LEGENDEN Der Preis eines Wunders
Patricia lebe in zwei Welten, hat ihm 1994 ein Medizinmann erzählt. In den ewigen Jagdgründen und hier. Sie wandere in diesen Welten hin und her, schaue sich bei den Ahnen um und bei den Lebenden. Eine unheimliche Vorstellung, denn Mark White Bull befand sich damals gerade zwischen seiner dritten und vierten Ehe. White Bull war seit fünf Jahren nicht mehr am Krankenbett von Patricia gewesen. Er hatte Albuquerque verlassen, und er hatte sich mit ihrer Mutter Snowflake total verkracht. Er vergaß die Worte des Medizinmannes schnell. Sie fielen ihm erst jetzt wieder ein. Rückwirkend. Wie so vieles. Ein Wunder verändert die Sicht auf die Dinge.
Ein Wunder verändert alles. Das muss es doch. Oder?
Am 21. Dezember 1999 scheint sich in den USA, in Albuquerque, New Mexico, eine Art Wunder zugetragen zu haben.
Patricia White Bull soll nach 16 Jahren plötzlich aus dem Koma erwacht sein, in das sie kurz nach der Geburt ihres vierten Kindes gefallen war. Die Frau, die über Jahre in einem vegetativen Schlaf lag, habe zu der Schwester, die ihre Laken ordnete, plötzlich gesagt: »Lass das!«, erzählte der Arzt Elliot Marcus der Lokalzeitung »Albuquerque Journal«. Er habe Patricia White Bull seit mehreren Jahren beobachtet, seine Patientin sei nicht völlig abwesend gewesen, sie habe mit offenen Augen dagelegen, gelegentlich habe sie Arme und Beine bewegt, manchmal folgte ihr Blick einer schnellen Bewegung. Sie sei künstlich ernährt worden, habe nie gesprochen und auch nicht auf Schmerz reagiert. Innerhalb kürzester Zeit habe sich dieser Zustand verändert, sagt der Arzt. Sie sei plötzlich hellwach gewesen, in der Lage, ihren Namen zu schreiben, sie schminke sich selbst, laufe mit Unterstützung, esse und mache Ausflüge. Ihre Mutter habe sie mit »Merry Christmas« begrüßt. »Ich habe niemals damit gerechnet, dass sie erwachen würde«, sagte der Arzt. »Ich kann Ihnen dafür keine medizinische Erklärung geben.«
Wo es keine Erklärungen gibt, liegt das Wunder nah.
Mark White Bull steht breitschultrig, aber doch irgendwie hilflos im großen Versammlungssaal der Sioux-Indianer in Fort Yates, North Dakota. Draußen fegt der erste Schneesturm des neuen Jahrtausends übers weite Land, im Vorraum lungern ein paar zahnlose Indianer mit schlechter Haut um einen Kaffeeautomaten herum. Am Telefon ist ein japanischer Journalist, der ihn sprechen will. White Bulls Kollegin notiert den komplizierten Namen lautschriftlich auf einem kleinen Zettel und legt ihn zu den anderen komplizierten Namen aus aller Welt, die sich auf White Bulls kleinem Schreibtisch mischen.
Über White Bull klebt ein zotteliger Büffelkopf an der Holzwand. Daneben hängen die Porträts von »Rain in the Face«, »Two Bears« und vom jungen »Sitting Bull«. White Bulls mächtige Arme pendeln an seinem Oberkörper hin und her. Seine Muskeln sprengen die lässige Lederjacke fast. Er schaut seinen Ring an, der einen schwarzen Stein der Black Hills trägt. Er flieht in die Geschichte seines Volkes, was er immer wieder tun wird. Weil sie fest ist. Fester, guter Boden. Er erzählt von »Rain in the Face«, der ein großer Krieger war und von »Taken Alive«, dessen Nachfahre Jay heute im Stammesrat der Standing Rock Reservation sitze, wo auch er arbeitet.
»White Bull«, sagt er, »war ein Neffe von Sitting Bull. Wir sind Verwandte.«
Er schaut wieder nach oben zu den Porträts der großen Vorfahren. Was hätten sie gesagt?
»In 16 Jahren fließt viel Wasser den Missouri hinab«?
Vielleicht.
Die Liebesgeschichte, die Mark White Bull erzählt, ist eine Indianergeschichte.
