Der oder der
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, am Mittwoch, kurz nach elf, sind es Schlagschatten, von Fotoblitzen in den Raum gehackt, ein hektischer Auftrieb erfüllt das sonst so stille Berliner Museum für Kommunikation um die Ecke vom Potsdamer Platz. Kamerateams, Tonleute, Bildermacher aller Art scharren zu Dutzenden über dunkles Parkett, stehen auf Stühlen, reißen an Klettverschlüssen, wechseln Magazine, Objektive, Apparate - tritt wieder einer zurück?
Ein Auftritt nur ist abzulichten, zwei Frauen baden im Licht, beide im nadelgestreiften Hosenanzug, hellgrau die eine, Sabine Christiansen, nachtschwarz die andere, Maybrit Illner. Sie stehen auf zierlichen Schuhen, die Illner glatt einen halben Kopf größer als die Kollegin, überhaupt die Christiansen: wie aus Porzellan.
Vor Stellwänden zeigen sie Zähne, der Hintergrund gemischt aus »Tagesschau«-Blau und »Heute«-Blau, so wird das Studio aussehen, nicht Fisch, nicht Fleisch, am 8. September in Berlin-Adlershof. Duellblau gewissermaßen, Papier auf Pappmaché, darauf kleine Ecken in Schwarz, Rot, Gold, nationaler Schmuck für das letzte, das große, das totale, »Das TV-Duell«.
Schulter an Schulter rangeln die Fotografen, sie verdienen sich schreiend und sauer ihr Brot: »Enger zusammen!«, »Noch mal in die Mitte!«, »Hierher! Ja!«, »Hier oben, bitte«, »Den Kopf nicht so hoch, Frau Christiansen!« Überall Duelle.
Auch der 8. September wird voll davon sein, auf den ersten Blick, aber auch auf den zweiten: »Der oder ich«, einerseits, aber eben auch Illner gegen Christiansen, ARD gegen ZDF, Öffentliche gegen Private, Politik gegen Talkshow.
Der Ablauf steht fest, er kursiert auf DIN-A4-Zetteln, zum Mitschreiben für alle: »Frage an Kandidat A - Antwort Kandidat A, ca. 90 Sekunden; Replik Kandidat B, ca. 90 Sekunden; bis zu vier Nachfragen der Moderatorinnen, Antwort der Kandidaten jeweils ca. 60 Sekunden.« So wird das gehen, 75 Minuten lang.
Die zugehörigen Chefredakteure, Nikolaus Brender vom ZDF und Hartmann von der Tann, ARD, sie hoffen bei der Präsentation in Berlin um punkt zwölf Uhr mittags, Duellzeit, High Noon, auf Einschaltquoten »wie bei einem guten Fußballspiel«. Immerhin. Ansonsten stehen die Schnauzbärte der beiden Chefs still, rechts und links des Podiums, wie dunkle Gedankenstriche.
Man ist »froh, stolz, erwartungsfroh« (von der Tann), beziehungsweise »froh« (Brender), dass Kandidat A und Kandidat B eingewilligt haben, sich auf offener Bühne und live zu beharken. Das sei wichtig, sagt Brender, »in einer Zeit, in der die Inhalte immer weiter verflachen«.
So geht es auch vorab nur um wesentliche Fragen: Werden die Kandidaten sitzen oder stehen? Stehen. Werden sie gegen- oder nebeneinander aufgebaut? Nebeneinander. Werden die Moderatorinnen vor oder zwischen ihnen sein? Vor ihnen.
Als die Fragen zu diesem Komplex nicht verebben, steht Brender auf, die Arme ausgebreitet, er zeigt herum, er sagt: »Also, Sie müssen sich das so vorstellen ...«
Unvorstellbar das alles vor gar nicht langer Zeit. Kohl, Schmidt, Brandt, aber auch die Matadoren der Fernseh-Steinzeit, Erhard und Kiesinger, zu schweigen von Adenauer, kein Kanzler der Republik hätte und hat sich je einem solchen Duell gestellt. Es ist das erste Mal. Danke, Kanzler.
Die Alten schoben die Amtswürde vor oder fühlten sie wirklich, sie setzten auf Abstand, auf »Amtsbonus« und eigenen Mythos und blickten so gelassen wie hochmütig auf »die Medien« herab. Sie forderten gar, wie einst Helmut Schmidt, »fernsehfreie Tage«. Derlei Spinnerei würde ihn heute, vermutlich, die Wahl kosten.
Seit aber die »Bild«-Zeitung tägliches Pflichtblatt der politischen Stände ist, hat sich der Wind in eine andere Richtung gedreht. In der Rückschau, sehr bald schon oder erst später, wird die rot-grüne Epoche als Geburtsstunde einer Mediokratie à la Deutschland gelten, ihre politische Tagesordnung gegliedert von »Sabine Christiansen«, »Friedman«, »Berlin Mitte«, bebildert mit Fotoromanen der »Bunten«, umspielt vom Geplauder auf dem MDR-»Riverboat« und Gastspielen zwischen zwei Videos bei Viva.
Wo sich früher Minister und aufstrebende Abgeordnete Berater für Rentenrecht und Zahnersatzkostenausgleich hielten, brauchen sie jetzt zuerst solche für Image, Medien und Anzugkauf. Volksnah, das war gestern; heute werden Public Relations gepflegt.
Und vielleicht, wer weiß, ist daran auch dieses Berlin schuld, die alte, neudeutsche Hauptstadt, die seit je den lärmigen Rummelplatz höher geschätzt hat als stilles Bretterbohren im Verborgenen.
Gewählt also wird am 22. September. Entschieden aber wird am 8. um 20.30 Uhr, bei ARD und ZDF, oder sogar schon zwei Wochen früher bei RTL und Sat.1, wo Duell Nummer eins inszeniert wird.
Wie nie zuvor findet die Demokratie im Fernsehen statt, wenn Kandidat A und Kandidat B ihre Sympathiewerte ausschießen. Ihre Anzüge vorführen. Ihre Frisuren und Haarfarben. Ihre Körpersprachen. Reden werden sie über dies und das. Gewinnen wird der. Oder jener. ULLRICH FICHTNER