Der Python als Personalchef - DER SPIEGEL
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PSYCHOLOGIE Der Python als Personalchef

»Jeder ist ein Gewinner«, verkündet der Managertrainer Emile Ratelband. Er läßt Arbeitslose in Glasscherben springen, damit sie einen Job finden - und gehört damit zu den Erfolgreichsten in einer dubiosen Branche, die Milliarden umsetzt. Von Marianne Wellershoff
• aus DER SPIEGEL 16/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Emile Ratelband spätnachts ins Bett geht, schlafen seine beiden Hunde schon lange, und wenn er frühmorgens aufsteht, liegen sie immer noch wie leblos in ihrer Hundehütte draußen im 10 000-Quadratmeter-Garten ihres Herrn. Dabei sind die massigen neapolitanischen Mastinos 70 Kilo Energie; der eine ist Weltmeister, der andere Europameister - aber gegen Ratelbands rastlose Vitalität haben sie keine Chance.

Während die Hunde ausschlafen, stellt Ratelband im frisch gebügelten dunkelblauen Anzug die Kaffeemaschine an. Ein paar Minuten später sitzen an diesem Dienstag morgen seine Kinder Minou, Charles und Georgine am Frühstückstisch.

Es ist Viertel nach sieben, und sie blicken mit müden Augen aus den gewaschenen Gesichtern, als der Vater hastig seine Geburtstagsgeschenke aus dem Papier reißt: ein Plastikaquarium mit blaugefärbtem Wasser und Plastikfischen, die neue CD mit Pop-Schmalz von Andrea Bocelli, ein Dalai-Lama-Taschenbuch, danke, Küßchen.

»Schnell essen, ich will weg«, kommandiert Ratelband, 48, und schneidet eine Grapefruit auf, ißt Kiwis, Orangen und eine Birne, ohne Pause, ohne überflüssige Bewegungen. Als seine Frau Jenny endlich zum Geburtstagsfrühstück kommt, liegen die Schalen schon zum Scheiterhaufen aufgeschichtet auf dem Teller.

Und schon macht sich Ratelband auf den Weg, holt sein Jackett, das Gepäck, gibt ein paar flüchtige Abschiedsküsse und steigt in den dunkelblauen Bentley. Er hat noch fünf Stunden Zeit, bis er in Köln sein muß. Das ist zwar nur zwei Autostunden entfernt von seiner reetgedeckten Klinkervilla in einem Vorort von Arnheim, trotzdem hat er keine Minute zu verschwenden; jedenfalls kommt es ihm so vor. In Köln wird er, der erfolgreiche Managertrainer, im Maritim Hotel ein Seminar für Arbeitslose geben, um sie aus ihrer Depression und Lethargie zu holen und sie zu motivieren, mit neuem Mut und neuen Ideen auf Jobsuche zu gehen.

Der Eintritt für die Arbeitslosen ist frei, die Kosten trägt Ratelband. »Das ist mein schönstes Geburtstagsgeschenk«, ruft er begeistert. Ein paar zehntausend Mark hat er ausgegeben für Inserate, Organisation, den Tagungsraum und die Musikanlage. »Macht mir kein Flaus aus«, sagt Ratelband in seinem holländischen Deutsch. An diesem Tag will er Gutes tun.

Der Persönlichkeits- und Karrieretrainer Ratelband ist eine Art Rudi Carrell der Seminarindustrie. Bis zu 50 000 Mark Gage verlangt er für sein Infotrainment. Er verkauft ein bißchen Information über das Umprogrammieren falscher Verhaltensmuster, und er verkauft noch mehr Show: Er spielt den Schamanen und setzt Vorstandsmitgliedern südamerikanische Vogelspinnen ins Gesicht, wickelt ihnen einen Python um den Hals und schickt sie zum Feuerlauf über glühende Holzkohle. So sollen Spitzenmanager Urängste überwinden und daraus den Schluß ziehen, daß sie auch im Arbeitsalltag nichts zu fürchten haben. Wenn das nicht funktioniert, so haben sie später weniger Angst vor Vogelspinnen - wofür das auch immer gut ist.

Mehr als 270 Unternehmen haben Ratelband schon gebucht, seit er 1988 mit den Seminaren anfing; darunter, so erzählt er, Bahlsen, IBM, Toshiba, Mövenpick und VW. Davon lebt er so gut, daß er schon lange nicht mehr auf seine in ganz Holland verbreitete Pommes-Buden-Kette angewiesen ist, die ihn in den achtziger Jahren reich machte.