Er lernte Patricia 1973 auf einem Parkplatz in Santa Fe, New Mexico, kennen. White Bull fuhr einen schneeweißen nagelneuen Toyota Corolla, auf dessen Stoßstange er in großen roten Buchstaben »Indian Power« geschrieben hatte. Mark White Bull war in der Standing Rock Reservation in North Dakota aufgewachsen, aber dort gab es keine Arbeit. Er zog mit 18 nach Kalifornien, wo er in einer Computerfirma eine Ausbildung machte. Als er 23 war, begann er, als Computerexperte bei einer Bank in Santa Fe zu arbeiten. Patricia Loretto war Pueblo-Indianerin aus einem Reservat in der Nähe von Albuquerque. Sie machte einen Film- und Fotokurs bei einer kleinen Firma.
Zu diesem Zeitpunkt begann die Bürgerrechtsbewegung der Indianer zu erstarken, aber immer noch versuchten sich viele Indianer zu bewegen wie die Weißen, um nicht aufzufallen. Patricia Loretto wollte den Fahrer des Toyotas kennen lernen, weil sie seine Offenheit bewunderte.
Sie gingen zusammen aus. Mark war 24, Patricia war 17, sagte ihm aber, sie sei 18. Ein Jahr später wurde ihre Tochter Cindi geboren. Sie zogen in einen Wohnwagen am Rande der Berge; heirateten 1979, im gleichen Jahr wurde ihr Sohn Jesse geboren, 1982 ihre Tochter Floris, im Juni 1983 begab sich Patricia White Bull ins Hospital, um ihren Sohn Mark Jr. zur Welt zu bringen. Die Ärzte im Indianerkrankenhaus entschieden sich für einen Kaiserschnitt. Der Junge kam gesund zur Welt. Es heißt, sie habe ihn noch im Arm gehabt. Aber etwa zwei Stunden nach der Operation habe ihre Atmung ausgesetzt, ihr Gehirn sei vorübergehend ohne Sauerstoff gewesen.
Patricia White Bull fiel in einen langen Schlaf.
Am 2. Weihnachtsfeiertag 1999 bekam Mark White Bull in Fort Yates, North Dakota, einen Anruf von seiner Tochter Cindi, die in Jacksonville, North Carolina, das College besucht. Patricia, seine Frau und ihre Mutter, sei aus dem langen Schlaf erwacht. Cindi flog sofort nach Albuquerque, wo ihre Mutter in einem Pflegeheim lag, Mark White Bull setzte sich mit seiner Mutter und seinen Kindern Jesse, Floris und Mark Jr. in einen 83er Oldsmobile und fuhr nach Süden. 24 Stunden lang. Das Zimmer von Patricia war mit Luftballons geschmückt, als sie eintraten. Es war ein kleines, schmuckloses Zimmer in einem Flachbau. Patricia White Bull teilte sich das Zimmer mit einer zerstreuten Greisin.
»Sie hat mich gleich erkannt«, sagt Mark White Bull.
»Ich habe gefragt: ,Weißt du, wer ich bin?'' Sie sagte: ,Mark!'' Sie hat auch Cindi und Jesse erkannt.«
»Sie hat mir die Hand geklatscht«, sagt Mark Jr.
Sie machten mit einer dieser kleinen Wegwerfkameras aus Pappe ein Familienfoto,
das sie wenig später einer Reporterin des »Albuquerque Journal« schenkten. Ihr Amateurbild schaffte es später bis in die »New York Post« und die »USA Today«. Mark White Bull traf sich mit der Reporterin in einer Mall in Albuquerque, weil er will, dass die Menschen »endlich auch mal eine gute Nachricht bekommen«. Damit es noch mehr Menschen sind, brachte die Reporterin gleich noch ihren Mann mit, der für das »People«-Magazin arbeitet.
Wenig später war das Fernsehen zu Gast im Haus von Patricias Mutter Snowflake. ABC-Reporter weckten die Familie mitten in der Nacht, denn für die Zuschauer in New York war es bereits frühmorgens, und die Sendung heißt »Good Morning America«. Der Bericht begann mit den Worten: »Am Weihnachtsabend beschloss Patricia White Bull, diesmal an der Party teilzunehmen.«
Dazu gab es Bilder, auf denen Krankenschwestern mit angestrengten Gesichtern eine schmale, blasse Frau durch einen Raum schleifen. Jemand aus dem Off forderte sie auf, Worte nachzusprechen. Man sieht, wie sich ihre Lippen bewegen. Sie ist gut frisiert, und einmal hält sie lachend einen aufgerichteten Daumen in die Kamera. Im anschließenden Interview mit den Kindern und der Mutter ist wieder viel von »miracle« die Rede. Der Arzt Elliot Marcus sitzt auch mit dabei, um zu wiederholen, dass er »so etwas auch noch nicht erlebt« habe.
