EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Der Lehrling
Gestartet in Tokio, überquert die Boeing 747 Japan, Russland und nimmt dann Kurs auf England. Seit zwölf Stunden ist sie in der Luft und befindet sich nun im Landeanflug auf London. An Bord sind 381 Passagiere. Sie haben ihre Rückenlehnen senkrecht gestellt, die Tabletts hochgeklappt. Über die Landebahn streicht ein schwacher Wind aus Ostnordost. Die Boeing gehört British Airways, ihr Rufzeichen ist »Speedbird Six«, der Flughafen ist London-Heathrow.
Im Cockpit der Boeing 747 hören Pilot und Co-Pilot die Stimme ihrer Fluglotsin: »Speedbird Six, setzen Sie Ihren Anflug fort, Wind aus 70 Grad, 8 Knoten.« Die Stimme klingt ruhig und sicher. Die Piloten wissen nicht, dass die Frau noch in der Ausbildung ist. Es ist 14.03 Uhr Greenwicher Zeit. In zweieinhalb Minuten wird die Frau in die Geschichte der britischen Luftfahrt eingehen.
Die Auszubildende ist 28 Jahre alt. Ihre letzte Schicht liegt wie vorgeschrieben 24 Stunden zurück. Ihre Vorgesetzten sagen, sie mache gute Fortschritte. Während der Arbeit im Tower wird die Auszubildende von einem erfahrenen Fluglotsen überwacht.
Der Betreuer dieses Tages arbeitet seit siebeneinhalb Jahren als Lotse. Auch seine letzte Schicht liegt 24 Stunden zurück. Er hat seinen Dienst vor einer halben Stunde begonnen und ist überrascht, eine Auszubildende an seinem Arbeitsplatz zu treffen. Der Betreuer liebt keine Überraschungen, und niemand hat ihn informiert, dass er an diesem Tag eine Lotsenschülerin unterrichten wird. Der Betreuer lehrt nicht, weil es ihm gefällt, sondern weil sein Arbeitgeber das von ihm verlangt.
Die Boeing 747 aus Tokio meldet sich um 13.49 Uhr zum ersten Mal bei der Flugsicherung in Heathrow. Sechs Minuten später bekommt sie ihre Landebahn zugewiesen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Maschine noch 28 Kilometer vom Flughafen entfernt. Die Flugsicherung teilt dem Piloten mit, dass er auf der Rollbahn »09 rechts« landen wird. »09 rechts« wird an diesem Tag auch als Startbahn benutzt. Drei Maschinen warten am Ende der Bahn auf ihre Starterlaubnis.
Um 14.03.40 Uhr gibt die Auszubildende der ersten Maschine das Signal: »Start freigegeben.« Der Jet beschleunigt, hebt ab, das Fahrwerk verschwindet im Rumpf, die Maschine steigt in die Wolken.
Das nächste Flugzeug ist ein Lufthansa-Jet, Flug LH 4577. Um 14.04.40 Uhr empfängt der Pilot die Starterlaubnis.
Die dritte Maschine ist ein Airbus A321. Sein Rufzeichen: »Midland One November Zulu«. Der Pilot von Midland One November Zulu hat 7000 Stunden Flugerfahrung, 500 Stunden auf A321. An Bord der Maschine sind 89 Passagiere.
Während der Airbus auf seine Startposition rollt, meldet ein Computer dem Piloten, dass sich eine andere Maschine auf Kollisionskurs nähert. Die Crew kann die Maschine noch nicht sehen. Es ist Speedbird Six, die Boeing 747. Sie ist noch 3,7 Kilometer vom Flughafen entfernt. Der Pilot des Airbus kontaktiert den Tower und fragt die Auszubildende, ob er wirklich auf die Startposition rollen solle. Die Auszubildende genehmigt den Start. Der Pilot des Airbus A321 bestätigt um 14.04.50 Uhr, dass er der Weisung folgen werde. Der Airbus nimmt seine Position auf der Rollbahn ein.
Der A321 gehört zur Flotte von British Midland, er ist in den Firmenfarben lackiert, dunkelblau und grau. Steht die Maschine auf dem Asphalt einer Rollbahn, ist sie aus der Luft schwer zu erkennen. Es ist 14.05.00 Uhr.
In knapp 300 Meter Höhe stößt die Boeing 747 durch die Wolkendecke. Pilot und Co-Pilot blicken über die Rollbahn und sehen den Airbus nicht. Es ist 14.05.10 Uhr. Die Flughöhe der Boeing 747 beträgt 150 Meter.
Um 14.05.20 Uhr erhält der Airbus A321 vom Tower die Startgenehmigung, der Pilot steigert die Leistung der Triebwerke. Der Jet rollt. Die Boeing hält auf ihn zu. Ihre Flughöhe beträgt noch rund 50 Meter.
Um 14.05.30 Uhr entdeckt der Pilot der Boeing den startenden Airbus. Er zieht seine Maschine steil nach oben. Gleichzeitig hört er die aufgeregte Stimme eines Mannes aus dem Tower: »Speedbird Six, abdrehen, ich sage, abdrehen!« Es ist die Stimme des Betreuers.
Die Piloten erhöhen die Schubkraft und ziehen die Nase der Boeing nach oben. Das Flugzeug sackt 15 Meter durch. Die beiden Piloten des Airbus sehen das Fahrwerk des Jumbos auf sich zukommen.
Die Auswertung der Flugdaten ergibt, dass die Boeing den Airbus in einer Höhe von 36 Metern überflog. Das Leitwerk des Airbus ist 12 Meter hoch. Dieser Moment geht als der gefährlichste Beinah-Zusammenstoß in die Geschich- te der britischen Luftfahrt ein.
Fünf Minuten nach dem Fast-Unfall werden die Auszubildende und ihr Betreuer vom Dienst suspendiert. Die Flugsicherheitsbehörde beginnt, den Fall zu untersuchen.
In ihrem jetzt veröffentlichten Bericht spricht die Kommission die Piloten des Airbus und der Boeing von jeglicher Schuld frei. Auch die Auszubildende trage keine Verantwortung, obwohl sie die Flugzeuge geleitet habe.
Als einzigen Schuldigen nennt die Kommission den Betreuer der Auszubildenden. Er hätte früher eingreifen müssen. Die Ausbildung der Lotsenschüler wird nicht verändert.
Der Betreuer wurde versetzt. Er arbeitet heute noch als Fluglotse in Großbritannien. Wo, mag die Flugsicherheitsbehörde nicht mitteilen. UWE BUSE