"Der mit den Fakten tanzt" - DER SPIEGEL
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"Der mit den Fakten tanzt"

Wer erschoß John F. Kennedy? Jeden Monat bieten neue Verschwörungstheorien Stoff für abenteuerliche Spekulationen. Nun wehren sich Zeitzeugen des Mordes, die als Helfer einer riesigen Kabale verdächtigt wurden. Sie weisen nach: Kennedy starb nicht im Kreuzfeuer; die Todesschüsse kamen aus einem Gewehr.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nicht für eine Sekunde konnte es Zweifel an der Todesursache geben: "Die Einschußwunde hatte elliptische Form, 15 Millimeter lang, 6 Millimeter weit, und befand sich 2,5 Zentimeter rechts sowie leicht oberhalb des äußeren Knochenvorsprungs am Hinterhauptbein. Die Innenseite des Schädels zeigte den charakteristischen Kratereffekt einer Kugel, die Knochengewebe durchschlagen hat. Röntgenaufnahmen enthüllten feine, staubartige Metallpartikel an den Stellen, wo das Geschoß den Kopf von hinten nach vorn durchquerte, bevor es in der rechten Schläfen-Scheitel-Region eine explosionsartige Ausschußwunde hervorrief."

Jedes Detail dieser traumatischen Autopsie vom Abend des 22. November 1963 hat sich dem Pathologen James Joseph Humes ins Gedächtnis gebrannt. "Die explodierende Kugel und die klaffende, gezackte Wunde, die sie hervorrief - 13 Zentimeter Schädelknochen und Haut waren weggesprengt -, hatten den Kopf so sehr zerstört, daß wir nicht einmal eine Säge brauchten, um die Schädeldecke zu entfernen. Wir zogen die Kopfhaut zurück, und die Oberdecke des Schädels zerfiel in meiner Hand entlang von Bruchlinien, die sich in alle Richtungen ausgebreitet hatten."

Es gab keinen Spielraum für den Befund, nicht die kleinste Unsicherheit, nachdem der Schädel mit den vorhandenen Knochenteilen annähernd vollständig rekonstruiert war: glatter Einschuß auf der Außenseite des Hinterkopfs, Kratereffekt im Schädelinneren, glatte Öffnung auf der gegenüberliegenden Seite, Kratereffekt auf der äußeren vorderen Kopfseite - die Kugel, die Präsident John F. Kennedy tötete, muß von hinten und von oben gekommen sein.

29 Jahre lang hielt Humes ernsthafte Zweifel an seinem Autopsiebericht für ausgeschlossen. Er sagt: Das charakteristische Muster eines solchen Kopfdurchschusses sei "in 100 von 100 Fällen" zu beobachten. "Das ist ein physikalisches Gesetz und steht als solches auch für Narren nicht zur Disposition. Es zeugt von höchster Ignoranz, irgendein anderes Szenario zu vertreten."

Doch das andere Szenario ist weltweit bekannt und hat - zumindest in den USA - weit mehr Anhänger, als es das störrische Beharren des 68jährigen ehemaligen Marinearztes Humes auf die ewige Gültigkeit von Naturgesetzen wahrhaben will. In seinem Film über den Mord an US-Präsident John F. Kennedy zeigt der Regisseur Oliver Stone wieder und wieder diesen Moment, in dem die tödliche Kugel trifft - festgehalten auf dem Acht-Millimeter-Film des Augenzeugen Abraham Zapruder.

Da schnellt der Kopf des Attentatsopfers nach hinten, bevor der tödlich getroffene Präsident an der Seite seiner Frau zusammensackt. Dem scheinbar eindeutigen optischen Argument - einem Appell an den gesunden Menschenverstand, der darauf beharrt, daß nach hinten fällt, was von vorn getroffen wird - kann sich kaum ein Zuschauer entziehen: Der Schuß muß von vorn gekommen sein; will sagen: Kennedy starb im Kreuzfeuer; will sagen: Es hat eine Verschwörung gegeben - drei Viertel aller Amerikaner sind überzeugt davon.

Der Film und eine Unzahl neuer Bücher über angeblich geheimnisvolle Hintermänner des Attentats haben sie in dieser Überzeugung bestärkt. Nun erreicht es sie kaum noch, daß viele Verschwörungstheorien in Wahrheit einen Rückschlag hinnehmen mußten. Denn das Hollywood-Spektakel hatte einfach zu viele Zeitzeugen als freiwillige oder unfreiwillige Helfer einer riesigen Kabale diffamiert.