Mark White Bull fehlte bei der Liveübertragung. Er wollte nicht ins Haus seiner Schwiegermutter, und er darf es auch gar nicht. Aber das passt nicht in die Geschichte. Im »Albuquerque Journal« wird er mit der Bemerkung zitiert: »Wenn sie gesund wird und wieder eine Beziehung mit mir haben will: Ich stehe bereit.«
Der Zeitpunkt des wundersamen Erwachens hatte sich in der Berichterstattung vom 21. Dezember leicht nach hinten verlagert und den Heiligen Abend erreicht. Somit war es ein Weihnachtswunder. Nach dem Interview erklärte es die Moderatorin der Sendung »Good Morning America« noch zu einem Millenniumswunder.
Nach einer Woche in New Mexico fuhr die Familie nach Dakota zurück. Patricias Bruder John sitzt nun im Vorraum der Nursery, ein Pueblo-Indianer mit einem langen Zopf zwischen alten Menschen mit leeren Blicken. Jeden Fremden bittet er zu verschwinden. Er bewacht seine Schwester. Ihr Zustand sei unverändert, sagt er. Was immer das heißt. Die Beschreibungen bleiben verschwommen. Sie spreche klar, sagt Mark White Bull. Sie lache viel, sagt Cindi. Sie habe gestaunt, wie groß er sei, sagt Mark Jr. Sie sei ein Fan der Raiders, sagt Floris.
Die ersten Experten bezweifeln die Geschichte. Es gebe keine Präzedenzfälle. Entweder kann das Koma nicht tief gewesen sein, oder die Reaktionen der Frau nicht so wie beschrieben, sagen sie. Der Arzt ist im Urlaub, das Wunder wackelt.
Mark White Bull entschuldigt sich dafür, dass er nicht mehr am Bett von Patricia sitze. Er könne sich das nicht leisten. Er müsse ja Geld verdienen.
Als er, damals vor 16 Jahren, nach der Arbeit ins Krankenhaus kam, um seinen Sohn auf der Welt zu begrüßen, hätten alle ihn so komisch angesehen. Aber wenigstens sei der Junge gesund gewesen. Er stand allein mit den Kindern da. Er rief seine Mutter in North Dakota an, sie kam. Er redete auf seinen neugeborenen Sohn ein, bat ihn, ihm zu verzeihen. Dann gab er ihn seiner Mutter, die ihn mit in den Norden nahm. Erst mit fünf erfuhr Mark, woher er wirklich kam. Drei Kinder waren immer noch viel. White Bull trank jetzt sehr stark und arbeitete nur noch nachts. Manchmal nahm er die Kinder mit, weil er keinen Babysitter bekam. Nach drei Jahren zog er mit den Kindern nach Dakota, um seine Verwandten um sich zu haben. Ein Jahr später ließ er sich von Patricia scheiden. Die Zeit rutscht zusammen. Er muss sich für so viele Dinge entschuldigen.
»Ich hatte sämtliche Hoffnung aufgegeben«, sagt er.
Außerdem hatte er eine andere Frau kennen gelernt, die er heiratete. Sie war eher eine Trinkpartnerin als eine Lebensgefährtin, glaubt er heute. Irgendwann begriff er, dass er alkoholkrank ist. Er besuchte eine Therapie in Iowa, die indianische Riten mit Methoden der Anonymen Alkoholiker kombiniert. Er glaubt, dass er dort herausfand, wer er wirklich ist. Seit 13 Jahren trinkt er nicht mehr. Es gab noch zwei weitere Ehen. Eine hielt ein Vierteljahr, die letzte nur noch drei Wochen. Mark White Bull glaubt, dass er zu sehr an Patricia hing. Alle glauben das.
Würde er Patricia wirklich wieder heiraten?
»Wenn sie mich noch will, nach all dem. Ja. Es war die Liebe meines Lebens. Sie war nicht zu ersetzen.«
Es klingt, als wolle er büßen. Als wolle er irgendetwas wieder gutmachen. Eine Erwartung erfüllen, die er selber erzeugte. Dem Wunder gerecht werden, an das er glaubt. Seine Schwiegermutter wirft ihm vor, er habe seine Frau verlassen. Er hat sie zehn Jahre lang nicht einmal besucht. Er sagt, er habe die Kinder großgezogen.