Der Mann kommt gut an bei Arbeitgebern, was kein Wunder ist, denn er sagt Sachen wie: »Die Zeit der Rechte ist vorbei, nun ist die Zeit der Pflichten gekommen.« Oder: »Die Besten werden siegen.« Oder: »Die Leute sind zu satt.« Da ist die Schuldfrage schnell geklärt, wenn der Umsatz nicht mehr stimmt. Aus strukturellen Problemen wird individuelles Versagen.

»Die Jobs liegen auf der Straße«, verkündet Ratelband, als er auf der A 57 nach Köln zum Arbeitslosenseminar fährt, komfortabel in den cremefarbigen Ledersitz des Bentley gelehnt. Zum Beispiel habe er neulich beim Tanken gesehen, daß die Überdachung der Tankstelle einen neuen Anstrich bräuchte: »Da wäre ich als Arbeitsloser zum Chef gegangen und hätte gesagt: Für 200 Mark mache ich dir das.« Schwarzarbeit? »Regeln sind dafür da, gebrochen zu werden.«

Besonders empört hat ihn, daß er 18 Anzeigen schalten und die Medien im Rheinland bemühen mußte, um am Ende 450 Arbeitslose für sein Seminar zusammenzutrommeln. Einer habe am Telefon gesagt, er komme nur, wenn es Werbegeschenke gebe, ein anderer verlangte von Ratelband das Zugticket nach Köln.

»Eigentlich hätten sich viereinhalb Millionen müssen«, sagt Ratelband, oder etwa nicht? Sind die Arbeitslosen doch alle Arbeitsscheue? Vielleicht hielten viele den Trainer von vornherein für einen Scharlatan oder glaubten, daß sie am Ende der Veranstaltung noch eine Heizdecke kaufen müßten, weil man nichts geschenkt kriegt in dieser kalten Gesellschaft.

Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für die unentwirrbare Branche der Trainer, Seminarleiter und Berater. Wo die alten Rezepte für den Aufschwung nicht mehr helfen, müssen neue her. Ist die Ratlosigkeit sehr groß, reicht es schon, wenn bekannte Ratschläge in neuer Verpackung präsentiert werden. Da gibt es die »Sechs-Hüte-Methode«, einen dänischen »Chaos-Piloten«-Kurs, das »Tango-Planspiel« oder das Survival-Training in der schwedischen Wildnis. Ob Arzt, Psychologe, Sportler, Offizier - wer auch immer glaubt, über besondere Lebenserfahrung zu verfügen und diese vermitteln zu müssen (oder viel Geld verdienen zu können), versucht sich als Managertrainer. Die eigene defizitäre Psyche gilt oft schon als Konzept. Mindestens zehn Milliarden Mark im Jahr, schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft, werden auf dem Weiterbildungsmarkt umgesetzt. Erfolgskontrollen gibt es keine.

Ratelband ist ein Prototyp in diesem seltsamen Geschäft. Daß er nicht bloß mit seinem Assistenten Kees, sondern gleich mit einem ganzen Zoo anreist, anstatt mit Folien, Dias und Fotokopien Führungsstrategien und Kommunikationsmodelle zu erläutern, ist eine dieser skurrilen neuen Präsentationsformen. Daß Begeisterung das Arbeitsergebnis verbessert, wie Ratelband verkündet, ist dagegen eine alte Botschaft.

Für ihn zumindest funktioniert sie: Als er auf der A 57 vor einer Baustelle im Stau steht, stürzt er aus dem Bentley und verteilt Röllchen mit pastellfarbenen Drops an gelangweilte Männer in Lastwagen, an genervte Autofahrer und die Bauarbeiter, die er mit dem Zuruf überrascht: »Schön, daß Stau ist, dann haben wir morgen eine neue Straßendecke!« Wieder hat er ein paar Leuten »ein gutes Gefühl gegeben«, wie er sagt. Er schreit noch »Tschakaaa!« und rennt lachend zum Auto zurück. Vorbei der Ärger über den Stau.

Seinen Schlachtruf »Tschaka« habe er von der Geschichte des afrikanischen Zulu-Häuptlings Tschaka abgeleitet, erzählt er später auf der Bühne des Maritim-Festsaals. Der wurde als Kind von seinem Vater verstoßen, war von da an ein Außenseiter, setzte aber seinen ganzen Ehrgeiz daran, trotzdem Häuptling der Zulu zu werden. Und er wurde es.