Es hagelte Widerspruch, den Mythenproduzent Stone zunehmend unter Berufung auf seine künstlerische Freiheit abwehren mußte. Als Dokumentation war das Film-Epos gestorben, bevor es aus den Erstaufführungskinos verschwand. Oliver Stones Spitzname seitdem: "Der mit den Fakten tanzt".

Ermittler für die vielgeschmähten Untersuchungsausschüsse von Regierung und Parlament wiesen nach, daß der Rückgriff des Hollywood-Tycoons auf gängige Verschwörungstheorien vornehmlich auf die Vergeßlichkeit des Publikums spekulierte und von schlicht unhaltbaren Voraussetzungen ausging.

Beweismaterial, das angeblich vernichtet worden war, tauchte wieder auf. Der Kongreß schloß sich der Glasnost-Forderung der Bürger an und beschloß, die noch geheimen Unterlagen zum Kennedy-Mord zu veröffentlichen. Als Geste guten Willens gab die CIA bereits jenen Teil ihres Dossiers über den mutmaßlichen Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald frei, der aus der Zeit vor dem Mord datiert, weitere Zehntausende Dokumente sollen folgen.

Und selbst in Moskau öffnen sich die Archive des KGB, das ebenfalls als Drahtzieher des Mordes verdächtigt worden war. Ehemalige Agenten berichten nun, was sie über jene zwei Jahre wissen, die Oswald in der UdSSR verbrachte.

Das alles beweist längst nicht, daß Oswald, wie der Warren-Report, der offizielle Untersuchungsbericht der US-Regierung, behauptet, wirklich der alleinige Mörder Kennedys ist. Aber es ruft in Erinnerung zurück, daß der Präsident nicht im Kreuzfeuer Dutzender Möchtegern-Attentäter gestorben war, sondern von Kugeln getötet wurde, die aus einem einzigen Gewehr stammten. Und umgekehrt: Bislang hat noch kein einziger Verschwörungsexperte den unumstößlichen Beweis erbringen können, daß Oswald zur Tatzeit nicht am Tatort war. Mithin: Er kann es - trotz allem - gewesen sein.

Die vorerst letzten Zeitzeugen, die sich zu Wort meldeten - Ärzte aus dem Parkland Memorial Hospital von Dallas, die 25 Minuten lang versuchten, Kennedys Leben zu retten, sowie der Navy-Pathologe James Humes und sein Kollege Thornton Boswell -, glauben nicht, oder nicht mehr, an eine Verschwörungstheorie.

Kurz nach dem Attentat hatten mehrere Parkland-Ärzte noch nicht ausschließen wollen, daß zumindest ein Schuß von vorn gekommen war - eine Ansicht, die sie damals beispielsweise auch der deutschen Korrespondentin Sabina Lietzmann mitteilten. Die meisten änderten ihre Meinung allerdings nach der Veröffentlichung des Autopsieberichts ihrer Kollegen aus Bethesda.

Deren heutige Aussagen, veröffentlicht in der jüngsten Nummer des medizinischen Fachblatts Journal of the American Medical Association, lassen kaum noch Zweifel an einem einzelnen Schützen zu.

Zentrum fast aller Verschwörungstheorien ist der Versuch, die Existenz anderer möglicher Täter außer oder neben Oswald zu belegen. Am dienlichsten dafür wäre ein Nachweis, daß der Präsident nicht - oder nicht nur - von hinten aus dem fünften Stock des Schulbuchlagers an der Elm Street getroffen worden wäre - wie es der Warren-Bericht behauptet.

Noch im vergangenen Monat veröffentlichte Dr. Charles Crenshaw, auch er Mitglied des Notaufnahme-Teams im Parkland-Hospital, seine Version, in der er daran festhält, daß die Schüsse von vorn gekommen sind. Er glaubt, Kennedys Wunden seien verändert worden, um die Einschußrichtung zu verschleiern - seiner Meinung nach von den Pathologen des Marinekrankenhauses im Washingtoner Vorort Bethesda.

So behauptet Crenshaw, die Halswunde des Präsidenten sei erweitert worden, um eine Austrittswunde vorzutäuschen. Die offiziellen Obduktionsfotos hätten ihm sogar Gewißheit gebracht: "Der Einschnitt in der Luftröhre war vergrößert und entstellt worden, als ob jemand noch einen Eingriff durchgeführt habe. Es sah aus wie das Werk eines Schlachters. Kein Zweifel, irgend jemand hatte große Mühe auf sich genommen, um etwas anderes sichtbar zu machen als das, was wir in Parkland gesehen haben."

