Der Kunstfehler - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Der Kunstfehler

Wie ein 62-jähriger Mann mit einem Handtuch im Bauch lebte
• aus DER SPIEGEL 44/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Leben von William Barlow, 62, ehemaliger Soldat, ehemaliger Elektriker und ehemaliger Mechaniker, verlief viele Jahre lang ebenso beschwerlich wie übersichtlich: Es gab die Operationen, denen er sich ab und an unterziehen musste, und es gab die Zeiten dazwischen.

Barlow ist seit vielen Jahren ein schwer kranker Mann. Er leidet, unter anderem, an Diabetes, Atembeschwerden, Bluthochdruck und koronarer Herzerkrankung, sein Gewicht pendelt zwischen 120 und 140 Kilogramm. Mal mussten ihm drei Bypässe gelegt werden, um sein Herz zu entlasten, ein andermal wurde eine Niere entfernt, in der Krebs entdeckt worden war. Wenn er nicht gerade operiert wurde, ging er spazieren, angelte oder kreuzte mit dem Boot durch die Everglades in Florida.

Ende 2000 zeigte ein Aortagramm, dass eine erweiterte Schlagader in der Bauchhöhle von Barlow eine weitere Operation nötig machte.

Er wandte sich an das Veterans' Administration Medical Center in Miami, das ihn seit vielen Jahren betreut; seit seiner Armeezeit muss er die Behandlungen nicht mehr selbst bezahlen.

Die Operation fand am 19. Dezember 2000 statt. Vier Tage später bekam er plötzlich starkes Fieber. Die Ärzte diagnostizierten eine Blutvergiftung, das Fieber stieg auf über 40 Grad. Eine Röntgenaufnahme ließ erkennen, dass Barlow irgendetwas in seinem Unterleib hatte, das dort nicht hingehörte.

Ein fremder Gegenstand. Die Ärzte sagten Barlow kein Wort davon.

Weitere Computertomografien wurden gemacht. Die Ärzte entdeckten Flüssigkeit im Bauchraum und legten eine Drainage, um den Eiter abzuleiten, der sich um den fremden Gegenstand gesammelt hatte.

Nach 14 Tagen wurde Barlow trotzdem entlassen. Gegen das Fieber verschrieben die Ärzte ihm Antibiotika. Der Patient habe zwar eine postoperative Infektion, sagten sie, aber alles sei gut verlaufen, Besserung nur eine Frage der Zeit.

Barlows Schmerzen blieben. Das Frühjahr kam. Als sich sein Zustand nicht besserte, fuhr er ein weiteres Mal zur Klinik. Jetzt endlich trafen die Ärzte eine Entscheidung.

Sie hätten eine gute und eine schlechte Nachricht, teilten sie Barlow mit: Die schlechte sei, dass sie ihn erneut operieren müssten; die gute Nachricht, dass er diesmal nicht lange würde bleiben müssen. Wahrscheinlich hätten sie einen Schwamm in seinem Bauch vergessen, ein Missgeschick, das sich durch einen kleinen Eingriff rasch beheben lasse.

Die zweite Operation fand am 23. April 2001 statt, über vier Monate nach der ersten. Barlow musste zehn Tage im Krankenhaus bleiben. Sein mächtiger Bauch wurde erneut geöffnet. Nach kurzer Zeit zogen die Ärzte ein Handtuch heraus, 41 mal 71 Zentimeter groß, aus blauer Baumwolle. Jemand hatte es in Barlows Bauch vergessen.

Normalerweise benutzen Chirurgen bei einer Operation spezielle chirurgische Tücher, um gesunde Organe beiseite zu drücken. Die Tücher tragen eine kleine Markierung, so dass man sie auf Röntgenbildern sofort erkennt. Möglich, dass gerade kein OP-Tuch zur Hand war. Barlow ist ein schwerer Mann, es war eine lange, schwierige Operation. Als man ihn wieder zunähte, hatten Ärzte und Schwestern das Handtuch längst vergessen.

William Barlow fragte einen Rechtsanwalt um Rat. Man bot ihm einen Vergleich an, über 100 000 Dollar. Sicherlich, die Sache mit dem Handtuch sei ein Versehen der Ärzte gewesen, hieß es. Aber schuld an Barlows Schmerzen sei sein enormes Übergewicht.

Es war der Moment, in dem Barlow sich entschloss, den Fall vor Gericht klären zu lassen. Weil das Veterans' Medical Center einer Bundesbehörde untersteht, begann in Miami der Prozess »William und Beverly Barlow gegen die Vereinigten Staaten von Amerika«.

Die angeklagten Ärzte blieben dem Prozess fern. Sie durften ihre Erklärung vor einer Videokamera abgeben. Sie hätten vier Monate gewartet bis zur Operation, weil sie erst ganz sicher sein wollten, behaupteten sie - sie hätten Barlow einen erneuten Eingriff nicht zumuten wollen.

Die Richterin hörte sich die Videoerklärungen der Ärzte an, dann fällte sie ihr Urteil: Das Veterans' Medical Center muss an Barlow und seine Frau 455 000 Dollar zahlen, umgerechnet rund 387 000 Euro - als Entschädigung für seine Schmerzen, sein monatelanges Leiden und den Verlust an Lebensfreude. Es sei davon auszugehen, dass sich sein Zustand durch das Handtuch, die dadurch verursachte Infektion und nicht zuletzt den zehntägigen Klinikaufenthalt verschlimmert habe.

Es gibt Untersuchungen, wonach allein in den USA jedes Jahr 32 000 Krankenhauspatienten durch Infektionen sterben, die sie sich während und nach einer Operation zugezogen haben. So gesehen hat Barlow noch Glück gehabt: Er hat das Handtuch in seinem Bauch überlebt, und er hat es geschafft, den Ärzten Pfusch und eine Verletzung ihrer Sorgfaltspflicht nachzuweisen.

Das Krankenhaus hat inzwischen hinreichend chirurgische Tücher bestellt - damit kein Arzt während einer Operation jemals wieder auf ein ordinäres Handtuch zurückgreifen muss.

Barlow hat sich noch immer nicht von der zweiten Operation erholt. Er kann sich kaum noch bewegen, wiegt mittlerweile über 160 Kilo.

Entschuldigt hat sich bei ihm bis heute niemand. HAUKE GOOS

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