mädchen, sie wird so gewesen sein wie ihre beste Freundin Iman Abu Saris, die um ein paar Ecken den Hügel weiter hinauf in Daheische wohnt. Iman trägt eine Brille, ein grelles T-Shirt, die Haare unverdeckt, sie hat geschminkte Lippen, und sie strahlt. Sie könnte ein Mädchen sein aus Tel Aviv, aber sie ist aus Daheische, und sie sah Ajat als Letzte hier im Ort, vier Stunden vor dem Attentat, sie sagt: »Niemand kannte sie wie ich.«

Aber auch Iman, 17 Jahre alt, hat keine guten Antworten. »Die Schuhada müssen das tun«, sagt sie auf die Frage, wie Ajat ihr, der besten Freundin, den Plan verheimlichen konnte. Aber ist sie nicht enttäuscht, dass die Freundin schwieg? »Es ist besser, auf diese Weise zu sterben als anders. Sie hat es so entschieden für sich selbst.« Ist sie stolz auf Ajat? »Sehr stolz, ja. Sie macht uns allen Mut.« Was denkt sie über den Tod Rachel Lewis, ein Mädchen so alt wie sie selbst? »Ich bin glücklich darüber. Sie haben es verdient. Sie bringen uns um und nehmen uns das Land.« Und könnte sie sich vorstellen, etwas Ähnliches zu tun? »Wir hoffen«, sagt Iman. Was heißt das? »Wir hoffen.« Worauf? »Wir hoffen.«

Im Gespräch wird gelacht und gekichert, andere Mädchen reden dazwischen, eine Schwägerin sagt aufgeregt, sie würde ihr zweijähriges Kind nehmen, mit Sprengstoff umwickeln und nach Israel schicken, so schlimm sei die Lage, so groß die Verzweiflung, ihr Bruder sei während der ersten Intifada ums Leben gekommen. »Wer sind die Terroristen? Wer sind die Terroristen? Wer ist Scharon?«

Iman holt Schulhefte, an deren Rand kleine Botschaften gekritzelt sind, kindische Mädchensachen, die sie sich hin- und herschob mit Ajat in der Schule. Auf einem Zettel mit arabischen Gedichten und Liedzeilen steht auf Englisch: »I love you deep my heart«, unterschrieben mit einem runden, ausschwingenden A für Ajat.

»Ich habe alles aufgehoben, ich werde immer an sie denken«, sagt Iman.

Die ersten drei Tage nach ihrem Tod hat sie nicht schlafen können. Immer musste sie an Ajat denken. Hoffte in Träumen, sie wieder zu finden, sie zu treffen am nächsten Morgen, als wäre nichts gewesen, »um mit ihr zu reden, über alles zu reden«.

Es ist die Woche, in der Colin Powell Frieden sucht, die Rede ist von »nützlichen«, »konstruktiven« Gesprächen, es geht um eine regionale Nahost-Konferenz mit oder ohne Arafat, Powell hat einen vollen Kalender, seine Leute haben Arbeitsgruppen gebildet und beharken die Apparate in Ramallah und Tel Aviv.

CNN und BBC haben ihre Geräte auf den Balkonen der Jerusalemer Hotels aufgebaut und kommentieren die Lage mit den leuchtenden Mauern der Altstadt im Hintergrund. An den späten Abenden begießt die Weltpresse den Tag in der Kellerbar des American-Colony-Hotels, Uno-Leute sind da, es geht laut und ausgelassen zu wie in Hollywood-Filmen, die in den letzten Tagen des Vietnam-Kriegs spielen.

Der Mittwoch bringt den Unabhängigkeitstag zur 54. Wiederkehr der Staatsgründung von 1948, im ganzen Land flattern weiß und blau die Wimpel und Fahnen mit dem Davidstern, mehr als je zuvor, jedes zweite Auto fährt beflaggt, manche kleben sich große Scharon-Poster ins Heck als Bekenntnis zu einer Politik der Härte.

In Rachel Lewis Schule kleben Kinder den Namen des Opfers auf schwarze Trauerbanner, man richtet ihr zum Gedenken eine Nische ein, die Tote wird mit solchen Ritualen eingeführt in die Familie der mehr als 20 000 Menschen, die seit der Staatsgründung für Israel ihr Leben ließen oder lassen mussten.

Rachel Lewi, das Kind aus Amerika, starb am Ende als Israelin. Sie hatte hart zu kämpfen um das Hebräische, sie erwarb es sich mühsam, hielt auch sonst in der Schule mit, nun stand sie kurz vor dem Abitur. In ihr Tagebuch zu Hause übertrug sie träumerisch Psalmen aus der Bibel, die weichen, flehenden, zornigen Lieder Davids an seinen Gott. Sie mochte die Sprache.

An den nationalen Gedenktagen ging sie mit Freundinnen auf den Herzl-Friedhof, schwelgte mit ihnen in patriotischen Liedern, Reden und Gefühlen, und als sie im letzten August sechs Wochen in Amerika war, rief sie ihre Mutter an und sagte: »Ich vermisse mein Land.«

Mit 17 Jahren kannte sie schon viele Länder der Welt. Sie hatte im Pazifik gebadet, kannte den Eiffelturm aus der Nähe. Im Palästinensergebiet war sie nie. Ramallah, Betlehem, erst recht Daheische waren für sie blinde Wörter aus den Nachrichten, Namen ohne Anschauung, obwohl sie fast in Sichtweite ihres Zimmers lagen.

Einmal, vor zwei Jahren, ehe die zweite Intifada im September 2000 ausgerufen war, organisierte eine Lehrerin ihres Gymnasiums ein Treffen mit palästinensischen Schulkindern. Es fand in einem Friedenskibbuz statt, weil die Behörden eine Fahrt nach Betlehem für zu gefährlich hielten. Aber vielleicht meinten sie auch nur, die israelischen Kinder sollten nicht sehen, wie ihre Nachbarn in Palästina leben. Jedenfalls lernten die 15-jährigen Israelis, Rachel Lewi und ihre Freundinnen, dass es die Palästinenser gibt und auch, dass zu ihnen palästinensische Gebiete gehören.

Rachel lernte in der Schule sogar, dass Israels freudiger Gründungstag für die Palästinenser ein Tag der Katastrophe war; sie lernte, dass Geschichte viele Seiten hat, dass sie schwierige Fragen aufwirft, und das Mädchen zog daraus die Konsequenz, Politik und Geschichte nicht zu mögen und sich noch mehr auf den Sport zu konzentrieren. Wenn die Mutter Nachrichten sah im Fernsehen, und besonders, wenn sie schlecht waren, nahm Rachel die Fernbedienung und schaltete um.

»Mir taten die früher auch Leid«, sagen Maajan und Hila, zwei Freundinnen Rachels aus der Schule, 17 Jahre alt. »Aber sie greifen uns an. Sie bringen uns um. Das ist unser Land. Sie haben unsere Freundin getötet, sie sprengen sich selbst in die Luft. Das sind doch keine Menschen!«

Jerusalem ist eine Stadt der Sackgassen. Powells Kolonne aus Staatskarosse und Geländewagen schnürt oft durch die Hauptstraßen und fährt am Hotel in der King-David-Street in schneller Folge vor und wieder ab. Auf ihren Balkonen sprechen die Kommentatoren des Fernsehens von »Shuttle-Diplomatie«, »Fortschritten« und einem »Rahmen für weitere Gespräche«. Das heißt, die Mission ist gescheitert. Bilder vom Donnerstag zeigen Powell zurück in Washington. Er sieht müde aus.

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