Die Ärzte, die den Luftröhrenschnitt durchgeführt haben, können sich dagegen nicht einmal daran erinnern, Crenshaw überhaupt im Notaufnahmeraum gesehen zu haben. Sie hatten überdies gar keine Zeit für forensische Theorien. Dr. Jim Carrico: "Wir haben versucht, ein Leben zu retten, und uns nicht um Ein- und Ausschußwunden gekümmert."

An der Notwendigkeit des Luftröhrenschnitts konnte es keinen Zweifel geben, sagt der Chirurg Malcolm Perry: _____" Die Pupillen des Präsidenten waren weit offen, sein " _____" Gesicht dunkelblau. Er atmete bereits im Todeskampf, und " _____" sein Kinn zuckte. Ich habe nicht einmal das Blut " _____" abgewischt, bevor ich den Eingriff vornahm. Ich griff ein " _____" Messer und machte einen schnellen, großen Schnitt. Alles " _____" in allem dauerte die Prozedur höchstens zwei oder drei " _____" Minuten. "

Im Gegensatz zu ihrem Parkland-Kollegen, der seine Erinnerungen mit der Hilfe zweier Verschwörungsanhänger verfaßt hat, konnten die anderen Ärzte später auf den Obduktionsfotos nichts entdecken, was nicht durch ihren Eingriff erklärbar gewesen wäre. Perry: "Jede Behauptung, diese Wunde sei vorsätzlich vergrößert worden, ist falsch."

Auch Dr. Pepper Jenkins, langjähriger Chef der Anästhesie im Parkland-Hospital, glaubt, daß Crenshaws Behauptungen "schlicht unzutreffend" sind. Er ist überzeugt, daß die anderen Ärzte gar keinen gründlichen Blick auf die tödliche Schädelwunde werfen konnten: "Ich stand direkt vor seinem Kopf und befand mich auf diese Weise in der günstigsten Position für die künstliche Beatmung. Blut ergoß sich auf meine Jacke und meine Schuhe."

Vor allem bezweifelt Jenkins die Behauptung Crenshaws, er sei der letzte Arzt gewesen, der einen Blick auf Kennedys Leiche werfen konnte, und habe sogar mitgeholfen, den Körper in einen --- S.190 Sarg zu legen. Nachdem Kennedy um 13 Uhr Ortszeit für tot erklärt worden war, hatten fast alle Ärzte den Saal verlassen. Jenkins berichtet: _____" Ich war damit beschäftigt, die Kabel für das " _____" EKG-Gerät zu entfernen, die Venen- und die " _____" Luftröhrenkanüle herauszunehmen. Noch ehe ich damit " _____" fertig war, trat Mrs. Kennedy wieder an die Seite des " _____" Präsidenten, und ich zog mich in eine Ecke des Raums " _____" zurück. Sie küßte den Präsidenten auf den Fuß, auf Bein " _____" und Oberschenkel, auf Bauch und Brust und schließlich " _____" aufs Gesicht. Sie sah noch immer vollkommen verstört aus. "

Wenig später griffen Beamte des Geheimdienstes den Tisch mit der Leiche des Präsidenten und rollten ihn aus dem Raum - von Dr. Crenshaw war keine Spur zu sehen.

Nach den Gesetzen des Bundesstaates Texas hätte die Leiche für die vorgeschriebene Obduktion in Dallas bleiben müssen; die Überführung des Präsidenten ins Marinekrankenhaus von Bethesda war technisch ein Gesetzesverstoß, der in den Folgejahren allen möglichen Verschwörungstheorien Vorschub leistete.

Der Pathologe Humes hat trotzdem Verständnis für den unrechtmäßigen Transport und kann in der Überführung nichts Geheimnisvolles entdecken. Er glaubt, daß Vizepräsident Lyndon Johnson so schnell wie möglich nach Washington zurückwollte: _____" Johnson wußte nicht, was an diesem Tag in Dallas " _____" eigentlich geschehen war - es hätte schließlich Teil " _____" eines Komplotts sein können. Er wollte zurück an den " _____" Regierungssitz, und der war in Washington, DC. Ohne " _____" Jackie Kennedy konnte er jedoch Dallas nicht verlassen, " _____" und sie wiederum wollte nicht aus Dallas fort ohne den " _____" Leichnam ihres Gatten. Johnson mußte zurück, und ergo " _____" mußte er die Leiche mitnehmen. "

Natürlich ist bei der ärztlichen Notversorgung und bei der Autopsie nicht alles nach Lehrbuch abgelaufen. Das gravierendste Versäumnis: Die Pathologen hatten sich vor der Autopsie nicht im Parkland-Hospital erkundigt, was dort mit dem Präsidenten geschehen war. So konnten die Ärzte wegen des Luftröhrenschnitts zunächst nicht die Austrittswunde für die Kugel finden, die Kennedys Hals durchschlagen hatte - Anlaß für die abenteuerlichsten Spekulationen in den nächsten Jahrzehnten.