»Jeder ist ein Gewinner« ist daher Tschaka Ratelbands Devise. Sie kommt an bei Leuten, die sich in der Leistungsgesellschaft als Verlierer fühlen. Seien es die deutschen Vertragshändler des italienischen Motorradherstellers Ducati, die vielleicht mehr an BMW-Maschinen glauben als an die eigene Ware; seien es Münchner Hausfrauen auf dem Weg ins Berufsleben, die er mit dem Satz anfeuert: »Wenn Sie darauf vertrauen, daß Sie es schaffen, dann haben Sie Charisma«; seien es die Arbeitslosen im Kölner Maritim Hotel.

»Wie oft haben Sie sich beworben?« schreit Ratelband ins Mikrofon, »20mal? Und wie viele offene Stellen gibt es in Ihrer Branche? 20 000? Das sind 19 980 vertane Chancen!« Applaus für den Trainer. Die Menschen lassen sich mitreißen von dem Mann, der wie ein Irrer über Stühle rennt, »woran Sie glauben, das bekommen Sie auch« ruft und schwitzend zu überlauter Pop-Musik auf der Bühne herumhüpft.

Ratelband überredet einen Mann, barfuß in Glasscherben zu springen, er heilt die arbeitslose Sonja mit Hilfe einer Boa und eines vier Meter langen Pythons von ihrer Schlangenphobie - und damit stellvertretend von ihrer Angst vor dem Personalchef. Er trommelt auf seiner Brust herum, läßt die Menschen im Saal Polonaise tanzen und brüllt immer wieder »Tschaka, Tschakaa«.

Seine Biographie hat Ratelband längst zur Heldensage stilisiert: Jetzt ist er der Häuptling der Karrieretrainer, aber er war mal der Sohn eines holländischen Bäckers, der mit den Nazis kooperiert hatte und auf dessen Schaufenster die Leute nach dem Krieg Hakenkreuze malten. Seine Mutter hängte an Emil noch ein »e« an, damit der Name nicht mehr deutsch, sondern französisch aussah.

Emile war dick und sein Körper voller Ekzeme - eine Fleisch-Allergie, wie er 35 Jahre später herausfand. Keiner wollte mit ihm spielen. Da hatte er genug Zeit, um nach der Schule Brötchen auszutragen. Erfolg bedeutete Geld, Geld bedeutete Anerkennung, und dieses kaum zu stillende Bedürfnis nach Anerkennung ist die Energie, die Ratelband vorwärtstreibt. »Ich will immer Großes«, sagt er, »und noch Größeres.«

Er machte aus der Bäckerei ein Großunternehmen und verkaufte es. Er bestellte 500 Sets Alfa-Romeo-Felgen, die dann aber keiner haben wollte. Er exportierte 100 000 Brote nach England und wurde sie nicht los. Anfang der achtziger Jahre gründete Ratelband seine Kette von Pommes-frites-Buden. 1986 zog er mit seiner Familie durch Kanada und die USA und briet holländische »Poffertjes«, weil er mal wieder eine neue Herausforderung brauchte.

Auf diesem Trip lernte Ratelband den kommerziell erfolgreichsten Persönlichkeitstrainer der USA, Anthony Robbins, kennen, von dem er Theorien und Techniken des Karrieretrainings übernahm - sehr zum Ärger von Robbins, der heute kein Wort mehr mit Ratelband redet. Seitdem verkauft der Holländer nicht mehr fettgebackene Pfannkuchen, sondern aufgebackene Weisheiten.

Sie schmecken offenbar: Die meisten Arbeitslosen warten nach acht Stunden Seminar noch in einer langen Reihe, um sich Ratelbands Buch »Der Feuerläufer« signieren zu lassen, das er jedem Teilnehmer geschenkt hat. »Lebe Deine Träume«, schreibt er mit energischer Krakelschrift hinein, und einer sagt zu ihm: »Ich leide sehr unter meiner Arbeitslosigkeit, aber Sie geben mir das Gefühl wieder, das ich früher bei Erfolgserlebnissen hatte.« Und Emile steht auf der Bühne, hört zu, nickt, umarmt, klopft auf Schultern: ein dicker Junge, der sich die Anerkennung der anderen zum Geburtstagsgeschenk gemacht hat.

Zwei Tage nach dem Seminar schickt der erste ein Fax: Er sei gleich am nächsten Morgen mit neuem Elan aufgebrochen und habe einen Job gefunden. Tschaka!

Emil war arm, dann wohlhabend, dann pleite, aber inzwischen ist er reich. Es ist nur ein Buchstabe, der den Unterschied macht - zwischen einem windigen und einem findigen Geschäftsmann.

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