Mark White Bull begann noch einmal zu studieren. Er zog mit den Kindern nach Grand Forks, wo er an der University of North Dakota Geografie studierte. Sie wohnten auf dem Campus. Er schloss das Studium ab. Er zog mit den Kindern nach Washington, wo er für einen demokratischen Senator aus North Dakota arbeitete. Dann fing er in der Stammesvertretung an.
Aus dem Faxgerät in Mark White Bulls Arbeitszimmer quillt die Offerte eines britischen Fernsehsenders, aus der Geschichte ein TV-Movie zu machen.
Soll er?
Er spricht von den Errungenschaften der letzten Jahre. In der katholischen Kirche von Fort Yates werden seit einiger Zeit indianische Messen gehalten. Die heilige Pfeife liegt dort neben dem ewigen Licht, von der Kanzel baumeln Lederbänder, das Kruzifix hängt vor einem Sternenquilt, der die Himmelsrichtungen und die Farben der Sioux darstellt, an den Wänden hängen Schilde und Hauben, und wenn die Indianer in der Kirche sind, stehen Trommeln vorm Altar. Am Wochenende feiern sie hier die Wiederauferstehung von Patricia. Die heilige Pfeife wird geraucht.
»Das gab es damals alles noch nicht, bevor Patricia einschlief. Keine Schwitzzeremonie, keinen Sonnentanz, das haben wir uns alles zurückerkämpft«, sagt Mark White Bull. »Auch die Casinos sind erst später gebaut worden.«
Er läuft selbstbewusst durch den riesigen blinkenden und piependen Spielsalon des »Prairie Knights Casino«, in dem alte, weiße Menschen vor einarmigen Banditen sitzen. Das Casino gehört dem Stamm, es ist die späte Rache der Indianer an den Kolonisatoren. Mark White Bull führt das alles vor, weil er beweisen will, was er in den 16 Jahren geschaffen hat. Es war nicht umsonst. »Lass das«, sollen ihre ersten Worte gewesen sein.
Aber was?
»Ich würde ihr das alles gern zeigen«, sagt er.
Sein Haus liegt weit einsam im Land. Hier ist bereits South Dakota. Es wird dunkel. Schwarz, um ehrlich zu sein. Es ist ein hübsches neues Haus, er hat sich vor zwölf Jahren darum beworben. Es wurde mit Regierungsgeldern finanziert. Vor fünf Monaten sind sie eingezogen. An den Wänden hängen Zeitungsausschnitte, die ihn bei Ausritten zeigen, auf denen er und seine Verbündeten gegen Unrecht protestierten, das den Indianern angetan wurde. Die Wohnung ist blitzblank. Alles ist bereit: Ich war fleißig, als du weg warst. Die Kinder sind groß und gut angezogen. Das Haus ist mit vielen neuen Möbeln voll gestellt. Die Bildagentur, der er seine Familienfotos vermachte, hat versprochen, ihn großzügig zu bezahlen. Bis jetzt ist noch nichts da. Hoffentlich hat er all die Sachen nicht auf Kredit gekauft.
»Er hat mich gefragt, ob ich nicht ein paar neue Möbel brauche«, sagt Mark Jr., der vor einem halben Jahr zu seinem Vater zurückkehrte.
»Ich hab Ja gesagt.« Er hat ein französisches Bett mit glänzenden, vergoldeten Kugeln auf den Bettpfosten bekommen. Mark Jr. ist der Einzige aus der Familie, der seine Mutter regelmäßig besuchte. Er galt als Waise und bekam ein spezielles Förderprogramm, das auch die Flüge nach Albuquerque bezahlte. Er erzählt, dass sie auch schon früher Ausflüge mit seiner Mutter gemacht hätten. »Wir haben sie ins Auto gesetzt und sind losgefahren. Aber sie hat nie gesprochen, und ihre Hände waren so steif. Es ist wirklich ein Wunder. Ich weiß, sie schafft es. Sie ist eine starke Frau.« Er sagt, dass er nie die Margarinereklame im Fernsehen ertrug, in der strahlende Mütter zu sehen waren. Er will an die Universität nach Albuquerque, um dort Kunst zu studieren. Er will in ihrer Nähe sein.