Weil Humes und seine beiden Kollegen Thornton Boswell und Pierre Finck die Obduktion unter Zeitdruck beendeten, ohne diese Kugel im Körper des Ermordeten zu finden und ohne die Halsmuskeln zu sezieren, ist immer wieder behauptet worden, die Autopsie sei auf höheren Befehl hin abgebrochen worden. Im Film ist dies eine ganz besonders düstere Szene.

Doch genaugenommen waren weitere Untersuchungen unnötig: Die Frage nach der Ausschußwunde klärte sich bereits am nächsten Tag, als Dr. Perry seinen Kollegen in Bethesda über den Luftröhrenschnitt unterrichtete. Zudem handelte es sich bei dem Halsdurchschuß nicht um die tödliche Wunde. Eine weitere Sektion der Muskeln hätte allerdings viele Spekulationen vermieden, welche sich um die nicht endgültig gesicherte Geschoßbahn ranken.

Humes versichert, daß sich während der Operation kein hochrangiger Militär im Autopsie-Saal befand, nachdem der Leibarzt des Präsidenten, Admiral George Burkley, zu Beginn der Obduktion den Raum verlassen hatte, um mit Jackie und Robert Kennedy auf das Ergebnis zu warten. Der Pathologe heute: "Ich hatte die Verantwortung für die Autopsie, und niemand hat versucht, mir hereinzureden. Punktum."

Es sind seither auch keine Beweise verschwunden, wie immer wieder behauptet wurde. Bis auf das Gehirn des toten Präsidenten, das Admiral Burkley tags darauf der Familie Kennedy übergeben hat und das vermutlich mit der Leiche beerdigt wurde, befinden sich alle Autopsieunterlagen vollständig im Washingtoner Nationalarchiv.

Insgesamt viermal sind die Autopsie-Ergebnisse seither von anderen Ärzten überprüft worden, 1968 sogar auf ausdrückliche Bitten der Pathologen Humes und Boswell. Bislang hat noch keine Überprüfung zu einem anderen Schluß geführt als dem, welchen Humes noch heute zieht: _____" Der Präsident wurde durch eine verheerende Kopfwunde " _____" getötet, hervorgerufen durch eine Kugel, die aus einem " _____" Hochgeschwindigkeitsgewehr von oben und von hinten " _____" abgefeuert wurde. Die andere Kugel, die ihn im Genick " _____" getroffen hat, kam ebenfalls von oben und von hinten. Das " _____" ist Tatsache, alles andere ist Spinnerei. "

Enttäuschend für alle Anhänger einer Verschwörungstheorie waren auch die Dokumente, die der Geheimdienst CIA in den vergangenen Wochen über den mutmaßlichen Attentäter veröffentlichte. Das meiste ist längst bekannt: Oswalds Auftritt in der US-Botschaft von Moskau, wo er ("Ich bin Marxist") 1959 seine Staatsbürgerschaft ablegen wollte, war noch im Mordjahr vom Außenministerium veröffentlicht worden. Andere Dokumente spielten bereits eine Rolle bei der Kongreßuntersuchung zum Kennedy-Mord Ende der siebziger Jahre.

Ein Großteil der CIA-Blätter ist zudem 1978 schon in Buchform veröffentlicht worden: Der frühere legendäre Abwehrchef der CIA, der fanatische Antikommunist James Jesus Angleton, hatte sie dem Politologen Edward Jay Epstein gesteckt, um dessen Verdacht zu untermauern, Sowjets und Kubaner seien die wahren Auftraggeber des Attentats.

Nun wird immerhin klarer, warum Teile der CIA im Gegensatz zu anderen US-Behörden bis in die achtziger Jahre hinein die Spur nach Moskau verfolgten. Denn die meisten Dokumente, Ergebnisse der FBI-Überwachung nach Oswalds Rückkehr aus der Sowjetunion, befassen sich mit seiner Mitgliedschaft in angeblichen kommunistischen Tarnorganisationen.

Kein Nachbar, kein Arbeitgeber, der nicht nach Oswalds verdächtigen Kontakten befragt worden wäre. Übereifrige Postbeamte meldeten sogar, wenn Oswald einen Leserbrief an die Kommunistenpostille The Worker geschrieben hatte, deren Abonnent er war - alles in allem erschien der Verdächtige als unheimliches "Subjekt", das zudem "im Übermaß trank und bei vielen Gelegenheiten seine Frau schlug".

Das Außenministerium war dagegen schon 1964 zu der Erkenntnis gekommen, daß die Sowjetunion "keinerlei Interesse an einer Beseitigung Präsident Kennedys" hatte; beim FBI stapelten sich Abhörprotokolle, die belegten, wer sonst noch alles dem Präsidenten nach dem Leben trachtete - nur die CIA hatte in geheimdienstspezifischer Paranoia einen ganz bestimmten Grund, die Sowjets weiter zu verdächtigen.

Gut zwei Monate nach dem Kennedy-Mord war in Genf der hohe KGB-Offizier Jurij Nosenko zu den Amerikanern übergelaufen. Er behauptete, die Oswald-Akte des KGB persönlich zu kennen, und sagte aus, daß der sowjetische Geheimdienst keinerlei Interesse an dem Übersiedler gehabt habe, weil dieser "zwar nicht rasend verrückt, aber doch geistig ungefestigt" gewesen sei.

Chefparanoiker Angleton und seine CIA-Anhänger hatten aus Nosenkos Aussagen geschlossen, daß die Sowjets ihn geschickt hätten, um von der Wahrheit abzulenken. Heute bestätigen Nosenkos Vorgesetzte in Moskau, daß der Überläufer echt war. Wladimir Semitschastny, KGB-Chef zum Zeitpunkt der Kennedy-Ermordung: "Nosenko hat uns schweren Schaden zugefügt."

Am großen Kennedy-Boom möchten nun auch inzwischen arbeitslose KGB-Agenten teilhaben. Sie erweisen sich als ebenso anfällig für Verschwörungstheorien wie ihre amerikanischen Kollegen. In einer Feriensiedlung des Geheimdienstes, 60 Kilometer vor Moskau, schreibt der pensionierte KGB-Oberst Oleg Netschiporenko derzeit an einem Buch über Oswalds Zeit in der Sowjetunion.

Netschiporenko hatte Oswald zwei Monate vor dem Attentat in der Sowjetbotschaft von Mexiko-Stadt verhört, wo der Amerikaner erneut um ein Einreisevisum nachsuchte und erklärte: "Ich kann nicht länger in den USA leben." Sein Antrag wurde abgelehnt.

Den Sowjets scheint Oswald während seines zweijährigen Aufenthalts in der Sowjetunion vor allem Ärger und Überwachungsarbeit eingehandelt zu haben. Beim KGB in Minsk, wo der Exilant als Radiotechniker arbeitete, "stand er nur rum", berichtet auch der KGB-Veteran Igor Prellin. Besonders unangenehm fiel den Schnüfflern auf, daß Oswald Arbeitskollegen nach Hause einlud und ihnen über Lebensbedingungen in den Vereinigten Staaten berichtete. Prellin: "Das war damals gar nicht gern gesehen."

Auftrieb für ihren Verdacht haben Verschwörungstheoretiker in jüngster Zeit von George Bush erhalten, so ziemlich dem einzigen US-Bürger, der sich gegen eine weitere Veröffentlichung von Dokumenten durch den Kongreß wehrt.

Die meisten Amerikaner warten vor allem auf Dokumente der Bundespolizei FBI, deren Agenten von Amts wegen Morddrohungen gegen den Präsidenten nachgehen mußten und deren Chef J. Edgar Hoover zu den Intimfeinden der Kennedys gehörte. Bush dagegen bestreitet dem Kongreß das Recht, über die Freigabe von Regierungsdokumenten zu entscheiden. Er kündigte an, gegen die einschlägigen Ausführungsbestimmungen der Parlamentarier sein Veto einzulegen.

Grund genug für die sofort geäußerte Vermutung, daß der Präsident etwas zu verbergen habe. War er nicht CIA-Chef? Hat er nicht seine erste Million als Ölkaufmann in Texas verdient? Eine Garantie also dafür, daß der Medienmarkt für künftige Verschwörungstheoretiker erhalten bleibt.