Er will ein paar Bilder von früher zeigen, aber das Album ist leer. Er schweigt.
Sein Vater ruft alle ins Wohnzimmer. Auf die neue Couch.
Die Videokassette mit der »Good Morning America«-Sendung ist eingetroffen. Er legt sie in den Videorecorder. Es dauert einen Augenblick, bis es losgeht, denn auch der Fernseher und der Videorecorder sind brandneu. 50 000 Dollar hat eine der TV-Produktionen für eine Verfilmung des Schicksals geboten. Vom Dankgottesdienst am Sonnabend wird die Fernsehsendung »20-20« exklusiv berichten. Die Kinder sitzen auf dem neuen Sofa. Die begeisterte Moderatorin erscheint, Floris schaut angewidert. Auf ihrem Oberarm steht »Lakota Pride«. Ihre Großmutter sagt wieder: »Sie hat ,Merry Christmas Mum'' gesagt.« Dann schleppen die Krankenschwestern ihre Mutter durch den Raum.
Das Wunder ist bereits geronnen. Vollzogen irgendwie. Niemand im Raum weiß, wie es Patricia White Bull im Augenblick geht. Sie haben nicht mehr angerufen, seit sie da waren.
»Wunder gibt es jeden Tag. Wir sind bloß zu blind, sie zu sehen«, sagt die 17-jährige Floris mechanisch.
»Ich bin dort zu Hause, wo mein Herz schlägt«, sagt der 16jährige Mark.
Und sein Vater erzählt jetzt noch eine Geschichte.
»Ich habe meine Mutter am 21. Dezember angerufen, weil ich mit Mark nicht mehr klarkam. Er hörte nicht mehr auf mich. Er sagte, ich hätte ihn im Stich gelassen, als er drei Tage alt war. Ich sei nicht sein richtiger Vater und solche Sachen. Meine Mutter sagte, sie werde für ihn beten. Sie werde Patricia bitten, uns zu helfen. In der gleichen Nacht ist Patricia erwacht. Sie hat die Gebete erhört.«
Mark White Bull fragt bei der Agentur, die seine Familienfotos vermarktet, an, ob er fotografiert werden darf. Er erreicht niemanden. Er schaut flehend, hilflos. Was ist jetzt richtig?
Irgendwann erscheint eine Frau, die wohl White Bulls Freundin ist. Als sie uns sieht, verschwindet sie schnell. Niemand sagt ein Wort. Fünf Minuten später erzählt White Bull, dass er jetzt noch zu einer Versammlung müsse. Es ist kurz vor Mitternacht, aber alle nicken, als würden sie es glauben.
Das Wunder verlangt es.
Am nächsten Morgen frühstücken wir in einer kleinen Bude, die Frau an der Fritteuse war mit Mark auf der High School.
»Sag mal, Mark, ist das deine Frau, da unten in Albuquerque?«, fragt sie mit leuchtenden Augen.
»Ja«, sagt er stolz.
»Ist es nicht ein Wunder?«, fragt sie, und auch die anderen beiden Köchinnen sehen jetzt interessiert aus der Luke.
»Ein unglaubliches Wunder«, sagt Mark White Bull. »Ich bin so glücklich.«
Der Stein am Ufer des Missouri schneit langsam zu. Der Standing Rock. Auf seinem Sockel steht die Geschichte, dass sich eine Frau mit einem kleinen Kind weigerte, den Stamm der Sioux nach Süden zu begleiten. Sie wollte hier bleiben. Ihr Mann, sagt Mark, habe eine andere gehabt, sie sei eifersüchtig gewesen, und eifersüchtige Frauen seien zu allem fähig. Jedenfalls blieb die Frau zurück. Als man später Reiter nach ihr schickte, um sie nachzuholen, fanden sie nur diesen Stein wieder, in den sich Frau und Kind verwandelt hatten. Den Standing Rock, der dem Reservat seinen Namen gab.
Vielleicht schafft er es ja. Vielleicht werden sie zur Legende. Die Frau, die nach 16 Jahren die Gebete einer alten Frau erhört und zu ihrem Mann und ihrer Familie zurückkehrt. Die Legende von der Kraft der Liebe. Vielleicht erzählen sie sich das hier in 200 Jahren am Ufer des Missouri.
Es wäre ja wirklich eine schöne Geschichte.
* Im Dezember 1999.